Am Menschen orientiert

Im Dezember starb der Wiener Architekt Harry Glück. Seine Neuerfindung der Großform in den siebziger Jahren ist aktueller denn je – und sein nachhaltiges, humanistisches Planungsverständnis Vorbild für die nächste Architekten­generation

Text: Seiß, Reinhard, Wien

    Der Wohnpark Alt-Erlaa im 23. Wiener Bezirk (1976–85) ist eine von Harry Glücks bekanntesten Schöpfungen. Blick von einem privaten Balkon hinüber zur parallelen Großzeile
    Foto: Hertha Hurnaus

    Der Wohnpark Alt-Erlaa im 23. Wiener Bezirk (1976–85) ist eine von Harry Glücks bekanntesten Schöpfungen. Blick von einem privaten Balkon hinüber zur parallelen Großzeile

    Foto: Hertha Hurnaus

    „Wohnen wie Reiche, auch für Arme“, war der Anspruch, mit dem Harry Glück (1925–2016) im Sozialen Wohnungsbau plante
    Foto: Hertha Hurnaus

    „Wohnen wie Reiche, auch für Arme“, war der Anspruch, mit dem Harry Glück (1925–2016) im Sozialen Wohnungsbau plante

    Foto: Hertha Hurnaus

    Abb.: Büro Harry Glück

    Abb.: Büro Harry Glück

    Das Buch „Harry Glück. Wohnbauten“ bietet eine umfassende Dokumen­tation und Analyse des Lebenswerks des Archi­-
    tek­ten, die DVD „Häuser für Menschen“ (125 min.)
    unter anderem ein Portrait des Wohnparks Alt-Erlaa. Beide wurden von Reinhard Seiß herausgegeben und sind im Müry Salzmann Verlag erschienen.
    Abb.: Büro Harry Glück

    Das Buch „Harry Glück. Wohnbauten“ bietet eine umfassende Dokumen­tation und Analyse des Lebenswerks des Archi­-
    tek­ten, die DVD „Häuser für Menschen“ (125 min.)
    unter anderem ein Portrait des Wohnparks Alt-Erlaa. Beide wurden von Reinhard Seiß herausgegeben und sind im Müry Salzmann Verlag erschienen.

    Abb.: Büro Harry Glück

    Foto: Hertha Hurnaus

    Foto: Hertha Hurnaus

    Foto: Reinhard Seiß

    Foto: Reinhard Seiß

    Foto: Reinhard Seiß

    Foto: Reinhard Seiß

Am Menschen orientiert

Im Dezember starb der Wiener Architekt Harry Glück. Seine Neuerfindung der Großform in den siebziger Jahren ist aktueller denn je – und sein nachhaltiges, humanistisches Planungsverständnis Vorbild für die nächste Architekten­generation

