Rijnstraat 8 in Den Haag


OMA, einst vor allem wegen seiner Kulturbauten gepriesen, zeigt sein Können vermehrt im Bau neuer Bürogebäude. In Den Haag sanierten sie ein bestehendes Ministerium und transformieren den riesigen Komplex in eine moderne Büromaschine.


Text: Spix, Sebastian, Berlin


    Neben seinen in die Vertikale ragenden Nachbarn, erstreckt sich das sanierte Rijnstraat-8-Gebäude pa­rallel zum Bahnhof.
    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Neben seinen in die Vertikale ragenden Nachbarn, erstreckt sich das sanierte Rijnstraat-8-Gebäude pa­rallel zum Bahnhof.

    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    vorher
    Abbildung: © OMA

    vorher

    Abbildung: © OMA

    nachher
    Abbildung: © OMA

    nachher

    Abbildung: © OMA

    Mit einer neuen Plaza öffnet sich das Gebäude auf zwei Seiten zur Stadt hin und verbindet die Fußgänger­zone mit dem Hauptbahnhof.
    Foto: Sebastian Spix

    Mit einer neuen Plaza öffnet sich das Gebäude auf zwei Seiten zur Stadt hin und verbindet die Fußgänger­zone mit dem Hauptbahnhof.

    Foto: Sebastian Spix

    Die Fassade besteht aus einer Dreifachverglasung. Im Erdgeschoss gibt es auf 1200 Quadratmetern Stellplätze für Fahrräder.
    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Die Fassade besteht aus einer Dreifachverglasung. Im Erdgeschoss gibt es auf 1200 Quadratmetern Stellplätze für Fahrräder.

    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Barcode-Teppichmuster, Loungesessel und toxisch-gelbe Rolltreppen – auch die Innenausstattung wurde von OMA gestaltet.
    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Barcode-Teppichmuster, Loungesessel und toxisch-gelbe Rolltreppen – auch die Innenausstattung wurde von OMA gestaltet.

    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Der neue Rijksplein durchschneidet das Gebäude in seiner Basis, akzentuiert den Zugang und bildet eine geschützte Flaniermeile aus.
    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Der neue Rijksplein durchschneidet das Gebäude in seiner Basis, akzentuiert den Zugang und bildet eine geschützte Flaniermeile aus.

    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Entlang der über die komplette Längsachse des Gebäudes verlaufenden Flure befinden sich die glä­sernen Teambürokisten.
    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Entlang der über die komplette Längsachse des Gebäudes verlaufenden Flure befinden sich die glä­sernen Teambürokisten.

    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    DerSitzungssaal ist eine 7500 Quadratmeter große Blackbox.
    Foto: Nick Guttrige

    DerSitzungssaal ist eine 7500 Quadratmeter große Blackbox.

    Foto: Nick Guttrige

    Ein öffentliches Café ...
    Foto: Nick Guttrige

    Ein öffentliches Café ...

    Foto: Nick Guttrige

    ... und das Meeting Center samt Tribüne sind lichtdurch­flutet.
    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    ... und das Meeting Center samt Tribüne sind lichtdurch­flutet.

    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Die Stahltreppen verlaufen in den Atrien frei entlang der dahinterliegenden Büros.
    Foto: Nick Guttrige

    Die Stahltreppen verlaufen in den Atrien frei entlang der dahinterliegenden Büros.

    Foto: Nick Guttrige

    Um den Energieverbrauch gering zu halten, werden in den Atrien Warm- und Kaltluft gespeichert. Außer­dem erzeugt das Gebäude selbst Energie: Abfälle werden zu Biogas umgewandelt, Sonnenkollektoren auf dem Dach generieren Strom.
    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Um den Energieverbrauch gering zu halten, werden in den Atrien Warm- und Kaltluft gespeichert. Außer­dem erzeugt das Gebäude selbst Energie: Abfälle werden zu Biogas umgewandelt, Sonnenkollektoren auf dem Dach generieren Strom.

    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Insgesamt 60.000 Quadratmeter Büroflächen stehen den Ministerien zur Ver­fügung. Die vertikalen Fensterschlitze lassen sich öffnen.
    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

    Insgesamt 60.000 Quadratmeter Büroflächen stehen den Ministerien zur Ver­fügung. Die vertikalen Fensterschlitze lassen sich öffnen.

