Handwerkskunst neu begreifen

Editorial

Text: Spix, Sebastian, Berlin; Redecke, Sebastian, Berlin

Handwerkskunst neu begreifen

Editorial

Text: Spix, Sebastian, Berlin; Redecke, Sebastian, Berlin

Lässt sich mit altbewährter Handwerkskunst zeitgemäße Architektur realisieren? Können statt den herkömmlichen Baustoffen regionale und ökologische Materialien dafür verwandt werden? Welche Konsequenz hat die Fokussierung auf Ort und Tradition für die Architektur und für ihre Nutzer?
Im dänischen Jütland und in Mecklenburg-Vorpommern wagen zwei Architekturbüros den Versuch und besinnen sich auf ortstypische Formen und traditionelles Handwerk. Für Dorte Mantrup ist es die Typo­logie des Wikinger Hofhauses sowie das Reetdach, an die sie sich für die Erweiterung des Wattenmeer-Zentrums in Ribe orientiert. Stephan Hahn und AFF Architekten verzichten bei ihrer „Wohnhalle mit Nebenräumen“ in Lindetal auf Nägel, Schrauben und Kleber, und vertrauen stattdessen auf die guten Fertigkeiten der Zimmermänner und auf Lärchenholz aus der Umgebung.
Brunelleschi und Stradivari
Heinrich Klotz, der Gründungsdirektor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, hat sich
in seiner 1990 als Buch erschienenen Habilitationsschrift ausführlich mit Filippo Brunelleschi befasst und begeisterte sich für das Findelhaus in Florenz: „Mit Brunelleschis Portikus des Ospedale degli Innocenti hatte sich das gewohnte Bild umstürzend verändert. Eine solche Reihe vollrunder Säulen mit attischer Basis und korinthisierendem Volutenkapitell wirkt auch auf den heute Urteilenden angesichts der gotischen Tradition wie die Rückkehr des Lebens.“ Das langgezogene Gebäude an der Piazza Santissima Annunziata besticht durch seine Klarheit der Kompo­sition und die Schönheit der Details. Da Brunelleschis Loggia mit der Säulenreihe auf einem Podium steht, ergab sich aber für ein neues Museum die Aufgabe, seitlich einen zum Platz ebenerdigen Eingang zu schaffen. Die Architekten Ipostudio haben sich dieser Aufgabe angenommen und sich mit zwei „goldenen Toren“ deutlich positioniert. Jeder mag für sich entscheiden, ob es richtig war, in dieser Form in den Bau einzugreifen, denn mit Blick auf Brunelleschi ist der Anspruch hoch. Klotz: „Als der Revolutionär stand er am Anfang und unterschied sich durch einen neuen Formenkanon von aller vergangenen Beliebigkeit“. Innen gelang bei der Umnutzung eine überzeugende, auch handwerklich gut gemachte Zusammenfügung von Alt und Neu mit überraschenden Ideen.
In Cremona wurde der Palazzo dell’Arte von den Architekten Arkpaki zum Violinen-Museum mit Schatzkammer und Auditorium umgebaut. Endlich hat Antonio Stradivari in seiner Heimatstadt ein großes Haus für sein Werk und seine Werkstatt.

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