Es ergab sich wie von selbst, dass wir die Architekten mit dem Entwurf der Elbphilharmonie betrauten

Interview mit dem Projektentwickler Alexander Gérard. Er war der Ini­tiator der Elbphil­harmonie am Standort Kaispeicher A. 2001 beauftragte er Herzog & de Meuron mit der ersten Entwurfsskizze

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

    Alexander Gérard geb. 1949 in New York. 1968-73 Architekturstudium, ETH Zürich. Anschl. Philipp Holzmann AG; 1981 Geschäftsführer der Hamburger Planer + Ingenieure GmbH; 1989 bei der Projektentwickler FGV Gewerbebau Verwaltungs GmbH; 1995 Gründung der Grundstücksentwicklungs GmbH „genius loci“(Foto mit Frau Jana Marko).
    Foto: Markus Tedeskino/Der Spiegel

    Alexander Gérard geb. 1949 in New York. 1968-73 Architekturstudium, ETH Zürich. Anschl. Philipp Holzmann AG; 1981 Geschäftsführer der Hamburger Planer + Ingenieure GmbH; 1989 bei der Projektentwickler FGV Gewerbebau Verwaltungs GmbH; 1995 Gründung der Grundstücksentwicklungs GmbH „genius loci“(Foto mit Frau Jana Marko).

    Foto: Markus Tedeskino/Der Spiegel

    Die Glasflächen der Fassaden vom 9. bis 26. Ober­geschoss sind teilweise gebogen und mit Punkt­ras­ter bedruckt.
    Foto: Michael Zapf

    Die Glasflächen der Fassaden vom 9. bis 26. Ober­geschoss sind teilweise gebogen und mit Punkt­ras­ter bedruckt.

    Foto: Michael Zapf

Es ergab sich wie von selbst, dass wir die Architekten mit dem Entwurf der Elbphilharmonie betrauten

Interview mit dem Projektentwickler Alexander Gérard. Er war der Ini­tiator der Elbphil­harmonie am Standort Kaispeicher A. 2001 beauftragte er Herzog & de Meuron mit der ersten Entwurfsskizze