    Foto: Delfino S. Legnani und Marco Cappelletti

„Learning from the Dutch“ sollte ein Buch über die neue Architektur der Niederlande heißen. Unter dem Eindruck der Markthalle in Rotterdam (Heft 44.2014), den neuen Bahnhofsbauten in Amsterdam und Utrecht (22.2017) oder dem Hochhaus De Rotterdam (12.2014) erscheinen Großprojekte in der eigenen Hauptstadt im Planungsablauf träge; blickt man auf das Schloss, fragwürdig. Denn ganz offensichtlich können Architekten nicht nur vorbildlich bauen und im Kostenrahmen bleiben, sondern auch rechtzeitig fertig werden. Im Fall der Modernisierung des Gebäudes des früheren Niederländischen Ministeriums für Wohnungswesen, Raumordnung und Umwelt (VROM), dem Rijnstraat 8 in Den Haag, waren die Architekten um Rem Kohlhaas sogar schneller als die Politiker. Schon im Juni, vier Monate bevor Ministerpräsident Mark Rute nach siebenmonatigen Koalitionsverhandlungen eine neue Regierung stellte, konnten das Außenministerium, das Ministerium für Infrastruktur, öffentliche Arbeiten und Wasserwirtschaft, die Zentralstelle für die Aufnahme von Asylbewerbern und der Einwanderungs- und Einbürgerungsdienst in das modernisierte Gebäude einziehen.

Acht Atrien, vier Gebäudeblocks

Schon beim Einfahren in Den Haag Centraal wird deutlich, welche signifikante Rolle das 1992 von Jan Hoogstad entworfene Gebäude im Zentrum gegenüber der kleinteiligen Stadt einnimmt. 140 Meter lang, 56 Meter breit und 60 Meter hoch erstreckt sich Rijnstraat 8 zwischen dem Bahnhof und der Fußgängerzone. Bereits nach seiner damaligen Fertigstellung galt er für seine für Nachhaltigkeit und innovative Bürotypologie in den Niederlanden als vorbildlich. Eine große Glasfassade und Atrien zu beiden Seiten, die als riesige „Wintergärten“ dienten, öffneten Rijn­straat 8 zur Stadt und teilten es zugleich in vier Blöcke. Da das Gebäude nach 20 Jahren in Betrieb nicht mehr heutigen Anforderungen an Flexibilität und Offenheit zeitgemäßer Büroräume entsprach, entschied sich die Reichsimmobiliengesellschaft vor fünf Jahren für eine umfangreiche Modernisierung des Bestands.