Text: Seiß, Reinhard, Wien

„Das größtmögliche Glück für die größtmögliche Zahl!“ Dieser Slogan der englischen Sozialdemokraten im 19. Jahrhundert war der Leitspruch des 1925 in Wien geborenen und Ende letzten Jahres 91-jährig verstorbenen Architekten Harry Glück während seiner sechs Jahrzehnte dauernden Arbeit. Dementsprechend nannte er, der zunächst als studierter Bühnenbildner gearbeitet hatte und stets außerhalb der lokalen Baukünstler-Szene stand, die kommunalen Wohnhöfe des Roten Wien der zwanziger und dreißiger Jahre als seine maßgeblichsten Vorbilder. Denn auch Glück sah die Großform als Schlüssel zur Lösung der Wohnungsfrage, zumal sie bei entsprechender Planung nicht nur leistbares Wohnen für viele, sondern auch eine reichhaltige Ausstattung mit sozialen, kulturellen und kommerziellen Einrichtungen sowie großzügige Grünräume erlaubt.
Als andere in den sechziger und siebziger Jahren monofunktionale Wohnsatelliten an den Stadtrand stellten, erfand Harry Glück die Großsiedlung sozusagen neu – und konnte einen Gutteil seines Lebenswerks von 18.000 Wohnungen in dieser Form realisieren, vor allem im Osten Österreichs, aber auch in Deutschland: Ende der neunziger Jahre entstanden in Brandenburg der Wohnpark Görden mit 485 Wohneinheiten sowie in Dresden der Wohnpark Theodor Fontane mit 600 Wohnungen. Während das Auftragsvolumen des meistbauenden Architekten Österreichs kollegialen Neid hervorrief, brachten ihm die Maßstäblichkeit und Nüchternheit manch seiner Projekte breite Ablehnung und jahrzehntelange Ächtung in der Fachwelt, aber nicht bei seinen Bewohnern: Zunächst galt er als Gottseibeiuns der Postmodernisten und danach als Feindbild der „Akademischen Formkünstler“, wie Glück sie nannte.
Zugegeben, nicht all seine Bauten sind von jener modellhaften Qualität, wie er sie in seiner größten und bedeutendsten Anlage in Wiens 23. Bezirk, dem Wohnpark Alt-Erlaa, in zwei Etappen zwischen 1976 und 1985 zu verwirklichen vermochte. Dafür können die drei parallelen, 300 Meter langen und 90 Meter hohen Häuserzeilen aber getrost als Ikonen des sozialen Wohnbaus bezeichnet werden – ebenso wie Glücks Anlagen in der Inzersdorferstraße (1974), in der Hadikgasse (1976), in der Maderspergerstraße (1978) oder die weltweit ersten Geschosswohnbauten im Niedrigenergiestandard in der Engerthstraße aus dem Jahr 1995. Eine Studie der Wiener Stadtplanung über die Wohnzufriedenheit im geförderten Wohnbau aus dem Jahr 2004 brachte jedenfalls ein Ergebnis zu Tage, wie man es sonst nur aus der österreichischen Skirennsportgeschichte kennt: Mit den Plätzen 1 bis 3 stellten die ausgewählten Großbauten von Harry Glück, angeführt von Alt-Erlaa, alle anderen untersuchten Wohnanlagen und Siedlungen klar in den Schatten.
Glücks Wohnbauten setzten sich damit deutlich gegen so manches Prestigeprojekt der ab den späten achtziger Jahren zunehmend an der äuße­-ren Gestalt orientierten Wiener Wohnbaupolitik durch. Und während andere Großsiedlungen heute als soziale Brennpunkte verschrien sind oder aufgrund nicht mehr zu bewältigender Missstände schon wieder abgerissen wurden, feierten die Bewohner von Alt-Erlaa vergangenes Jahr das 40-jährige Bestehen ihrer Anlage – die bis dato noch keiner umfangreichen Sanierung bedurfte: Glück baute stets schlicht, aber robust und werthaltig.
Die Zufriedenheit der Bewohner trägt bis heute zu dieser Dauerhaftigkeit bei, zumal sie ein überdurchschnittliches Verantwortungsgefühl für die gesamte Anlage zeigen, es kaum Mieterfluktuation und so gut wie keinen Leerstand gibt, ganz schweigen von Vandalismus. Trotzdem sind Harry Glücks Wohnparks entgegen häufiger Vorurteile keine Mittelschichtsghettos oder Familienidyllen, die mit der Wirklichkeit der Großstadt nichts zu tun haben. Allen voran Alt-Erlaa, mit 3200 Wohnungen Österreichs größte nicht-kommunale Wohnanlage, kann mit Fug und Recht als Stadt in der Stadt bezeichnet werden – als eine grüne Stadt, mit der Glück ganz bewusst in Konkurrenz trat zum Leben im Speckgürtel. So wollte der Architekt mit seinen Terrassenhäusern möglichst vielen Städtern einen veritablen Ersatz für einen eigenen Garten bieten: Das schrittweise Zurückversetzen der übereinander gestapelten Wohnungen ermöglichte vom ersten Obergeschoss an große besonnte und begrünte Loggien mit freiem Blick zum Himmel. Die dadurch entstandenen unbelichteten Innenräume in den unteren Geschossen nutzte Glück für insgesamt sieben Hallenschwimmbäder, mehrere Saunen und Solarien, Dampfkammern und Fitness-Cen­­-
