Watt ein Kubus

In Wilhelmshaven soll ein internationales Zen­trum für das Weltnaturerbe Wattenmeer entstehen. Dorte Mandrup gewinnt den Wettbewerb und setzt einen Luftschutzbunker in Szene.

Text: Gubernatis, Sebastian, Berlin

    1. Preis Dorte Mandrup mit Marianne Levinsen gehörten zu einem der drei geladenen Architekturbüros und konnten sich gegen die dreizehn Mitbewerber durchsetzen.
    Abb.: Architekten

    1. Preis Dorte Mandrup mit Marianne Levinsen gehörten zu einem der drei geladenen Architekturbüros und konnten sich gegen die dreizehn Mitbewerber durchsetzen.

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

    Abb.: Architekten

Watt ein Kubus

In Wilhelmshaven soll ein internationales Zen­trum für das Weltnaturerbe Wattenmeer entstehen. Dorte Mandrup gewinnt den Wettbewerb und setzt einen Luftschutzbunker in Szene.

Text: Gubernatis, Sebastian, Berlin

Im Zweiten Weltkrieg schützte der ehemalige Truppenmannschaftsbunker in Wilhelmshaven Zivilisten vor Bombenangriffen. Nun ist er Teil der dänisch-deutsch-holländischen Zusammenarbeit zum Schutz eines der größten und wichtigsten Ökosysteme der Welt: das Wattenmeer. Für das UNESCO-Weltnaturerbe soll nun ein trilaterales Weltnaturerbe-Wattenmeer-Partnerschaftszentrum (TWWP) entstehen. Das Verwaltungs-, Besucher- und Tagungszentrum ist eines von bundesweit 16 Bauvorhaben der Kategorie „Nationale Projekte des Städtebaus“, die mit vier Millionen Euro gefördert werden. Mit dem Vorhaben verspricht sich Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel eine „Visitenkarte für den Naturschutz an der Nordsee“. Den im vergangenen Sommer ausgelobten Wettbewerb konnte das dänische Architekturbüro Dorte Mandrup mit Marianne Levinsen für sich entscheiden.
Zentrale Aufgabe war es den besagten Luftschutzbunker in den Entwurf zu integrieren, der 1943 am Banter See Park errichtet wurde. Wilhelmshaven ist seit Anfang des 20. Jahrhunderts größter Marinestandort Deutschlands, seit 2011 größter Standort der Bundeswehr. Im Zweiten Weltkrieg wurden über hundert Luftangriffe auf Hafen und Stadt verübt, bei denen mehr als die Hälfte aller Wohngebäude zerstört wurde. Die Zahl an zivilen Opfern blieb aufgrund einer Vielzahl von Luftschutzbunkern verhältnismäßig klein. Heute ist der Bunker einer der letzten im Stadtraum. Andere, wie der einst nebenanliegende Bau und die Südzentrale, ein Kraftwerk aus dem Jahr 1908, das die Kaiserliche Marinewerft mit Strom versorgte, wurden in den letzten Jahren abgerissen. Eine Sanierung sei aus finan­zieller Sicht nicht möglich gewesen, so der Oberbürgermeister Andreas Wagner.
Wilhelmshaven erfährt einen starken Bevölkerungsrückgang. Andere Großprojekte wie der Tiefwasserhafen Jade Weser Port zerstörten den einzigen Sandstrand Wilhelmshavens und trugen zur Regression bei. Die nun 76.000 einwohnerstarke Stadt will sich wieder auf eine attrak­tivere Gestaltung der touristischen Zonen fokussieren. Dies muss jedoch in Einklang mit der Stadtgeschichte geschehen.
