Philosophicum in Frankfurt am Main


Mit Stefan Forster hat ausgerechnet ein er­klärter Gegner der Nachkriegsmoderne Ferdinand Kramers Philosophicum in Frankfurt am Main umgebaut – ein Experiment, das unterm Strich sehr gut ausgegangen ist


Text: Santifaller, Enrico, Frankfurt am Main


    Kramers Philosophicum überragt den fünfgeschossigen Neubau an der Gräfstraße
    Foto: Lisa Farkas

    Kramers Philosophicum überragt den fünfgeschossigen Neubau an der Gräfstraße

    Foto: Lisa Farkas

    Die ursprüngliche Straßenfront des Philosophicums mit den außenliegenden Treppenhäusern.

    Die ursprüngliche Straßenfront des Philosophicums mit den außenliegenden Treppenhäusern.

    Die Ostfassade sieht fast aus wie vorher, ...

    Die Ostfassade sieht fast aus wie vorher, ...

    ... ist aber komplett neu. Auch die Fensteraufteilung (Kramer brach die Symmetrie mit mal zwei-, mal dreigeteilten Fenstern) wurde nachgebaut.
    Foto: Lisa Farkas

    ... ist aber komplett neu. Auch die Fensteraufteilung (Kramer brach die Symmetrie mit mal zwei-, mal dreigeteilten Fenstern) wurde nachgebaut.

    Foto: Lisa Farkas

    Mit Blick über die ehemalige Campuswiese: Mikroapartment im obersten Geschoss des ehemaligen Philoso­phicums
    Foto: Lisa Farkas

    Mit Blick über die ehemalige Campuswiese: Mikroapartment im obersten Geschoss des ehemaligen Philoso­phicums

    Foto: Lisa Farkas

    Die Treppenhäuser erschließen Alt- und Neubau.
    Foto: Lisa Farkas

    Die Treppenhäuser erschließen Alt- und Neubau.

    Foto: Lisa Farkas

    For­ster rekonstruierte Kramers Farbkonzept ...
    Foto: Lisa Farkas

    For­ster rekonstruierte Kramers Farbkonzept ...

    Foto: Lisa Farkas

    ... mit blauen und orangeroten Türen.
    Foto: Lisa Farkas

    ... mit blauen und orangeroten Türen.

    Foto: Lisa Farkas

    Die Giebelseiten des Altbaus wurden innenseitig mit Mineralplatten gedämmt.
    Foto: Lisa Farkas

    Die Giebelseiten des Altbaus wurden innenseitig mit Mineralplatten gedämmt.