ter sowie acht Schlechtwetterkinderspielplätze. Zudem wurden an die 30 Räume an Vereine übergeben. Deren Palette reicht von Tischtennis, Schießsport, Jiu Jitsu und Gymnastik über Tanz und Theater bis hin zu Schach, Philatelie, Keramik und Modellbau. Wohlgemerkt schuf Glück dies alles im Kostenrahmen des geförderten Wohnbaus, was durch Einsparungen insbesondere bei der Gebäudekonstruktion – der Architekt wählte meist die Schottenbauweise – gelang.
Die Herzstücke der Anlage sind allerdings die sieben großzügigen, 25 bis 33 Meter langen Dachschwimmbäder mit Blick über halb Wien. Sie wer­-den von mehr als 90 Prozent der Mieter genutzt, von 70 Prozent regelmäßig besucht – und initiieren die Kommunikation unter den Bewohnern, ja gelten als Stimulans für das rege Gemeinschaftsleben in den Hochhäusern. „Wohnen wie die Reichen, und zwar für alle“, lautete Glücks Grundsatz, dem zufolge er auch in puncto sozialer und kultureller Infrastruktur an die Arbeiterpaläste der 1920er und frühen 30er Jahre anschloss: Alt-Erlaa verfügt über zwei Ärztezentren, Kindergärten und Kindertagesheime, Schulen, Jugendclubs, Sport- und Tennishallen, Theater, Bibliothek und eine Kirche sowie über eine eigene Hausverwaltung, deren 24-Stunden-Service eher an eine gehobene Ferienanlage denn an einen sozialen Wohnbau erinnert. An Nahversorgung steht den Alt-Erlaaern ein Einkaufszentrum mit 45 Händlern, Dienstleistern und Gastronomen zur Verfügung – wie die gesamte Anlage autoverkehrs- und barrierefrei gestaltet. All das sind Qualitäten, die nur aufgrund der enormen Masse an Mietern leistbar sind, weshalb die Großform für Glück nie etwas Unmenschliches hatte – im Gegenteil: Sie ermöglichte erst jenen finanziellen Spielraum, der dem Planer die Schaffung „vollwertiger“ Wohnungen erlaubte.
Für den heutigen sozialen Wohnbau unvorstellbar ist die Weitläufigkeit und Gestaltqualität des Grünraums zwischen den drei Blöcken: Auf ei­-ner Breite von jeweils 170 Metern konnte hier eine wahre Parklandschaft entstehen, die – da sämtliche 4000 Parkplätze unter den Gebäuden an­geordnet sind – durch großkronige Bäume anstatt der andernorts üblichen Tiefgaragenentlüftungen bestimmt wird. Der Naturraum setzt sich darüber hinaus noch entlang der Fassaden bis in eine Höhe von 40 Metern fort: Der Architekt hat alle Terrassen bis in das 13. Obergeschoss mit großvolumigen Erdtrögen ausgestattet, deren üppige Bepflanzung Alt-Erlaa zu einer vertikalen Gartenstadt macht. So bietet die Anlage eine für Großsiedlungen völlig untypische Naturnähe sowie ein Gemeinschaftsleben, die es mit der Wohnqualität in Landgemeinden durchaus aufnehmen können. Wenig überraschend ist, dass sich der Freizeitverkehr der Bewohner auf ein Minimum beschränkt. Laut Studien bleiben die Alt-
Erlaaer am Wochenende lieber daheim, als ins Auto zu steigen und zu einem Zweitwohnsitz im Grünen zu fahren. Ähnlich verhält es sich mit Fahrten zum Supermarkt, in die Schule oder zum Arzt – auch sie sind in Alt-Erlaa meist überflüssig.
