Vorgefertigtes Ferienhaus


Der individuell gestaltete Prototyp


Text: Haberle, Heiko, Berlin


    Fernando Guerra

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Die jungen Architekten des Madrider Büros MYCC haben in Galicien ein kleines Ferienhaus aus Fertigteilen erstellt. Der Bau dient ihnen als Prototyp für „mass customization“, also für eine individuell adaptierbare Serienanfertigung.
Für einen abgelegenen Bauplatz am äußersten nördlichen Rand der Provinz Galicien nahe der Stadt Cedeira erhielten die jungen Architekten Carmina Casajuana, Beatriz G. Casares und Marcos González mit ihrem Büro MYCC den Auftrag für ein Ferienhaus. Allein schon die Wahl des Grundstücks machte deutlich, dass der Bauherr nicht dem klassischen Urlaubs­ideal nachhing – in der von Wald, Landwirtschaft und Meer gepräg­ten Gegend um Cedeira ist das Wetter oft rau und feucht. Das Grundstück mit unverbaubarem Meerblick liegt am Rande eines Eukalyptuswaldes an einer kleinen Küstenstraße. Der Bauherr hatte bereits erste Schritte unternommen, um ein „herkömmliches“ Haus zu bauen, eine Garage war schon realisiert. Doch weil sich die Bauzeit immer weiter hinauszögerte, suchte er nach neuen Ideen für einen schnelleren Bau. In Madrid kam er dann in Kontakt mit den Architekten von MYCC.
Die Planer schlugen ihm spontan ein Haus aus vorfabrizierten Modulen vor: ein vollständig vorgefertigtes Haus, das nur noch auf dem Grundstück abgestellt und mit der notwendigen Haustechnik verbunden werden müsste. Der Bauherr willigte ein. Der kleine Einzelauftrag wuchs sich während der Planung dann zu grundsätzlichen Überlegungen aus, wie adaptiv eine industriell gefertigte Erstellung des Baus sein könnte. Die Frage war, inwieweit die Standardisierung an einen individuellen Entwurf angepasst werden kann, der auf Ort, Klima und Raumprogramm, aber auch auf Lebensstil und ästhetischen Geschmack des Kunden reagiert. Das Prinzip die­ses Entwurfs orientiert sich an der „mass customization“, also der Serienfertigung nach Sonderwunsch.
Die Architekten entwickelten ein Vorfertigungskonzept, das insofern flexibler als herkömmliche Systeme ist, als es sich nicht auf ein einziges Prinzip beschränkt, sondern Vorfertigung und Modularisierung vereint. Dreidimensionale Raumzellen werden mit zweidimensionalen Bauteilen, in diesem Fall für Giebel, Dach und Fassade, kombiniert. Bei bereits angedachten weiteren Häusern sollen dann je nach Bauherrenwunsch und verlangter Wirtschaftlichkeit die Ausbaustandards verschoben werden können. Das als Prototyp betrachtete Haus bei Cedeira besteht aus sechs unterschiedlich breiten Stahlkäfigen, die in der Fabrik mit dem kompletten Wandaufbau, den Installationen und teilweise auch Fenstern versehen wurden. Auf dem nur 15 Tage lang beanspruchten Bauplatz wurden dann die Nahtstellen verschweißt und alles aufgebracht und eingebaut, was die Modulgrenzen überschreitet: Bodenbelag und Anstriche genauso wie das dreieinhalb Elemente breite Panoramafenster. Zwischen den vorgefertigten Giebelwänden wurde das Dach als „traditionelle“ Balkenkonstruktion errichtet und, wie die Schmalseiten, mit zement­gebundenen Holzspanplatten eingedeckt. Den Abschluss des Bauvorgangs bildeten dann die Paneele aus perforiertem Corten-Stahl, von denen einige als Sonnenschutz dienen.
Durch ihr Konzept einer „entwerferischen Überformung“ gelingt es den Architekten, die aus Zerlegung und Transport entspringenden Zwänge der Vorfertigung zu umgehen. Damit wird aber auch der Aufwand für die Umsetzung dieser Vorfertigung deutlich komplizierter – wo heute solche Systeme eingesetzt werden, handelt es sich meist um die Wiederholung gleicher Elemente, wie etwa beim Hotel Ammerwald von Oskar Leo Kaufmann und Albert Rüf (Bauwelt 41.2010). Allerdings ist das ehrgeizige Vorhaben einer semiautomatisierten Manufaktur gerade für kleine Häuser erfolgversprechend – in jedem Fall sichert sie den Architekten weiterhin die Gestaltungshoheit.



Fakten
Architekten MYCC Oficina de arquitectura, Madrid
aus Bauwelt 47.2010
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