Reise nach Wernigerode

Die „bunte Stadt am Harz“ und ihr Werden seit 1990

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

    Seit 1. Juli 1992 dampft die Brockenbahn wieder fahrplanmäßig vom Bahnhof Wernigerode hoch auf den Brocken. Der Personenverkehr war nach dem Mauerbau am 13. August 1961 ab Schierke eingestellt worden.
    Foto: Udo Meinel

    Seit 1. Juli 1992 dampft die Brockenbahn wieder fahrplanmäßig vom Bahnhof Wernigerode hoch auf den Brocken. Der Personenverkehr war nach dem Mauerbau am 13. August 1961 ab Schierke eingestellt worden.

    Foto: Udo Meinel

    Matthias Winkelmann betreibt das Juweliergeschäft in der Breiten Straße 66 bereits in zweiter Generation.
    Foto: Udo Meinel

    Matthias Winkelmann betreibt das Juweliergeschäft in der Breiten Straße 66 bereits in zweiter Generation.

    Foto: Udo Meinel

    2015 beging die Fleischerei Leiste in der Westernstraße 14 ihr 25-jähriges Bestehen.
    Foto: Udo Meinel

    2015 beging die Fleischerei Leiste in der Westernstraße 14 ihr 25-jähriges Bestehen.

    Foto: Udo Meinel

    Am Rand des ehemaligen Schlachthofs befindet sich das Technische Rathaus von Wernigerode, ganz in der Nähe zukünftiger Entwicklungsräume wie dem Areal des alten Sägewerks
    Foto: Udo Meinel

    Am Rand des ehemaligen Schlachthofs befindet sich das Technische Rathaus von Wernigerode, ganz in der Nähe zukünftiger Entwicklungsräume wie dem Areal des alten Sägewerks

    Foto: Udo Meinel

    Um nach Jahrzehnten der Altstadtsanierung in Wer­nigerode noch einen unreno- vierten Altbau zu finden, bedarf es schon des etwas genaueren Hinsehens
    Foto: Udo Meinel

    Um nach Jahrzehnten der Altstadtsanierung in Wer­nigerode noch einen unreno- vierten Altbau zu finden, bedarf es schon des etwas genaueren Hinsehens