„Ich muss gestehen, ich habe selbst erst sehr spät bemerkt, dass Glück im Wohnbau wirklich Pionierarbeit geleistet hat“, würdigt heute auch der Architekturtheoretiker Friedrich Achleitner den früher oft Kritisierten. „Glück hat gezeigt, dass man Wohnbau nicht nur mit Architektur erle­-digen kann. Da spielen noch viele andere Elemente eine Rolle. Was er vorgelegt hat, ist im Grunde ein urbanes Konzept.“ Harry Glücks explizites Ziel war es nicht nur, „Luxus für alle“ zu schaffen, sondern auch eine probate Alternative zum oft sozial isolierten und viel Boden vergeudenden suburbanen Wohnen samt des damit verbundenen Verkehrs zu bieten. Keineswegs beschränkte er sich dabei auf Großwohnanlagen. Glück übertrug seine Prinzipien eines kommunikativen, freiraumbezogenen und autoverkehrsfreien Wohnens auch auf zahlreiche kleinmaßstäbliche Wohnbauten am Westrand Wiens. Zudem war er neben Roland Rainer einer der wenigen österreichischen Architekten, die konsequent autoverkehrsfreie Siedlungen im verdichteten Flachbau schufen – die wohl attraktivste und ressourcenschonendste Alternative zum freistehenden Einfamilienhaus in peripheren Lagen. Auch diese Siedlungsform wertete Glück, un­üblich für die Typologie, durch Schwimmbäder, Saunen, Sportplätze, Clubhäuser und andere Angebote für gemeinschaftliche Aktivitäten auf. Mit dieser Bandbreite an unterschiedlichen, von den Nutzern auffallend geschätzten Bauten zeigte er, dass nicht Größe, Höhe, Struktur oder Form einer Anlage über ein zufriedenstellendes Wohnen entscheiden, sondern die dezidierte Orientierung der Planung an den Bedürfnissen der Menschen.
Diese Gesinnung scheint bei der jüngeren Architektengeneration wieder Anklang zu finden, die den bis zuletzt noch planenden Harry Glück in den vergangenen Jahren für sich wiederentdeckt hatte – sei es aufgrund der gemeinschaftsfördernden, sei es ob der vielfältigen ökologischen Wir­kungen seines Konzepts. Unvoreingenommene Experten aus dem Ausland schätzen ihn schon seit Langem nicht nur als Pionier des sozialen, sondern auch des nachhaltigen Wohnbaus – dessen ganzheitlicher Ansatz älter ist als die Nachhaltigkeitsdebatte in der Architektur. Angesichts des jüngsten Bevölkerungswachstums und der notwendigen Rückkehr zu großvolumigem Wohnbau fand zuletzt auch die Stadt Wien wieder Gefallen an Harry Glücks Modell.
Schließlich wurden ihm 2015 anlässlich seines 90. Geburtstags sowohl durch die Stadtregierung als auch durch die TU Wien spät aber doch jene offiziellen Ehren zuteil, die nicht nur eine Aussöhnung, sondern auch eine überfällige Anerkennung der großen Bedeutung seiner Arbeit ausdrückten. Noch lieber, so ließ Harry Glück damals dem Rathaus ausrichten, wäre ihm freilich gewesen, wenn er noch einmal die Gelegenheit erhalten hätte, sein Wohn- und Städtebaukonzept in größerem Umfang unter Beweis zu stellen. Denn der Überzeugungstäter war bis zuletzt besorgt über die Art und Weise, wie die Metropolen allerorts in ihr Umland wuchern. Es sei ein alarmierendes Zeichen für die heimischen Ballungszentren, so Glück, dass sich trotz der hohen Grundstücks- und Mobilitätskosten im Speckgürtel längst auch Geringverdiener vor den Toren der Stadt angesiedelt hätten, zumal ein Fertigteilhaus mit Garten dort oft günstiger komme und gleichzeitig mehr biete als eine auch nur halbwegs erschwingliche Wohnung in der Stadt. Für den Architekten konnte die Konsequenz daraus nicht heißen, den Neubaustandard in den Zentren herunterzufahren, um preislich mit der Peripherie mitzuhalten. Vielmehr müsse die Planungs- und Wohnbaupolitik das Leben in der Stadt wieder attraktiver machen, und zwar für alle.
Das bedingt freilich, dass der Massenwohnbau nicht nur architektonisch und freiraumplanerisch neue Wege beschreitet, sondern vor allem auch in sozialer und gesellschaftlicher Hinsicht eine Aufwertung erfährt – so wie dies in den zwanziger und dreißiger Jahren und ansatzweise auch in den siebziger und frühen achtziger Jahren der Fall war. „Glücks Wohnanlagen sind den Gemeindebauten im Roten Wien auch deshalb sehr ähnlich, weil die Menschen darin nicht wie Hilfsbedürftige leben, sondern sich vom Selbstwertgefühl her jenseits ihrer Klassenzugehörigkeit bewegen können“, vergleicht der Wiener Wohnbauentwickler Robert Korab. „Darin liegt eine große emanzipatorische Kraft, würde ich sagen. Nämlich darin, dass der soziale Wohnbau ein Ort des sozialen Aufstiegs ist und nicht des Abstiegs.“

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