OMAs Entwurfskiste

Nach einer zähen zweijährigen Wettbewerbsphase, die bis 2014 dauerte, konnte sich das Team um OMA-Partnerin Ellen van Loon und Projektarchitekt Bart Nicolaas mit einem Konzept, basierend auf vier Eingriffen, durchsetzen: Aufweiten des Eingangsbereichs, Einsetzen einer zusätzlichen vertikalen Erschließung, Erweiterung der Gemeinschaftsflächen und Anfügen neuer Büroflächen. Das Gebäude wurde als Arbeitsgemeinschaft „PoortCentral“ mit dem Büro von Jan Hoogstad als Public-Private-Partnership-Projekt konzipiert und wird nun über die nächsten 25 Jahre vom Staat gemietet.
Der wichtigste Eingriff ist das Erweitern der schmalen Eingangszone in der Querachse. Dieser unscheinbare Durchgang stellte für van Loon das größte Defizit an der Erschließung des ehemaligen VROM-Baus dar, zumal er mit einem zweiten, deutlich größeren Durchbruch für eine Re­gionalbahntrasse, welche die Fassade weiter höher gelegen ebenfalls durchbricht, konkurrierte. Besucher mussten um das Gebäude zu betreten in dem nadelöhrähnlichen Tunnel eine kleine Lobby finden, um von dort in das fünfte Geschosszu gelangen. Durch das großzügige Öffnen dieses Durchgangs entsteht eine offene Plaza, die einerseits die transformierte Lobby als zentralen Eingangsbereich ausbaut, und andererseits den Bau mit Den Haags Bahnhofsareal und der Fußgängerzone verbindet. Hier, in dem Raum des etwa 12 Meter hohen und 52 Meter breiten Rijksplein, treffen ganz unbeschwert Ministe­riumsmitarbeiter, Reisende, Flaneure, Skateboarder und Radfahrer aufeinander. Das Implementieren einer Plaza ist ein bekannter Kniff aus OMAs Entwurfskiste, der nicht zuletzt im Mixed-Use-Bau, Timmerhues in Rotterdam, (Heft 8.2016) zur Anwendung kam.
Ein weiteres Werkzeug aus der Entwurfskiste sind die bunt gefassten Rolltreppen. Sie bringen einen in das „Meeting Center“ im vierten Obergeschoss. Diese 7500 Quadratmeter große doppelgeschossige Versammlungsebene ist in verschiedene Arbeits- und Besprechungszonen unterteilt. Sie dient als Treffpunkt und Verteiler für das gesamten Ministeriengebäude. Offene Loungebereiche sind frei durch Ledersessel oderTische auf der gesamten Ebene verteilt. Eckige oder abgerundete Glasboxen stehen Teams zur Verfügung, entlang einer schlangenartigen Glaswand befinden sich Einzelarbeitsplätze. Unterbrochen und strukturiert wird das Meeting Center von sechs der ursprünglich acht erhaltenen Atrien, zwei längs durch das Gebäude verlaufende Flure, einer keilförmigen Tribüne sowie Spint-Einheiten für die Laptops der Beamten. Wie in den meisten staatlichen Bauten der Niederlande wird Teilzeitarbeit unterstützt, beziehungsweise erwartet. Für 6000 Beamte stehen nur 4200 Arbeitsplätze zur Verfügung. Die vorher auf vier getrennte Gebäudeeinheiten verteilten 180.000 Quadratmetern wurden insgesamt auf 85.000 Quadratmeter reduziert.
Ein weiteres zentrales Motiv der Transformation ist das Einsetzen einer vertikalen Erschließung aus schwarzen, kantigen Stahltreppen in den Atrien. Etwas von der Mitte der Längsachse versetzt geben sie dem Gebäude ein Rückgrat und verbinden die vier Teile miteinander. Gemeinsam mit den beiden horizontal verlaufenden Flurstraßen in jedem Geschoss bilden die Treppen eine neue Gebäude-Zirkulation, die einem in Anbetracht von 140 Meter Gebäudelänge sportlich vorkommt. Die Obergeschosse wurden von OMA durch das Anfügen und Entfernen von Geschossdecken zu einem Mix aus offenen und geschlossenen Arbeits-, Tagungs- und Sitzungszonen neu konfiguriert. Auf zwei Atrien an der südlichen Kopfseite des Gebäudes verzichteten die Architekten und zogen neue, vollverglaster, Geschosse ein. Im gesamten Modernisierungsprozess mit deutlich weniger Fläche, konnte OMA den Einsatz neuer Materialien gering halten. Knapp 20 Prozent des Abrissmaterials wurden wiederverwendet.
Eine kleine Skurrilität bildet der Grote Zaal zwischen dem dritten und vierten Obergeschoss. Über dessen Gestaltung erklärt Ellen van Loon: „Ich dachte, das ist der Raum, in dem wir etwas Drama brauchen“ - ganz in schwarz und ohne Fenster erinnert der Saal an den War Room aus Stanley Kubricks Film „Dr. Strangelove“. Warum in diesem von Transparenz geprägten Gebäude ministeriale Sitzungen in einer Blackbox stattfinden sollen, überrascht. Die herausragende Modernisierung verträgt aber diesen gekonnten Bruch; und man wünscht sich insgeheim mehr Drama für öffentliche deutsche Regierungs- oder Kulturbauten.



Fakten
Architekten OMA, Rotterdam; Hoogstad, Jan, Rotterdam
Adresse Rijnstraat 8, Den Haag, Niederlande


aus Bauwelt 24.2018
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Bilder Rijnstraat 8

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