Für den Erhalt des Bunkers setzte sich aktiv eine Bürgerinitiative ein. Holger Raddatz, Vorsitzender der Bürgerinitiative, übt Kritik an der städtebaulichen Entwicklung: „Momentan konzentriert sich alles auf das Herausputzen der Sahneecken der Stadt, während andere Bereiche vor sich hin rotten.“ Die „Sahneecken“ sind die Südstrandpromenade und der Bereich um den Banter See. Dieser befindet sich neben dem Kulturzentrum und dem größten Hotel Wilhelms­havens in Fußnähe zur Innenstadt und ist ein gern genutzter Erholungsort. Während sich im Sommer Windsurfer und Badetouristen zusammenfinden, verbringen dort nach Schulschluss Jugendliche und Kinder ihre Nachmittage. Der Bunker ist das einzige bauliche Objekt, neben dem sonst nur von Schrebergärten umgebenden See. Er ist stark prägend für das bisherige Erscheinungsbild des ehemaligen Hafenbeckens.
Dorte Mandrups Entwurf überzeugt durch seine klare Form und Einfachheit. Anders als das von ihr geplante Wattenmeer-Zentrum im dänischen Ribe (Bauwelt 8.2017), das Ende 2016 eröffnet wurde, wird der Bestand nicht versteckt, sondern durch seine gläserne Hülle inszeniert. Der transparente Kubus schaffe es im besonderen Maße, den Charakter des Wattenmeeres architektonisch einzufangen, so die Jury. Den Außenraum gestaltete Marianne Levinsen. Die organisch entworfenen Höhen und Tiefen des Vorplatzes fungieren je nach Wetterbedingung als Regenwasserbecken oder Skaterplätze. Sie spielen auf sich nach Gezeiten richtende Bänke im Watt an. Die neue Hülle um den Bunkerbestand spiegelt tagsüber die Umgebung, abends agiert sie als Leuchtturm im Stadtraum. Der Baukörper wechselt wie das Wattenmeer seine Erscheinung. Die Transitzone zwischen filigraner Hülle und massivem Kern erinnert an das Wechselspiel von Land und Wasser. Wind und Wetter sind hier erfahrbar, während die thermische Speichermasse des Bunkers ein stabiles Klima gewährleistet. Das Bunkerinnere wird zur Archivierung genutzt, wobei eine Veränderung des Bestandes möglichst vermieden wird. Dabei dienen Decken- und Wandstärken von jeweils 3,75 Metern und 2,5 Metern als Fundament für die Aufstockung der vier weiteren Geschosse. Zwei elegante, geradlinige Treppen erschließen die oberen Bereiche, die als Besprechungs-, Technik- und Büroräume genutzt werden. Der mittig platzierte Innenhof folgt einer logischen Konsequenz der Gebäudetiefe von dreißig auf dreißig Metern. Er löst Belichtungs- und Belüftungsschwierigkeiten und verbindet die Geschosse untereinander mittels einer Wendeltreppe und verschiedenen Blickachsen. Den Blick über das Wattenmeer bietet das Ende der Gebäudekomposition: die Dachterrasse. Um die kubische Form zu wahren, soll die doppelt verglaste Fassade höher gezogen werden. Ein besonderer Entwurf für ein Wattenmeerzentrum, der es schafft, den Bestand von innen erlebbar zu machen, ihn als Tragstruktur zu nutzen und mit­hilfe einer neuen Hülle zu einem städtebaulichen Körper zu gestalten.
Nichtoffener Realisierungswettbewerb
1. Preis Dorte Mandrup mit Marianne Levinsen Lanskab, Kopenhagen
2.Preis Ludloff + Ludloff Architekten mit Herrburg Landschaftsarchitekten, beide Berlin
3.Preis Formation A mit Juca Landschaftsarchitektur,
Berlin
Anerkennung Architekten BKSP Grabau Leiber Obermann und Partner mit Peter Carl Landschaftsarchitekten,
Hannover
Anerkennung Architekten Klaus Sill mit Ando Yoo Landschaftsarchitektur, Hamburg
Juryvorsitz
Sabine Baumgart, Bremen

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