    Foto: Lisa Farkas

Das Philosophicum ist das umstrittenste unter allen umstrittenen Gebäuden auf FerdinandKramers Universitätscampus im Frankfurter Stadtteil Bockenheim. Alexander Kluge, Filmemacher und einst Rechtsreferendar des Frankfurter Instituts für Sozialforschung, zählt die Kramer-Bauten zu den „glänzendsten Leistungen“ bundesdeutscher Nachkriegsarchitek­tur und erkennt „eine zarte Form“ – den eher konservativen Schriftsteller Martin Mosebach dagegen weht aus dem Philosophicum der „pure Nihilismus“ an.
Studenten, die dort Seminare besuchten, berichten von unerträglicher Hitze im Sommer und Kälte im Winter – das Resultat einer Bauweise, die Kosten, Material und Zeit minimierte (das Stahlskelett war in drei Wochen montiert), aber auch einer offensichtlich bewussten Vernachlässigung seitens des Universitätsbauamts.
Die damals höchst innovativen Heiz- und Kühldecken wurden, nachdem sie einmal nicht funktionierten, nie wieder repariert. Kramers subti­-les Farbkonzept, das für Türen unterschiedlicher Funktion je einen anderen Farbton vorsah, wurde bei einer Sanierung zerstört (und alle Türen in braun gestrichen; einer Farbe, die Kramer hasste). Und so nimmt es kein Wunder, dass sich das neungeschossige, nur elf Meter tiefe Haus sofort leerte, als die Geisteswissenschaften 2001 sukzessive auf den neuen Campus Westend zogen. Nach wenigen Jahren Leerstand verkam das Philosophicum zur Ruine, der Abbruch wurde diskutiert. Die städtische Wohnungsbaugesellschaft ABG, der das Land Hessen den alten Campus für gerüchteweise 110 Millionen Euro verkaufte, um das Areal zu einem „Kulturcampus“ umzuwandeln, befeuerte die Abbruchdiskussion mit einem Gutachten – doch es formierte sich eine Gegenbewegung. Man gründete das „Wohnprojekt Philosophicum“, wollte das Gebäude sanieren und darin „innovative Wohn- und Lebensformen und soziale Nutzungen“ ermöglichen. Der Umbauentwurf stammte vom Frankfurter Architekten DW Dreysse, der eine zweigeschos­sige „Rahmenbebauung“, Maisonetten, Lofts sowie eine Kita und ein „Café Kramer“ im Erdgeschoss vorschlug. Der Initiative gelang es, politische Unterstützung zu erhalten, sie scheiterte aber an der Finanzierung. Ende 2014 wurde das Gebäude an den privaten Investor Rudolf Muhr veräußert, der hierzulande in mehreren Städten „Studentenwohnheime“ betreibt, wobei man diese Anlagen aufgrund der sehr hohen Mieten wohl besser als „Mikroapartments“ bezeichnet.
Stadtplanung und Denkmalbehörde gestanden Muhr als „Kompensation für den denkmalpflegerischen Mehraufwand“ einen Anbau von etwa 3800 Quadratmeter BGF zu. Muhr, der nach eigenen Angaben 28 Millionen Euro in das Pro­-jekt investierte, beauftragte das Büro von Stefan Forster, mit dem er bereits ein verhalten expressionistisches Klinkergebäude mit 332 Mikro­apartments an der Frankfurter Adickesallee realisiert hatte.
Stefan Forster, erklärter Gegner von Kramers Städtebau, besuchte mehrmals Kramers Witwe Lore und erarbeitete gemeinsam mit den Denkmalschutzämtern ein Konzept mit dem Ziel, trotz der Umnutzung möglichst viel des Originals zu erhalten. Das Gebäude sei, so Forster, Teil des kollektiven Gedächtnisses, seine Erhaltung geschehe aus der Verantwortung gegenüber der Stadt und deren Geschichte. Und: Kramers flexible Konstruktion kam dem Umbau zu Hilfe. Die außenliegenden Stahlstützen, die fehlenden tragenden Mauern und Stützen im Inneren, betonte Kramer in seiner Eröffnungsrede (Bauwelt 15/ 1961), seien „keine Marotte des Architekten“, sondern der „größtmöglichen Freiheit in der räumlichen Aufteilung“ geschuldet. So passte denn die neue Struktur mit 174 Mikroapartments im Altbau und 64 im Neubau in das Raster des Bestands. Nicht einmal die Fassade musste geändert werden – im Gegensatz zu Dreysses Entwurf, der Loggien und Balkone vorsah. Lediglich die Flure, die Kramer für 1100 Personen plante, wurden ein wenig verschmälert.
