Sprung nach vorn?

Neue Zentrale für den Axel-Springer-Verlag in Berlin

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Ein 1.Preis: OMA - Office for Metropolitan Architecture, Rotterdam
Zeichnung: Architekten

Ein 1.Preis: OMA - Office for Metropolitan Architecture, Rotterdam

Zeichnung: Architekten


Ein 1.Preis: Büro Ole Scheeren
Modell: Architekten

Ein 1.Preis: Büro Ole Scheeren

Modell: Architekten


Ein 1.Preis: BIG - Bjarke Ingels Group
Rendering: Architekten

Ein 1.Preis: BIG - Bjarke Ingels Group

Rendering: Architekten


Sprung nach vorn?

Neue Zentrale für den Axel-Springer-Verlag in Berlin

Text: Crone, Benedikt, Berlin

Die Zukunft der Medien liegt im Digitalen, da ist sich Springer sicher. Wie die Zukunft der dazugehörigen Büroarbeit im Analogen aussieht, will der Verlag gleich mitbestimmen und lud zu einem Wettbewerb.
Goethe wird sich schon nicht irren. Auch dann nicht, wenn es um die Zukunft der Medien geht, dachte sich wohl Axel Springer, als er 1981 in einem Interview aus Faust zitierte: „Es wird immer gelten, dass die Menschen getrost nach Hause tragen, was sie schwarz auf weiß besitzen.“ Die Macht der Worte, die der hier zitierte Schüler gegenüber Mephisto beschwört, gilt ungebrochen. Anders steht es um die gedruckte Presse, auf die Springer sicher auch anspielte und die zeitgleich mit dem Erscheinen von Faust als Massenmedium Fahrt aufnahm. Heute, 200 Jahre später, tragen Menschen überall mit sich rum, was sie Buntes und Bewegtes auf Smartphones und Tablet-PCs besitzen. Dass die deutschen Verlagshäuser den Medienwandel nur verschlafen und bekämpft hätten, will keiner der Verantwortlichen auf sich sitzen lassen – erst recht nicht die Axel Springer AG. Als Zeichen ihrer digitalen Neuaufstellung will sie daher eine zweite Zentrale neben der alten in Berlins Mitte errichten, die auf Wunsch des Vorstandsvorsitzenden Mathias Döpfner so „avantgardistisch“ sein soll, dass Passanten vor Staunen der Mund offen steht. Den Standort dafür wählte der Verlag mit Bedacht, ein Nachbargrundstück im Nordosten, eine Brache und Parkplatzfläche jenseits des einstigen Mauerverlaufs. Wenn Springer für diesen symbolschwangeren Neubau zahlreiche bekannte Architekturbüros zu einem zweiphasigen Wettbewerb lädt, geht es natürlich nicht nur um Archi­tektur, sondern auch um PR, besser: um die Erregung öffentlichen Ärgernisses. Bereits zur Auslobung riet Döpfner, den im Jahr 2000 festgelegten Bebauungsplan für das Areal „am besten nicht zu beachten“, stattdessen etwas „radikal anderes“ zu wagen als das 1965 errichtete Verlagshaus nebenan.
Das Wettbewerbsergebnis schlug im Dezember dann wie gewünscht seine Wellen, als die Büros BIG, Ole Scheeren und OMA jeweils einen ersten Preis erhielten. Unter den fünf Finalisten befanden sich außerdem SANAA und die Berliner Kuehn Malvezzi. Falls das noch nicht genug große Namen wären, um auch außerhalb der Fachwelt für Aufsehen zu sorgen, gab es noch die übrigen 13 eingeladenen Teilnehmer, die nach der ersten Wettbewerbsphase ausgeschieden waren: Stephan Braunfels, Jürgern Mayer H., Meck Architekten, Sou Fujimoto und andere. Zur Eröffnung der Wettbewerbsausstellung zog es dann so­gar Klaus Wowereit ins Deutsche Architektur Zen­trum, wo – welch Ironie – gleichzeitig eine Ausstellung die „Neue Bescheidenheit“ (Bauwelt 1–2/2014) im Bauwesen dokumentiert. Dass Berlin aber auch Platz für „Großartiges“ und „Grandioses“ habe, machte der Regierende Bürgermeister mit Blick zur Senatsverwaltung deutlich. Wie zu erwarten lobte die hauseigene Presse am nächsten Tag den Mut der „spektakulären“ Entwürfe. In der FAZ schwärmte Dieter Bartetzko von Ole Scheerens „menschenfreundlicher, offener, nachgiebiger“ Zentrale. Nur Jens Bisky zweifelte in der Süddeutschen, ob die „skulputralen Effekte, die geschwätzige Symbolik der drei Entwürfe nicht schneller alt werden – als die Zeitung von gestern.“
