Durch die Stadt, die es nicht gibt

Kirsten Klingbeil ist auf der Suche nach neuen, filmreifen Quartieren

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin

Kirsten Klingbeil ist auf der Suche nach neuen, filmreifen Quartieren

Kirsten Klingbeil ist auf der Suche nach neuen, filmreifen Quartieren


Durch die Stadt, die es nicht gibt

Kirsten Klingbeil ist auf der Suche nach neuen, filmreifen Quartieren

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin

Er ist doch zu Ende gegangen, der Jahrhundertsommer. Groß war die Freude über jeden Tag, den die Winterjacke noch im Schrank bleiben durfte, obwohl längst November war. Nun hat Berlin sein altbekanntes graues Herbstkostüm wieder ausgepackt. Nur wenige Blätter hängen welk und traurig an den Bäumen, offenbaren jeden Fleck gebauter Umgebung, auch die Stellen, denen der Blätterwald gutgetan hat. Nur für einen kurzen Moment – bis die Weihnachtsdekoration all das überblenden wird.
Ein guter Augenblick sich seine Umgebung mal wieder genauer anzuschauen – vom Sofa aus. In Berlin kennen das wohl die meisten: Per Zettel an der Haustür wird verkündet, dass in den nächsten Tagen eine Filmcrew anrückt, die Parkplätze blockiert und ganze Straßenzüge sperrt. Gedreht werden Romanzen, Thriller, der Tatort oder neue Daily-Soap-Folgen. Was dann im Film landet, spiegelt ein merkwürdiges Stückwerk der Stadt wider: Der Protagonist tritt aus seiner Altbauwohnung im Prenzlauer Berg, biegt um die Ecke und joggt am Westhafen vorbei, wird mit dem Auto an der Leipziger Straße in Mitte abgesetzt, geht dort zur U-Bahn und betritt die Station an der Warschauer Straße in Friedrichshain. Steigt aus, läuft durch die Kolonnade auf der Museumsinsel und biegt um die Ecke in sein Stammlokal, das man zufällig aus Charlottenburg kennt. Anschließend spaziert er unter den Yorck-Brücken in Kreuzberg hindurch zurück nach Hause. Für die Handlung des Films spielt es keine Rolle, dass es die dort entworfene Stadt nicht gibt. Sie ist ein Konstrukt – und sie gefällt: Berlin ist dann wieder rau und aufregend, abwechslungsreich und geheimnisvoll.
Dieser gleiche Weg durch die Stadt ohne Cuts hinterlässt ein anderes Bild – warum sind die Orte dazwischen so selten Kulisse? Gibt es keinen guten Plot, der seinen Anfang in einem Coffeeshop in der kürzlich eröffneten 69. Mall der Stadt nimmt, dessen Protagonist in einem möblierten Boarding House oder der neusten pseudoklassizistischen Luxusimmobilie um die Ecke lebt, frisch verliebt über den hell erleuchteten Mercedes-Platz vor der gleichnamigen Veranstaltungsarena flaniert und den Kriminalfall in einem der gesichtslosen Büroblocks ringsherum löst?

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