    Foto: Udo Meinel

Reise nach Wernigerode

Die „bunte Stadt am Harz“ und ihr Werden seit 1990

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin

Dunst hängt über dem Brocken, doch durch die milchige Nachmittagssonne sind die Sendean­lagen auf dem Gipfel im Gegenlicht schemenhaft auszumachen. Das Geheimnisvolle, Märchenhafte, das der Berg in Deutschlands Mitte auch der dort oben häufig herrschenden Wetterlage verdankt, ist an diesem Winternachmittag spürbar. Das Panorama passt zum Mythos, der sich um den Brocken rankt und der sich durch die Teilung nur noch verstärkt hat. Außer der Roten Armee und den DDR-Grenztruppen (und vielleicht noch der einen oder anderen Hexe in der Walpurgisnacht) war der Gipfel jahrzehntelang schließlich so unerreichbar wie ein Traumbild, ähnlich dem Brandenburger Tor. Der Berg und das Bauwerk – mehr als 28 Jahre zwei Symbole der europäischen Teilung.
Wer heute auf der Fußgängerbrücke des „Altstadtkreisels“ über dem Gleisfeld des Bahnhofs von Wernigerode steht, kann sich freuen, mit der unten dampfenden Brockenbahn längst wieder bequem hinauf gelangen zu können. 1992 wurde der Bahnverkehr reaktiviert. Beides, der Berg selbst wie die historische Schmalspurbahn samt ihrer nicht minder historischen Ausstattung sind wichtige Treiber der Stadtentwicklung von Wernigerode. Zwar ist das Mittelzentrum mit seiner Burg und Fachwerkbauten vom Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert ein ausgesprochen hübscher Ort, doch hübsche Orte finden sich auch andere in der Umgebung, Goslar und Quedlinburg etwa, wo die Unesco sogar ihr Prädikat „Weltkulturerbe“ verliehen hat. Brocken und Brockenbahn aber gibt es nur hier – seit 2009, als Schierke eingemeindet wurde, ist der Berg sogar Teil des Stadtgebiets. Der Tourismus ist denn auch eine der drei wirtschaftlichen Säulen der 30.000-Einwohner-Stadt, neben der Industrie und dem Bildungssektor. Wie sich dieser Zweig entwickelt hat, wird deutlich, wenn man die Zahlen von heute mit denen von 1988 vergleicht: Rund zwei Millionen Gäste pro Jahr (und halb so viele Übernachtungen) zählt Wernigerode – damals waren es 165.000. Für einen Blick auf die Entwicklung der Stadt seit der Wende bietet sich aber auch besagte Fußgängerbrücke selbst an: Der Altstadtkreisel entstand 2006 im Zuge des Ausbaus der Relation Halberstadt–Vienenburg und ist ein Ort, der mit seiner Sichtbeton-Ästhetik einen Hauch Großstadt in die Idylle wehen lässt.
Für dieses Projekt (und die meisten anderen Aspekte der Stadtentwicklung) ist seit 1999 Baudezernent Burkhard Rudo zuständig. Sein Büro befindet sich gleich um die Ecke in einem ziemlich pragmatischen, Ende der neunziger Jahre errichteten Bürogebäude, welches die Stadt, als das ursprünglich dort untergebrachte Katasteramt 2006 nach Magdeburg verlegt wurde, angemietet hat und als eine Art Technisches Rathaus nutzt – im alten Rathaus am Markt ist längst nicht genug Platz für die Verwaltung. Von diesem Anblick sollte sich aber niemand täuschen lassen: Wie es der Altstadtkreisel andeutet, verfolgt die Stadt durchaus Ambitionen, wenn es um neue Projekte geht – zeitgenössische Zeichen, nennt Rudo sie. Man muss nur hoch nach Schierke fahren: Dort tritt dieser Ehrgeiz seit der Eingemeindung und aufgrund der damaligen Problemlage des Ortes besonders zu Tage.
Schierke und der Weiterbau
