Kafkaesker Kaffeeklatsch

Benedikt Crone wundert sich, warum auch nach den Weihnachtsferien so viele Wohnungen dunkel bleiben.

Text: Crone, Benedikt, Berlin


Kafkaesker Kaffeeklatsch

Benedikt Crone wundert sich, warum auch nach den Weihnachtsferien so viele Wohnungen dunkel bleiben.

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Selbst wir VWL-Laien wissen, Angebot und Nachfrage mischen im Wohnungsbau mit. Nur seltsam, dass trotz all des Nachverdichtens (Angebot steigt) die Mieten nicht sinken. Auch fliehen doch alle gerade ins Grüne (Nachfrage sinkt). Die Preise aber purzeln nicht. Kann es sein, dass die Nachfrage gar nicht so gering ist – weil sie künstlich hochgehalten wird? Obwohl alle doch nur ein Stück vom Kuchen wollen?
Angenommen Sie sind zum Kaffee geladen und gieren dort nach dem Streuselkuchen. Auf dem Blech scheinen drei Reststücke buttrig glänzend zu warten. Als Sie nach ihnen greifen, interveniert die Gastgeberin: Leider seien alle Stücke vergeben. An wen? Eins gehöre Jens, er rief vorhin an, um sich ein Stück zu sichern (auch wenn er eigentlich nie kommt). Das zweite steht Ihrer Sitznachbarin zu, die nach dem Griff zum ersten Stück gleich ein zweites gefordert habe. Und das dritte? Man weiß es nicht genau, der Eigentümer lebe vermutlich im Ausland und habe jemanden vorbeikommen lassen, noch bevor Mehl und Zucker in der Schüssel waren. Der Herr habe einen Besitzanspruch für das Stück mit den dicksten Butterstreuseln angemeldet. Man könne ihm das aber abkaufen, im Gebot gegen die anderen hungrigen Gäste.
Sie finden das kafkaesk? Wer backt, verdient Dank, oder auch Lohn. Gleiches trifft aufs Bau­en zu. Ob es jedoch Sinn macht, dass Unternehmen und Menschen eine Wohnung erwerben können, die sie weder gesehen haben, geschweige denn nutzen, weil sie auf einem Erdteil ihren Alltag verbringen, der tausend Kilometer oder einen Ozean entfernt liegt, beantwortet die Politik hierzulande mit: Ja. In der Schweiz können Menschen ohne Schweizer Wohnsitz nur eingeschränkt und in ausgewählten Zonen ein Haus kaufen. In Deutschland spielt der Wohnort keine Rolle, um nicht mit dem EU-Recht zu brechen. Menschen außerhalb der EU können aber ebenfalls Wohnungen erwerben, dürfen nur – welch Ironie – nicht darin wohnen. Der Koalitionsvertrag der Regierung schweigt dazu.
Die Wörter „Wohnung“ und „Wohnen“ entstammen übrigens dem althochdeutschen wonēn. Es bedeutet: sich aufhalten, bleiben, an einem Ort verweilen.

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