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Herr Gérard, wie kamen Sie zur Architektur?
Vielleicht ein Stück weit aus Familientradition. Ich hatte schon vor dem Abitur beschlossen, Architektur zu studieren und als Nichtschweizer Kontakt mit der ETH Zürich aufgenommen, um zu klären, welche Voraussetzungen ich für die Zulassung mitbringen musste.
Welchen Lehrer haben Sie in Zürich besonders geschätzt?
Zunächst den damaligen Dekan der Architekturabteilung Bernhard Hösli. Er propagierte einen disziplinübergreifenden Ausbildungsansatz, bei dem auch eine detaillierte Analyse der jeweils stadträumlichen und architektonischen Ausgangslage im Vordergrund stand. Dann Jörn Janssen, der eine Vorstellung davon vermittelte, wie unser künftiges Berufsfeld von den gegebenen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rahmen­bedingungen bestimmt wird und die Wahrnehmung für die sozialen Implikationen unseres Handelns schärfte. Allerdings bescherte der Hochschulrat dem Kurs von Janssen ein vorzeitiges Ende. Das von uns Studenten darauf­-hin initiierte Buch „Göhnerswil – Wohnungsbau im Kapitalismus“ verarbeitete das im Laufe dieses Kurses gesammelte Material und war so erfolgreich, dass es später an einigen Architekturfakultäten als Lehrmaterial genutzt wurde. Am Beispiel der Züricher Vorstadtsiedlung „Volketswil“ und der Generalunternehmung Ernst Göhner AG (daraus entstand dann die Wortschöpfung „Göhnerswil“) wurde faktisch nachvollzogen, wie auf einer im Regionalplan als nicht bebaubar ausgewiesenen Landwirtschafsfläche, dazu noch am Ende der Piste eines Militärflughafens, Geschosswohnungsbau realisiert werden kann.
Was bewog Sie, nach dem Studium bei der Philipp Holzmann AG anzufangen?
Ich wollte im damals größten deutschen Baukonzern in der Praxis nachvollziehen, wie wirtschaft­liche Interessen und Macht­konzentration Projekte durchzusetzen vermögen, die den Vorgaben der Planung im Gemeininteresse, wie z.B. der Regionalplanung, komplett zuwiderlaufen.
Was war 2001 bei Ihnen der Anlass für die Idee eines Konzerthauses auf dem Kaispeicher A?
Als früherer Projektmanager und Mitinvestor des Hanseatic Trade Centers (HTC) an der Kehrwiederspitze in Nachbarschaft zum Kaispeicher A habe ich die Entwicklung der HafenCity aufmerksam verfolgt. Beim HTC hatte die Stadt kein Interesse an einer lebendigen, multifunktionalen Stadterweiterung gezeigt. Es galt damals das Prinzip: Der Bieter mit dem höchsten Grundstückskaufpreis bekommt den Zuschlag. Und dies bedeutete ausschließlich Büronutzung und dann auch noch zu viel davon. In einer seltsamen Umkehrung meiner Erfahrung aus „Göhnerswil“ musste ich nun feststellen, dass die Investoren in dieser Sache viel verantwortungsvoller agierten als die öffentliche Hand. Nun waren meine Frau Jana Marko und ich sehr gespannt, ob die Entwicklung der HafenCity besseren Kriterien folgen würde. Wir waren skeptisch, denn noch galt die politische Vorgabe, die Hafenerweiterung Hamburg-Altenwerder mit den Erlösen aus der Entwicklung der HafenCity zu finanzieren. Auch waren die Kosten der Baureifmachung und infrastrukturellen Ausstattung der Bauplätze nach meiner Einschätzung viel zu niedrig angesetzt. Der im Januar 2000 verabschiedete HafenCity-Masterplan legte für den Kaispeicher A eine öffentliche Sondernutzung „Kultur/Einzelhandel/Freizeit/Dienstleistungen“ fest. Dies versprach eine Vielfalt, welche u.a. auch die Fehlentwicklung an der Kehrwiederspitze kuriert hätte. Doch dann beschloss die Stadt überraschend, dort einen Bürokomplex bauen zu lassen, obwohl klar war, dass der Speicher aufgrund seiner geschlossenen Backsteinfassade, seiner Gebäudetiefe und der Geschosshöhen für eine tageslichtabhängige und wirtschaftliche Büronutzung nicht geeignet war. Und so wurde bald einem Antrag auf Abriss des als denkmalschutz­würdig erkannten Gebäudes stattgegeben. Wir wussten, dass Hamburg vor dem Zweiten Weltkrieg nach Berlin über die beste Musikinfrastruktur in Deutschland verfügt hatte und die diesbezüglichen großen Kriegsverluste in der Zeit danach nie wettgemacht worden waren. Auf der Suche nach einer lichtscheuen Nutzung, die den Er­-halt des Speichers ermöglichen würde, lag es deshalb nahe, den Bau eines neuen Konzert­hauses vorzuschlagen. Stadterweiterungen in der Größenordnung einer HafenCity sollten ohnehin mit Investitionen in sozialer und kultureller Infrastruktur angeschoben werden.