Rund 17 Kilometer misst die Fahrt mit Rudos Elektro-Lupo aus dem städtischen Fuhrpark hinauf den jüngsten Stadtteil, der, über 600 Meter hoch am Fuß des Brockens gelegen, bis 1990 als Garnisonsort der DDR-Grenztruppen fungierte. Schon im 19. Jahrhundert hatte sich das Bergdorf zum Urlauberort gemausert, und wie mondän es dort einst zugegangen sein mag, lässt der alte Beinamen „St. Moritz des Nordens“ ahnen. Heute kündet davon zwar noch dieses oder jenes Gebäude, doch harrt auch manches der Wiedergeburt; das Ex-Grandhotel „Hein­-rich Heine“ musste 2016 sogar abgerissen werden. An seiner Stelle empfängt den Besucher seit Dezember ein Urlauberdorf, welches sich „Das Schierke“ nennt: 34 Holzhütten, von au­ßen etwas untypisch für den Ort, im Inneren aber geschmackvoll und mit Preisen zwischen 160 und 280 Euro pro Nacht für eine Klientel gebaut, die seit 1990 noch nicht wieder regelmäßig den Weg nach Schierke findet.
Auch, wer das Werk renommierter Architekten sehen will, wird seit kurzem in Schierke fündig: Das Berliner Büro Graft, das zur kommenden Architektur-Biennale den deutschen Pavillon just zum Thema Wiedervereinigung bearbeiten wird (Bauwelt 3), hat als Sieger des Wettbewerbs das neue Eisstadion realisiert, die „Schierker Feuerstein-Arena“. Die anfangs angesprochenen Am­bitionen der Stadt äußern sich darin ebenso wie in der zugehörigen Infrastruktur: Die 2014 eingeweihte Straße, die, am Stadion vorbei, zum Parkhaus am Einstieg in eine geplante Abfahrtskianlage führt, wurde mit einer Stützmauer aus Granitquadern an den Hang geschmiegt; für das holzverkleidete Parkhaus und die stählerne Fußgängerbrücke hinüber ins Schierker Zentrum zeichnet das Architekturbüro Weininger & Hofmann aus Reichenbach verantwortlich. In Planung befinden sich Feuerwache und Kindergarten – Investitionen von insgesamt rund 30 Mil­lionen Euro, zwei Drittel davon aus Töpfen von EU, Bund und Land.
Die Freude darüber ist im Gesamtkonstrukt Wernigerode allerdings nicht grenzenlos. Während das vom Berliner Architekten Wolf R. Eisentraut erarbeitete Ortsentwicklungskonzept 2009 noch einstimmig im Stadtrat beschlossen wurde, sind die jüngsten Abstimmungen ohne überzeugende Mehrheit für Schierke verlaufen. In den nächsten Jahren soll daher der Kernstadt wieder mehr Aufmerksamkeit zuteil werden, so Rudo. Nötig mag das sein, auch wenn man dem Stadtbild ansieht, dass seit 1991 rund 70 Millionen Euro Städtebauförderungsmittel in seine Aufarbeitung geflossen sind, die 350 Millionen an privaten Investitionen angestoßen haben. Ein Gang durch die Altstadt zeigt die Entwicklungsräume denn auch nicht sogleich.
Kaufkraft und Einzelhandel
Bettenhaus Paul. Fotohaus Heil. Jüttners Buchhandlung. Richtig gutes Spielzeug. Hütter Porzellan. Kontor Silberwaren. Genuß-Compagnie. 25 Jahre Fleischerei Leister. Heindorfs Feine Lederwaren. Miederwaren am Westerntor. Exclusive Trachten- und Landhausmoden. Dürer Kosmetik + Fußpflege. Uhrmacher Kretschmer. Harzer Spezialitäten.
Ein Bummel durch Wernigerodes Fußgängerzone zwischen Marktplatz und Westerntor ruft Erinnerungen in mir wach an meine Heimatstadt in der BRD-Provinz in den siebziger Jahren. Während in Paderborns Westernstraße aber längst Filialen dominieren und den Einkaufsbummel von Entdeckungen und Überraschungen aller Art befreit haben, gibt es sie in Wernigerodes Westernstraße noch immer: echte Geschäftsführer. Nur wenige Filialisten haben sich inzwischen daruntergemischt; ein kleiner Anflug von Gegenwart, der das Gesamtbild nicht zu sehr aus der Zeit gefallen wirken lässt. Dazu, an diesem Wintermorgen um acht: Lieferwagen, Passanten auf dem Weg zur Arbeit und Schüler der beiden in der Altstadt ansässigen Gymnasien, die bis zum Unterrichtsbeginn auf dem Marktplatz herumstehen. Für eine Stadt dieser Größe und in dieser Jahreszeit ein recht urbanes Bild, jedenfalls mehr als nur eine Kulisse, die darauf wartet, dass die Touristen mit dem Frühstück fertig sind.
