Die Ökonomisierung des Raums

Planen und Bauen in Mittel- und Osteuropa unter den National­sozialisten 1938 bis 1945

Text: Hotze, Benedikt, Berlin

Die Ökonomisierung des Raums

Planen und Bauen in Mittel- und Osteuropa unter den National­sozialisten 1938 bis 1945

Text: Hotze, Benedikt, Berlin

Fangen wir mit den italienischen Faschisten an: Harald Bodenschatz und seine Co-Autorinnen hatten 2011 das unfassbar materialreiche und anschaulich ge­textete Standardwerk „Städtebau für Mussolini“ herausgegeben (Bauwelt 12.20212). Das schnell vergriffene Buch wird heute von einem Antiquar auf einschlägigen Plattformen für rund 800 Euro angeboten – gebraucht. Ob sich dieser Preis erzielen lässt, sei dahingestellt, aber es sage niemand, Architekturbücher seien wertlos!
Nun zu den deutschen Nationalsozialisten und deren „Planen und Bauen in Mittel- und Osteuropa 1938 bis 1945“. Das gewichtige Buch von Richard Nemec erscheint im selben Verlag in einer zum Verwechseln ähnlich opulenten Ausstattung, so dass sich auf den ersten Blick eine Parallelität zu der Bodenschatz-Veröffentlichung anbietet. Eine solche ist vermutlich auch vom Verlags-Marketing intendiert.
Doch diese Erwartungshaltung löst das Buch nicht ein. Während Bodenschatz ein Opus Magnum vorgelegt hat, das jede Facette seines Themas kenntnisreich abdeckt, basiert dieses Buch auf einer Habilitationsschrift zu einem eng fokussierten Teilaspekt, die an der Uni Bern eingereicht wurde und entsprechend sperrig zu lesen ist. Nun ist es nicht Aufgabe dieser Rezension, den wissenschaftlichen Wert der Arbeit zu beurteilen, das haben Berufenere bereits getan. Bewertet werden kann allerdings der Nutzwert dieses Buches für das allgemeine, fachinteressierte Lese-Publikum. Und da stößt es durchgängig an Grenzen, die ratlos machen.
Die Ausgangslage ist ja durchaus spannend: Hier wird erstmals auf städtebaulicher Ebene untersucht, wie das aufrüstende bzw. Krieg führende Nazi-Deutschland in den annektierten bzw. militärisch eroberten Landstrichen einen „deutschen“ Städtebau umsetzen wollte. Auch noch plausibel ist es, diese Untersuchung auf Fallbeispiele bestimmter Orte in der Tschechoslowakei und Polen zu fokussieren. Die Darstellung bleibt aber bei der Dokumentation eines verwaltungstechnischen Klein-Kleins hängen, das viel Vorwissen erfordert und schnell ermüdet.
Die Verlags-Edition dieser Habilitationsschrift setzt sich zudem dem Verdacht aus, auf optische Wirkung hin optimiert worden zu sein. Wie wäre es sonst zu erklären, dass ein (grafisch sehr attraktiver) Bebauungsplan von Prag nicht nur opulent auf einer Doppelseite, sondern auch noch ausfaltbar auf der Innenseite des Schutzumschlags gedruckt wurde? Dieser Plan stammt von 1930/31 – und hat mit den Nazis rein gar nichts zu tun.
Und die angebotenen architektonischen Referenzbeispiele aus anderen Zusammenhängen lösen im Detail auch Befremden aus: Der deutsche Architekt Otto Haesler wird innerhalb weniger Zeilen in zwei abweichenden Schreibweisen genannt, und das wirklich weltbekannte Gebäude „Casa del Fascio“ von Giuseppe Terragni von 1936 wird verwechselt bzw. in eins gesetzt mit dem Wohngebäude „Novocomum“ des Architekten von 1928/29. Womit wir am Ende wieder bei den italienischen Faschisten gelandet wären.
Fakten
Autor / Herausgeber Richard Nemec
Verlag DOM publishers
aus Bauwelt 10.2022
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