Wie gelang es Ihnen, das Büro Herzog & de Meuron für Ihr Projekt zu gewinnen?
Wir hatten schon vor 17 Jahren in Hamburg versucht, mit den Architekten ein Projekt für kom­biniertes Alten- und Studentenwohnen zu entwickeln. Wir kannten natürlich die Londoner Tate Modern. Uns beeindruckte die Radikalität der Lösung, aber auch die große Subtilität im Umgang mit der alten Bausubstanz. So ergab es sich wie von selbst, die Architekten für den Entwurf zu betrauen. Überzeugt hat sie wohl zweierlei: die einmalige, spektakuläre Lage mit dem über­-aus starken und geradezu historisch aufgeladenen Backsteinbau von Werner Kallmorgen und das Wissen darum, dass an solch einem Standort eine öffentliche Nutzung hingehört.
Hatten Sie von Anfang an die Idee der Ummantelung der Säle durch Wohnungen und ein Hotel?
Wir hatten sehr früh die Vorstellung, die Erträge aus der Mantelbebauung für die Querfinanzierung der Baukosten der beiden Konzertsäle heranzuziehen. Auch war klar, dass wir mit der Stadt zusätzlich namhafte Beträge von Mäzenen und Sponsoren einwerben müssten und dass wir deshalb Treuhänder wären, deren Ent­wicklungs­kosten zwar gedeckt, die aber keinen Investmentgewinn würden realisieren können, eine Einschätzung, die auch Dieter Becken teilte, der als Mitinvestor im September 2003 hinzukam. Die ursprünglichen Vorgaben an die Architekten und daraufhin ihre ersten Vorentwürfe sahen noch vor, die Hotel- und Wohnnutzungen in einem getrennten Turm westlich des Kaispeichers im Wasser stehend zu realisieren, während die Konzertsäle und Parkplätze im und auf dem Kaispeicher Platz finden sollten. Da die Vorentwürfe städtebaulich nicht überzeugten, schlugen die Architekten vor, das gesamte Raumprogramm im und auf dem Speicher unterzubringen. Er sollte also weitgehend erhalten bleiben.
Wie schafften Sie es damals, die Stadt für ein architektonisch wie technisch so außergewöhnliches Projekt zu begeistern?
Das richtige Projekt zur rechten Zeit am richtigen Ort. Ab 1997 begann das Projekt der HafenCity. 2001 kam die CDU zum ersten Mal nach 44 Jahren in die Regierungsverantwortung. Sie wollte sich profilieren und stellte klar, dass ihre Losung von der „Wachsenden Stadt“ auch ein qualitatives Wachstum beinhalte. Hamburg war also in Aufbruchstimmung, und so konnte der feinfühlige wie eingängige Entwurf von Herzog & de Meuron sein Potenzial voll entfalten. Die Reaktion der Öffentlichkeit auf die erste Präsentation des Vorhabens Ende 2003 war euphorisch. Nach zweieinhalb Jahren Vorarbeit fanden sich immer mehr Bürger, die sich für das Projekt aussprachen, auch Hamburger Architekten, die auf Initiative von Jan Störmer in einem offenen Brief an den Ersten Bürgermeister Ole von Beust die Realisierung des Vorhabens einforderten. Der Senat näherte sich der Idee langsam an, zumal immer deutlicher wurde, dass das Gegenprojekt, der sogenannte MediaCityPort, als vermeintliches Flaggschiff der HafenCity aufgrund widriger Bedingungen im Gewerbeimmobilienmarkt auf Grund lief. Nachdem der Senat eine Plausibilitätsprüfung in Auftrag gegeben hatte, deren Ergeb­-nis im November 2003 bestätigte, dass unsere Annahmen in statischer wie auch in kosten- und ertragsmäßiger Hinsicht plausibel waren, war der Weg für eine Weiterentwicklung des Vorhabens frei.
Warum hat 2004 der Erste Bürgermeister die Kontrolle über das Projekt übernommen? Hatte das kooperative Verfahren keine Chance mehr?
Das kann nur er beantworten. Es schien uns aber besonders absurd, da Dieter Becken gerade einen anderen komplexen öffentlichen Bau, das neue Polizei­präsidium, für die Stadt Hamburg als Generalübernehmer mit dem kooperativen Verfahren, das uns auch für die Elbphilharmonie vorschwebte, drei Wochen vor Termin und deutlich unter Budget fertiggestellt hatte.
Warum hat Sie als Ideengeber der Elbphilharmonie nicht die Tätigkeit des Projektmanagers gereizt?
Wer sagt das? Natürlich hätte es mich gereizt, zusammen mit Becken das Projekt zu verantworten. Allerdings war uns auch klar, dass wir dafür jemand brauchen würden, der bereits einmal einen Konzertsaal gebaut hat. Diesen Experten hatten wir.
Was sagen Sie zu den Kostensteigerungen und Bauverzögerungen?