Ich bin lange nicht in Wernigerode gewesen, mehr als 15 Jahre. Wie es damals aussah in der Westernstraße, erinnere ich nicht mehr. Außerdem: Klar, Wernigerode ist mehr als die Altstadt; halbkreisförmig darum herumgebaut existiert ein Nebeneinander auch weniger idyllischer Strukturen: Gewerbegebiete, Großsiedlungen, Hausmüllhalden – und, jawohl, Entwicklungsräume, ein ehemaliges Sägewerk zum Beispiel, auf dem die Harzer Schmalspurbahn eine „gläserne Werkstatt“ aufbauen will. Um beurteilen zu können, ob der erste Eindruck nicht doch trügt, bedarf es aussagekräftiger Quellen. Tatsächlich, so verrät es etwa das Einzelhandels- und Zentrenkonzept der Stadt, „wird der Geschäftsbesatz durch unternehmergeführte Betriebe dominiert. Diesem Betriebstyp sind ca. 67 Prozent des Gesamtbestandes zuzuordnen“. Diese Struktur wird jedoch nicht allein von der (Kauf-)Kraft vor Ort getragen: Der Einzugsbereich reicht bis hinüber nach Niedersachsen. Doch welche Kaufkraft strömt aus der Stadt selbst in die Westernstraße? Zumindest eine Vorstellung davon vermittelt die demographische Situation.
Kommen und Gehen: Einwohnerzahlen
Ein Indikator, der immer sofort auf dem Tisch liegt, wenn es um die Richtung geht, in die sich eine Stadt bewegt, ist die Entwicklung der Einwohnerzahl, obwohl diese auch nicht so viel sagt: Es ist schließlich nicht unwichtig, wer geht, wer bleibt und wer gegebenenfalls dazukommt: Junge oder Alte, Reiche oder Arme, Kluge oder Blöde. Die Einwohnerzahl also. In Wernigerode ist sie inzwischen halbwegs stabil: 33.108 zählte man 2015, 35.013 waren es zur Jahrtausendwende, 36.778 im Jahr des Mauerfalls – rund 10 Prozent Schwund also seit dem Untergang der DDR. Andererseits: 1971, als das Wohnungsbaukombinat Halberstadt gerade mit der Montage der ersten Blöcke in der Großsiedlung „Burgbreite“ begann, war Wernigerode nicht größer als heute. Fast wichtiger noch als die bloße Anzahl von Einwohnern: Ihre Beschäftigungslage ist gut, die Arbeitslosenquote liegt unter fünf Prozent, die Zahl der Einpendler übersteigt die der auswärts Arbeitenden. Entsprechend unauffällig verteilt sich der geringe Leerstand: Etwa fünf Prozent der Wohnungen stehen leer, eine Quote, die als Zeichen für einen gesunden Markt gilt. Grund für Zufriedenheit, die sich auch politisch im Wunsch nach bedächtiger Weiterarbeit äußern könnte.
Bühne Politik
Um die politische Verfasstheit zu beurteilen, liegt es nahe, aufs Wahlverhalten zu schauen. Die letzte Kommunalwahl liegt vier Jahre zurück. Damals wählten die Wernigeroder mehrheitlich gar nicht; die Beteiligung lag mit nur 41 Prozent so niedrig wie 2009. Die Übrigen entschieden sich mehrheitlich für die CDU, 37,67 Prozent genau; 26,7 Prozent der Stimmen erhielt die SPD, 20,2 Prozent die Linke, 7,1 Prozent wählten Grün.
Mehr Bürger fanden zwei Jahre später den Weg ins Wahllokal, zur Landtagswahl: in der Altstadt 49,7, in der benachbarten Neustadt 45,5 Prozent. Erneut wurde die CDU stärkste Kraft, mit 31,8 bzw. 33 Prozent in Alt- und Neustadt, einem Tiefstwert von 25,7 in den Großsiedlungen Harzblick und Stadtfeld und einem Höchstzuspruch von 49,3 Prozent in Schierke. Zweitstärkste Partei war damals bereits die AfD, die 19,8 bzw. 18,5 Prozent der Stimmen in Alt- und Neustadt erzielte, in Stadtfeld sogar 30 Prozent. Ähnlich viele Wähler mobilisierte die Bundestagswahl 2017. Stärkste Kraft, wie gehabt, die CDU (mit 29,9 bzw. 34 Prozent der Zweitstimmen in Alt- und Neustadt), dahinter gleich auf Linke, SPD und AfD, einstellig FDP und Grüne.
Das relativ stabile konservative Wahlverhalten in diesen Urnengängen aber ist kein Zeichen eines stabilen Weltbildes. Noch bei der Bundestagswahl 2005 war die SPD die mit Abstand stärkste Kraft. Keine große Abweichung also gegenüber dem Wahlverhalten im gesamten Land: Was die große Politik betrifft, scheint die deutsche Einigkeit weit gediehen.

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