Ursprünglich wollte man auch die Fassade erhalten, gerade an der Ostseite, die dem ehe­maligen Unicampus zugewandt ist. Die Untersuchungen des Büros Bollinger + Grohmann machten diese Hoffnung zunichte. Die Originalpaneele waren gerade einmal 5,5 Zentimeter dick – und damit ungenügend für heutige Anforderungen an Wärme- und Feuchteschutz. Etwa ein Viertel der Fenster war blind. Zwar hatte Kramer Isolierfenster mit verlöteten Rahmen verwendet, doch diese Rahmen wurden undicht. Darüber hinaus waren die Profile zu schmal und verformten sich unter dem Gewicht der Glasscheiben. Schließlich entschloss man sich, die Fassade komplett zu erneuern. Aus der Stahlskelett-Konstruktion mit vorgehängter Curtain-Wall wurde eine Stahlrahmenkonstruktion mit eingesetzten, nicht-tragenden Leichtmetallpaneelen, die nun hochgedämmt und 18 cm dick sind. Um die hohen Windkräfte aufzunehmen, verstärkte man die Fassade von innen mit C-Profilen. Die Fenster sitzen in thermisch getrennten Aluprofilen, wobei diese auf der gesamten Fensterlänge nur einen Zentimeter breiter als die Originalprofile sind. Da auch die Fensterteilung und das zurückgesetzte Erdgeschoss übernommen wurden, konnte das Bild der Ostfassade bis auf kleine Details erhalten werden. Das Gleiche gilt für die Giebelseiten in bräunlichem Sichtbeton, die mit Mineraldämmstoffplatten innenseitig gedämmt wurden.
Im Inneren des Gebäudes mussten Planer und Denkmalschützer häufiger über ihre Schatten springen, wobei der Verlust an Originalsubstanz durch Eigenmächtigkeiten seitens des Bau­-herrn noch erhöht wurde. Man sei des Öfteren „vor vollendete Tatsachen gestellt worden“, klagen Projektbeteilligte. So einigte man sich im ersten Obergeschoss darauf, einen „Denkmalflur“ einzurichten. Dort sind ein Fenster und so-gar eine Glastür mit charmant geschwungenen Metallgriffen im Original erhalten. An diesem Beispiel lässt sich der konstruktive Aufwand schildern, der für die Erhaltung solcher Details notwendig war: Weil das Treppenhaus aus Brandschutzgründen mit einer T30-RS-Tür vom Flur abgetrennt sein muss (schließlich befindet man sich in einem Hochhaus), wurde der Brandabschnitt in den Flur verlegt und dort mit zwei T30-RS-Glastüren gesichert. Die beiden außenliegenden Treppenhäuser wurden erhalten, selbst die schwarzen Setzstufen mit handgemalten weißen Marmorierungen sind nach wie vor zu sehen.
Mit dem neu gebauten fünfgeschossigen Riegel im Westen, der im Erdgeschoss über eine Halle und in den Obergeschossen über die Treppenhäuser mit dem Altbau verbunden ist, hat Forster nach eigenem Duktus den Städtebau Kramers „korrigiert“. Dieser hatte, dem Erschließungskonzept von 1914 folgend, das Philoso­phicum zum Campus orientiert und schräg zur Gräfstraße angeordnet, der es nur die weit we­niger ansehnliche Rückseite zeigte. Der trapezförmige Neubau liegt parallel zur Gräfstraße und nimmt die Höhe des Blockrandes auf, wird aber vom Altbau deutlich überragt, der dadurch sichtbar bleibt. Die Grundrissstruktur beider Gebäude ist identisch, jedoch gespiegelt: Die Apartements liegen jeweils an den Außenfassaden, die Flure zum schmalen Innenhof. Wie beim gescheiterten „Wohnprojekt Philosophicum“ gibt es im Erdgeschoss ein Kita, eine Café und Gemeinschaftsräume – diese allerdings nur für Hausbewohner. Selbst die angedachte Dachterrasse auf dem Neubau wurde realisiert, zudem trägt dieser eine Fassade aus Klinkern – ein Material, das auch Kramer bei Unibauten verwendete. Wie schon Kramers Philosophicum, so ist auch der Umbau und die Ergänzung insgesamt ein Pionierbau – diesmal in städtebaulicher Hinsicht. Es ist der erste Versuch, ein bedeutendes Baudenkmal des Campus‘ und dessen ebenso karge wie grazile Ästhetik zu erhalten und gleichzeitig auf die kommende städtebauliche Neuordnung zu reagieren: ein höchst interessantes, bislang aber noch isoliertes Experiment, die „Insel der Moderne“ des Kramer’schen Universitätsareals in einen städtischen Zusammenhang einzubinden. Abschließend lässt sich dieses Experiment wohl erst dann beurteilen, wenn weitere Bestand­teile des bislang konzeptionell recht diffusen Kulturcampus‘ fertiggestellt werden.



Fakten
Architekten Kramer, Ferdinand (1898-1985); Stefan Forster Architekten, Frankfurt am Main
Adresse Gräfstraße 70, 60486 Frankfurt am Main


aus Bauwelt 10.2017
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Bilder Ferdinand Kramers Bauten

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