Zukunft ohne Biosphäre

Der Potsdamer Blumenhalle 17 steht der Abriss bevor. Die Architekten Barkow Leibinger appellieren mit eigenen Umnutzungsvorschlägen an die Stadt.

Text: Leibinger, Regine, Berlin

    Die Idee einer kommerziell nutzbringenden Biosphä­renwelt hat sich nicht erfüllt. Es kommen zu wenig Be­sucher. Kosten für die Stadt pro Jahr: 1,9 Millionen Euro

    Foto: Werner Huthmacher

    Die Idee einer kommerziell nutzbringenden Biosphä­renwelt hat sich nicht erfüllt. Es kommen zu wenig Be­sucher. Kosten für die Stadt pro Jahr: 1,9 Millionen Euro

    Foto: Werner Huthmacher

    Ein Umnutzungsvorschlag: ein „Haus-in-Haus-Konzept“ mit Gesamtschule, Sporthalle und Jugendfreizeiteinrichtung.
    Abb.: Barkow Leibinger

    Ein Umnutzungsvorschlag: ein „Haus-in-Haus-Konzept“ mit Gesamtschule, Sporthalle und Jugendfreizeiteinrichtung.

    Abb.: Barkow Leibinger

Zukunft ohne Biosphäre

Der Potsdamer Blumenhalle 17 steht der Abriss bevor. Die Architekten Barkow Leibinger appellieren mit eigenen Umnutzungsvorschlägen an die Stadt.

Text: Leibinger, Regine, Berlin

Wir haben 2014 zum ersten Mal aus der Presse von den Abrissplänen erfahren. Es trifft einen professionell und persönlich, wenn ein zu dem Zeitpunkt nicht einmal 14 Jahre altes Gebäude, das sehr viel positive Presse bekam und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde, plötz­lich als „Millionengrab“ durch die Schlagzeilen geht und so leichtfertig zur Disposition gestellt wird, nur weil das inhaltliche Konzept nicht trägt. Für uns als damals noch junges Büro waren der Wettbewerbserfolg und der Bau der Biosphäre wichtige Meilensteine, und gerade Potsdam ist mit guter zeitgenössischer Architektur wirklich nicht reich gesegnet. Es hat eine Weile gedauert, aber dann haben sich auch Fürsprecher auf unsere Seite geschlagen und für die Biosphäre stark gemacht. Inzwischen gab es immer wieder Entwarnung und dann neue Abrissszenarien, was an den Nerven zerrt.
Natürlich wäre für uns die wünschenswerteste Form der Umnutzung eine Rückführung der Biosphäre zu ihrer eigentlichen, ursprünglichen Funktion als Blumenhalle (Bauwelt 21.2001). Zu diesem Zweck wurde sie erbaut, hierfür ist sie ideal. Alle später hinzu gekommenen Einbauten sind aus unserer Sicht entbehrlich. Die Schönheit des Raums, die Klarheit und Einfachheit der Konstruktion, die Einbettung des Gebäudes in die typische, von Erdwällen geprägte Landschaft – zur Zeit der Bundesgartenschau 2001 waren diese Qualitäten sehr viel präsenter und stärker wahrnehmbar als zu jedem späteren Zeitpunkt danach.
Wir sind nicht so naiv, an den wirtschaftlichen Betrieb einer Ausstellungshalle für Blumen zu glauben, wenn schon die Biosphäre als Erlebniswelt subventioniert werden muss. Daher hatten wir zunächst überlegt, dass die Blumenhalle kommerziell betrieben und mit thematisch verwandten Nutzungen „angereichert“ werden könnte: Ein an sieben Tagen in der Woche geöffne­-tes Gewächshaus als Gärtnerei, Gartencenter, Baumschule und Kräutergarten, außerdem Gastronomie, analog zu den erfolgreichen Markthallen in Berlin. Führungen, Lehrgänge, Kurse und besondere Veranstaltungen aller Art könnten hinzukommen. Um die Chance eines wirtschaftlichen Erfolgs zu erhöhen, können wir uns sogar eine Verkleinerung des Baus vorstellen. Anbieten würde sich ein Teilabriss der Kalthalle auf der Westseite, wodurch sich die Fläche und damit die zu erwartenden Betriebskosten reduzieren ließen.
Aber auch an der Entwicklung möglicher neuer Nutzungen haben wir uns aktiv beteiligt, zum Beispiel 2015 im Auftrag der Bauholding der Stadt Potsdam mit einer Studie für ein „Haus-in-Haus-Konzept“ mit Gesamtschule, Sporthalle und Jugendfreizeiteinrichtung. Für die Schule ließ sich letztlich kein Betreiber finden, also waren auch diese Pläne irgendwann wieder vom Tisch. Grundsätzlich war der Bau von Anfang an auf Flexibilität und Umnutzbarkeit ausgelegt. Den Übergang von der Blumenhalle zum „Edutainment-Center“ hat er seinerzeit gemeistert – dem Verein der Muslime in Potsdam hat die Orangerie inzwischen für ihre Freitagsgebete gedient – warum sollte hier kein Sport, keine kul­turelle oder soziale Nutzung hineinpassen, wa­rum kein Wohnraum für Geflüchtete? Die Architektur schließt nichts von alledem aus.
Sollte es tatsächlich zum Abbruch des Gebäudes kommen, wäre dass aus unserer Sicht ein Fehler und schweres Versagen. Es wäre eine Verschwendung von Geld und Ressourcen, von Chancen und Potenzialen. In einer besonders sarkastischen Stimmung haben wir uns damit getröstet, dass die Biosphäre immerhin in ein paar Jahrzehnten originalgetreu rekonstruiert würde. In dieser Hinsicht ist ja auf Potsdam Verlass.
Fakten
Architekten Barkow Leibinger, Berlin
aus Bauwelt 18.2017
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading