Es ist eine Art urbanes Wohnzimmer

Chris van Duijn ist seit 2000 bei OMA und betreute u.a. die Central Library in Seattle, die 2004 eröffnete. Caen war ein weiteres wichtiges Projekt. Bibliotheken reflektieren für ihn als traditionsreiche Institutionen unsere Gesellschaft mit all ihren Veränderungen. Inzwischen ist er für den in Bau befindlichen Axel Springer Campus in Berlin verantwortlich.

Text: Schürkamp, Bettina, Köln

    Chris van Duijn studierte Architektur an der TU Delft. Seit 2000 ist er bei OMA in Rotterdam und arbeitete u.a. an den Großprojekten Central Library in Seattle (2004), Casa da Musica in Porto (2005), CCTV Headquarter in Peking (2012) und Fondazione Prada in Mailand (2015). Der Architekt im Lesesaal von Caen
    Foto: Bettina Schürkamp

    Chris van Duijn studierte Architektur an der TU Delft. Seit 2000 ist er bei OMA in Rotterdam und arbeitete u.a. an den Großprojekten Central Library in Seattle (2004), Casa da Musica in Porto (2005), CCTV Headquarter in Peking (2012) und Fondazione Prada in Mailand (2015). Der Architekt im Lesesaal von Caen

    Foto: Bettina Schürkamp

    Der Entwurf für die Bibliothèque nationale de France in Paris erhielt beim Wettbewerb 1989 eine Lobende Erwähnung.
    Isometrie: OMA

    Der Entwurf für die Bibliothèque nationale de France in Paris erhielt beim Wettbewerb 1989 eine Lobende Erwähnung.

    Isometrie: OMA

    Modell der zwei nicht realisierten Bibliotheken der Universität Jussieu in Paris (1992).
    Foto: OMA

    Modell der zwei nicht realisierten Bibliotheken der Universität Jussieu in Paris (1992).

    Foto: OMA

    2004 baute OMA die Central Library in Seattle.
    Foto: Iwan Baan

    2004 baute OMA die Central Library in Seattle.

    Foto: Iwan Baan

Es ist eine Art urbanes Wohnzimmer

Chris van Duijn ist seit 2000 bei OMA und betreute u.a. die Central Library in Seattle, die 2004 eröffnete. Caen war ein weiteres wichtiges Projekt. Bibliotheken reflektieren für ihn als traditionsreiche Institutionen unsere Gesellschaft mit all ihren Veränderungen. Inzwischen ist er für den in Bau befindlichen Axel Springer Campus in Berlin verantwortlich.

Text: Schürkamp, Bettina, Köln

Welche Rolle spielen Bibliotheken heute?
Seit den achtziger Jahren hat OMA mehr als zehn Konzepte für Bibliotheken vorgelegt. Trotz aller Unterschiede zwischen Wettbewerbsprojekten wie die Bibliothèque nationale de France (1989), den zwei Bibliotheken von Jussieu (1992), beide in Paris, und der fast fertiggestellten Bibliothek von Doha treiben uns immer noch die gleichen Fragen an: Warum bauen wir heute eine Bibliothek, wenn scheinbar jeder alle Informationen überall herunterladen kann? Welche Rolle spielen noch die Bücher? Treten mehr soziale Aufgaben in den Vordergrund? Unsere Antwort darauf ist: Bibliotheken reflektieren als traditionsreiche Institutionen unsere Gesellschaft mit all ihren Veränderungen. Literatur, Kunst, Wissenschaft und die soziale Interaktion werden so immer wieder neu abgebildet.
Die 2004 eröffnete Seattle Central Library wird seit mehr als zehn Jahren genutzt. Sind Erfahrungen aus Seattle in das Projekt in Caen eingeflossen?
Die Bibliothek von Seattle war als Schlüsselprojekt Teil einer unerwarteten „Explosion“ – nach Jahren nicht gewonnener bzw. realisierter Wettbewerbsentwürfe konnte OMA plötzlich meh­rere seiner Projekte bauen. Es war eine außergewöhnliche Chance, dass der Entwurf für Seattle nicht im Rahmen eines üblichen Architektenwettbewerbs entstand, sondern OMA zunächst mit einer mehrwöchigen Studienphase beauftragt wurde. Durch Workshops mit Bibliothekaren und Besuche von Bibliotheken in Amerika und Europa erlangten wir ein tieferes Verständnis wie dieser Gebäudetyp heute funktioniert. Fragen rund um die Zukunft des Buchs und die Bedeutung eines durchdachten sozialen Raums stehen seitdem im Zentrum unserer Bibliotheks-projekte.
In Caen ist die Bibliothek aus einem engen, dunklen Gebäude in der Innenstadt auf ein leergeräumtes, ehemaliges Industrieareal gezogen. Welche Rolle spielt das Gebäude in der Stadt­erweiterung?
Als wir gemeinsam mit Barcode Architects mit dem Wettbewerbsentwurf begannen, wuss­ten wir, dass unser Projekt das Sprungbrett zur Stadterweiterung sein würde. Die bis dahin bekannten Ränder markierten wir mit einem kreuzförmigen Gebäude, das die Stadt und das neue Areal miteinander verbindet. Erst drei Jahre später entstand der Masterplan von MVRDV, in dem der Justizpalast, das FabLab-Gebäude „Le Dôme“ und die Hochschule für Kunst und Medien Caen-Cherbourg gemeinsam mit der Bibliothek um eine grüne Freifläche angeordnet sind. Mit Blick auf all die unbekannten Faktoren im Umfeld war das kreuzförmige Gebäude von Anfang an eine starke Basis für dieses Projekt, weil es bei vielen Menschen einprägsame Assoziationen weckt und die vier Themenschwerpunkte der Bibliothek übersichtlich anordnet. Vier „urbane Taschen“ rund um den Kreuzungspunkt verbinden die Stadt und die Bibliothek miteinander. Lichtbänder im Auditorium wie auch in den Büro- und Arbeitsräumen folgen der Ausrichtung des Kreuzes, so dass man von außen die Achsen deutlich ablesen kann. Im Gegensatz dazu ist das neu­trale Punktraster der abgehängten Metalldecke im Lesesaal nach dem Verlauf des angrenzen­-den Kanals ausgerichtet. Der zweigeschossige Raum tritt so als „leere Form“ hervor und geht unabhängig von der Gestalt des Kreuzes eine eigenständige Verbindung mit dem städtebau­lichen Kontext ein.
Die Bibliothek von Seattle entwickelte sich aus der öffentlichen „Library for All“-Initiative und einer Studienphase heraus. Inwieweit wurde der Entwurfsprozess in Caen durch die Öffentlichkeit und die Auftraggeber beeinflusst?
Es gab Informationsveranstaltungen, aber die Interaktion mit der Öffentlichkeit war nicht so intensiv wie in Seattle. Die Bibliothek in Caen wurde für einen regionalen Kontext bei einem Wettbewerb konzipiert, dessen Ergebnis von allen respektiert wurde. Wir hielten uns präzis an das Raumprogramm in der Ausschreibung, erfüllten aber die Anforderungen in einer Art, wie es der Auftraggeber nicht erwartet hatte. Der kreuzförmige Grundriss war eine ungewöhnliche Lösung, die dennoch seine Vorstellungen auf überzeugende Weise erfüllte. Die Räume in den Kernen am Ende der vier Achsen bieten viel Nutzungsflexibilität und konnten in Abstimmung mit der Bibliotheksleitung und der städtischen Kulturabteilung weiterentwickelt werden.
Warum beschreiben Sie dieses Gebäude immer wieder mit dem Begriff „neutral“?
Im Erdgeschoss ist ein vielfältiges Raumprogramm mit der Lobby, der Buchrückgabe, Ausstellungen und einem Auditorium angeordnet. Wir betonen aber nicht jede einzelne Funktion, sondern heben hervor, dass es sich um einen kontinuierlichen Raum mit maximaler Bezug zum urbanen Kontext handelt. Vergleichbar einem städtebaulichen Projekt werden Elemente wie der halbrunde Pressekiosk durch ihre Materia­lität betont, während andere Oberflächen mit einem rauen und industriellen Charakter in den Hintergrund treten. Auch wenn wir so viele unterschiedliche Funktionen anbieten, verbindet eine kontinuierliche räumliche Atmosphäre alle Elemente miteinander. Der Lesesaal verfügt über eine konkretere Materialität mit dem Holzparkett und transluzenten weißen Regalen. Neutralität ist für uns eine Methode mit Komplexität umzugehen und eine Hierarchie im Raum zu erreichen. Um die ganze Bandbreite des Programms zu verwirklichen, musste die Masse des Gebäudes neutral sein. Der einzige Ort, an dem wir mit den Materialien und dem Programm möglichst spezifisch sind, ist der als große „Leere“ hervorgehobene Lesesaal.
Die Bibliothek bietet ein vielfältiges Spektrum von Arbeitsplätzen für Einzelpersonen und Gruppen an. Sehen Sie Parallelen zu den Büroflächen im Axel Springer Campus in Berlin?
In vielerlei Hinsicht ist der Lesesaal eher ein ur­baner öffentlicher Raum als ein Studienzim­-mer. Wir haben hier Arbeitstische für Co-working, Lounge-Sitze, aber auch zurückgezogene Leseplätze in den Mezzaningeschossen, wo man einen schönen Überblick über das gesamte Geschehen hat. Ob nun Studierende, Schüler oder allgemein interessierte Leser – alle finden hier ihren eigenen Platz und sitzen am Ende zusammen in einer Art urbanem Wohnzimmer. Der Axel Springer Campus hat ein anderes Konzept. Die Idee ist, Start-ups mit Springer-Unternehmenszweigen in einem Raum zusammen zu bringen und die Umstellung von gedruckten zu digitalen Medien in einem neuartigen Arbeitsumfeld ab­zubilden. Während heute viele Mitarbeiter isoliert an ihren Bildschirmen gefesselt sind, empfindet das Foyer mit den terrassierten Arbeitsebenen die Realität der sozialen Netzwerke nach, wo alles sichtbar und die Inhalte unmittelbar zugänglich sind. Hier entsteht kein Ort an dem man am Geländer lehnt und herunter schaut – Menschen werden dort ihre Arbeitsunterlagen an den Wänden aufhängen. Das Erdgeschoss ist offen zur Stadt und bietet neben Restaurants und Ausstellungen auch Flächen für Co-working. Auf den Ebenen darüber sind 25 Prozent der vermieteten Büroflächen im offenen Foyer untergebracht. Eine solche Konzeption wurde bisher noch nie umgesetzt. Allerdings sehen wir, wie schwierig es ist, diese Arbeitsräume gemäß den in Deutschland geltenden Bestimmungen zu bauen und gleichzeitig mit dem Mietpreis der anderen Büroflächen in Berlin zu konkurrieren.
Gibt es etwas, auf das Sie beim Axel Springer Campus besonders gespannt sind?
Das Gebäude mit offenen Grundrissen wird die doppelte Höhe des Berliner Blocks erreichen. Verglichen dazu ist der Raum in der Bibliothek von Caen gemütlich, fast niedlich.
Fakten
Architekten van Duijn, Chris, Rotterdam; OMA, Rotterdam
aus Bauwelt 4.2017
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