Ich kenne seit unserem Ausscheiden im November 2004 keine Details. Bei der Beurteilung der Kostensteigerungen und Bauverzögerungen muss man sich Folgendes vergegenwärtigen: Unser Raum­programm war so austariert, dass nur so viele Lasten auf den Kaispeicher aufgebracht werden, wie vorher darin gelagert worden sind. Diese Überlegungen ergaben 44.000 Qua­dratmeter BGF im Neubau zuzüglich der vorhandenen 40.000 im Altbau. Und dies übersetzte sich – neben dem Raumprogramm für die zwei Konzertsäle und deren Backstagebereich und einer weitgehenden Nutzung des Speichers für PKW-Stellplätze – in einer klaren Begrenzung der Flächen für die anderen Bereiche der Mantelbebauung: maximal 200 Hotelzimmer und 34 Luxuswohnungen. Drei Monate nachdem wir die Kontrolle über das Vorhaben hatten abgeben müssen, hatte sich die zu bauende Fläche um satte 43 Prozent auf 120.000 Quadratmeter BGF erhöht. Die Projektverantwortlichen hatten das Drängen nach mehr Hotelzimmern (deren Vermietungsrisiko – anders als von uns angeboten – bei der Stadt landete) und nach mehr wertschöpfenden Luxuswohnungen (deren Erträge in privater Hand blieben) zugelassen – und damit die vorgenannte Grundannahme unseres Vorschlags aufgegeben. Mit anderen Worten: Wenngleich der realisierte Bau große Ähnlichkeit mit der ersten Visualisierung vom Juni 2003 aufweist und die Nutzungen beibehalten wurden, handelt es sich doch um zwei sehr unterschiedliche Pro­jekte. Denn um 43 Prozent mehr Fläche unterzubringen, musste man, da die zulässige Gebäudehöhe bereits ausgeschöpft war, die Geschoss­höhen reduzieren. Da der Kaispeicher große Geschosshöhen von 5,5 Meter aufwies, musste er weichen. Während unser Konzept vorsah, diesen zu nutzen und nur in dem erforderlichen Maße parallel zum Neubau umzubauen, haben wir es heute bis auf die verbliebenen alten Stahlbetonpfähle und das Fassadenfurnier mit einem kompletten Neubau zu tun, der zudem nicht nur größer, sondern auch noch sehr viel luxuriöser ausgefallen ist, als er für uns als private Bauherren finanzierbar gewesen wäre. Ein Großteil der Kostensteigerung und Bauzeitverlängerung ist zudem nicht nur auf die verfrühte Ausschreibung der Bauleistungen, sondern auch auf eine unprofessionelle Vertragskonstruktion zurückzuführen. So bekamen der Generalplaner und der Generalunternehmer Verträge, deren Terminpläne nicht aufeinander abgestimmt waren. Und die Architekten erbrachten nach der Ge­-neh­migungs­planung ihre Leistungen weiterhin für die Stadt und nicht als Subunternehmer des Generalunternehmers, so dass die Fortschreibung der Planung immer durch das Nadelöhr der städtischen Realisierungsgesellschaft (ReGe) musste. Es kam zu Reibungs­verlusten, die dreistellige Millionenkosten ohne einen baulichen Mehrwert verursachten. Vermutlich hätte die von uns angedachte kleinere und kargere Elbphilharmonie ohne wesentliche Belastung des Haushalts der Stadt realisiert werden können. Mit fast 70 Millionen Euro an privaten Spenden und den erzielten Verkaufspreisen für die Luxuswohnungen hätte dies möglich sein müssen. Jedenfalls wären wir meilenweit von den zuletzt angefallenen Kosten gelandet. Als private Bauherren hätten wir auch gar keine andere Wahl gehabt, als innerhalb des mit der Stadt und den finanzierenden Banken vereinbarten Kostenrahmens zu bleiben.
Welche Bereiche des fertiggestellten Gebäudes erachten Sie als besonders gelungen?
Ich finde den großen Saal magisch. Er ist räumlich außerordentlich spannend und aufgrund seiner zurückhaltenden Farbigkeit und der warmen Beleuchtung zugleich beruhigend, so dass die Aufmerksamkeit der wunderbaren Akustik zuteil wird. Und ich mag nach wie vor die Idee der Plaza als öffentliches Wohnzimmer mit Panoramablick auf die Stadt.
Wie kam es zu einem weiteren Projekt mit Herzog & de Meuron in Kleinmachnow bei Berlin?
Auslöser war ein Alzheimerfall in unserer Familie. Wir wurden mit enormen Herausforderungen konfrontiert, die der Krankheitsverlauf nicht nur den unmittelbar Betroffenen, sondern auch dem emotionalen und sozialen Umfeld auferlegte. Diese Erfahrung wollten wir ins Positive wenden und einen Ort für Menschen mit demenziellen Erkrankungen und deren Angehörige schaffen. Die von Herzog & de Meuron realisierte „Rehab“ in Basel, eine Klinik für hirntraumatisierte Unfallopfer, hat uns so bewegt, dass wir die Architekten baten, das Projekt mit dem Arbeitstitel „Mehr alz Heimat“ in Kleinmachnow mit uns zu planen. Leider konnten wir bisher die Gemeinde nicht vom Wert einer solchen Einrichtung überzeugen. Wir bleiben dran.
Fakten
Architekten Herzog & de Meuron, Basel
aus Bauwelt 2.2017
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading
loading