Entwürfe einer neuen Arbeitswelt?
In den Lobgesängen ist eine Freude zu spüren, als wäre der Wettbewerb ein Befreiungsschlag aus Jahren auferlegter Zurückhaltung. Endlich breche jemand mit dem Berliner Traditionalismus, spiele leichthändig mit der Blockrandbebauung und halte sich nicht lange mit der Rücksicht auf Bestandsgeschichte und lokale Leitbilder auf. Sind aber kantige Solitäre mit Fischmäulern, Durchbrüche in Übergröße oder ein zackig geknickter Glasbau nun die Zukunft – der Pressearbeit, der Architektur, der Stadt? Zumindest ist es fraglich, ob all die halboffenen Räume mit ihren verschwommenen Einblicken und Spiegelungen auf pseudotransparenten Glasscheiben wirklich für geschmeidige Arbeitsprozesse, klare Kommunika­tionswege und den „Durchblick“ im Informationszeitalter sorgen. Vielleicht ist das dem Auslober aber auch nicht so wichtig.
Dieser Auslober wollte das Juryprotokoll zur zweiten Phase des Wettbewerbs erst nicht rausgeben, änderte seine Meinung aber auf Empfehlung der Berliner Architektenkammer – man hatte ja nichts zu verheimlichen. Tatsächlich steht in dem Protokoll auch nichts, das unter Verschluss bleiben müsste. Der Entwurf von OMA wurde erst raus- und darauf einstimmig wieder rein gewählt. Warum, wird nicht erklärt. Vielleicht wirft man Übervater Rem Koolhaas (die Entwürfe waren nicht mehr anonymisiert) nicht einfach raus, wenn Ole Scheeren und Bjarke Ingels noch im Rennen sind. Es folgte eine „intensive Diskussion“ der Jury, deren Zusammensetzung nur erahnen lässt, welche Sichtweisen hier aufein­ander prallten: Designtheoretiker und Globalisierungsautor Friedrich von Borries saß als Vorsitzender an einem Tisch mit Journalist Ulf Poschardt, DAM-Direktor Peter Cachola Schmal, Springer-Witwe Friede Springer, Architekt Gerhard Wittfeld, Udo Kittelmann, Direktor der Berliner Nationalgalerie, Senatsbau­direktorin Regula Lüscher und anderen. Schließlich entschied man – mal wieder –, sich nicht zu entscheiden, um die Entwürfe erst mal auf ihre Genehmigungsfähigkeit zu prüfen.
Kommen Architekten, die bereits ein Hauptgebäude fürs chinesische Staatsfernsehen entworfen haben, Bedenken, für einen Verlag zu zeichnen, dessen größtes Blatt regelmäßig vom Presserat gerügt wird? „Wir haben natürlich darüber nachgedacht“, sagt Ole Scheeren. Ihr Entwurf sei aber vor allem ein Gebäude für den Arbeitsplatz der digitalen Zukunft. Als „zeitgenössisches Pendant“ zum Axel-Springer-Hochhaus, das ein „Leuchtturm der Freiheit“ an der Berliner Mauer war, soll ihr Gebäude nun ebenfalls ein Zeichen sein – für Offenheit und für Veränderung.
Zweiphasiger Einladungswettbewerb
ein 1. Preis BIG – Bjrake Ingels Group, Kopenhagen
ein 1. Preis Büro Ole Scheeren, Peking/Hongkong
ein 1. Preis OMA – Office for Metropolitan Architecture, Rotterdam
Engere Wahl Kuehn Malvezzi, Berlin
Engere Wahl SANAA, Tokio
Fakten
Architekten BIG – Bjrake Ingels Group, Kopenhagen; Büro Ole Scheeren, Peking/Hongkong; OMA – Office for Metropolitan Architecture, Rotterdam; Kuehn Malvezzi, Berlin; SANAA, Tokio
aus Bauwelt 3.2014
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