Blaupause

Theresia Enzensberger platziert ihre Erzählerin, eine junge Berlinerin aus industriell großbürgerlichem Hause, als Studentin ans Bauhaus, genau während zweier Umbruchphasen der Institution.

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig


Blaupause

Theresia Enzensberger platziert ihre Erzählerin, eine junge Berlinerin aus industriell großbürgerlichem Hause, als Studentin ans Bauhaus, genau während zweier Umbruchphasen der Institution.

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

Das Bauhaus: Auch fast 100 Jahre nach seiner Gründung 1919 in Weimar scheint es ein Mythos. Zwar sind Werk und Biografien der Bauhaus-Heroen gut erforscht, Monografien und Ausstellungen leisten konstant Revi­sionen. Ganz anders steht es um weniger prominente „Bauhäusler“, und erst recht um die Masse der immerhin rund 1200 Studierenden. Hier liegen immer noch wissenschaftliche Desiderate.
Dieses Vakuum nutzt die Journalistin Theresia Enzensberger für ihr Romandebüt. Sie platziert ihre Erzählerin Luise Schilling, eine junge Berlinerin aus industriell großbürgerlichem Hause, als Studentin ans Bauhaus, genau während zweier Umbruchphasen der Institution. Ihren ersten Aufenthalt absolviert Luise zwischen Sommer 1921 und Mai 1923 in Weimar, ihren zweiten von der Eröffnung des Bauhauses in Dessau Ende 1926 bis zum Beginn des Direktorats von Hannes Mey- er Mitte 1928. Von ihm erhält sie dann auch ihr Architekturdiplom, denn das war es, was Luise wollte: Architektur studieren, gegen alle Widerstände der Familie und bürgerliche Konventionen des frühen 20. Jahrhunderts.
So recht nachvollziehbar allerdings werden Luises Motivation und vor allem ihr Studieneifer nicht. Im Plauderton der ersten Person lässt En­zensberger sie hauptsächlich von ihren Liebschaften berichten. In Weimar ist es die libertäre Liaison mit dem feschen österreichischen Stu­dienkollegen Jakob, der sie in die esoterischen Zirkel um Johannes Itten einführt. Luise empfängt stolz deren grobe „Kutte“, ernährt sich fortan vegetarisch und steht mit den frühesten Sonnenstrahlen auf. Ittens dogmatische Dominanz – er war der erste von Gropius verpflich­tete Meister und gleich für mehrere Werkstätten zuständig, war aber auch für die sektenhafte Atmosphäre des frühen Bauhauses verantwortlich – währte bis zu internen Differenzen 1923. Luise besteht den Vorkurs und wird von Itten, statt in die ersehnte Tischlerei, in die verhasste Textilklasse geschickt. Denn, so hört sie aus des Meisters Mund: die meisten Frauen haben Defizite im dreidimensionalen Sehen. Sie regis­triert Ittens (und Jakobs) Abgang aus Weimar, geht heimlich in die Tischlerei und findet in Friedrich, ein aufrechter Kommunist, der bei Gropius im Büro aushilft, einen loyalen Kollegen, der sie in die Vorbereitung einer Bauhaus-Ausstellung einbezieht.
Nach einer dem familiären Frieden geschul­deten Zwangspause bis zum Tod des Vaters setzt Luise ihre Studien in Dessau fort. Sie erläutert Gropius ihre autodidaktisch ausgetüftelten Entwürfe einer fiktiven Großsiedlung in reinster Zeilenbauweise und darf jetzt in die neue Architekturabteilung. Nun leider ohne monatlichen Scheck aus Berlin, sichert ihr ein neuer Lebensabschnittsgefährte, der vermögende Hermann, Student der Reklame bei Herbert Bayer, den passenden Lifestyle, Whisky, Champagner und Kokain in­klusive. Das Studium wird zur Dauerparty und ihre Diplompräsentation mit eben dieser Siedlung zum Eklat: Gerade hat Gropius den Wettbewerb für das Demonstrativvorhaben Karlsruhe-Dammerstock gewonnen – mit asketischer Zeilenbauweise. Luise wird des Plagiats bezich-tigt. Enzensberger spinnt Luises Leben weiter: Sie geht nach New York, agitiert und publiziert dort wie eine Jane Jacobs gegen Flächensanierung und Großprojekte, arbeitet bei der lokalen Baugenehmigung. Dort könnte sie sich an Gropius revanchieren, sein erstes Hochhaus vielleicht vereiteln. Die Blaupause ihres Siedlungsprojektes bewahrt sie bis zum Lebensende.
Natürlich darf literarische Fiktion so frei mit Personen und Geschichten jonglieren, selbst wenn die Tatsachen andere waren. Architekten, ohnehin durch ihre Fachpublikationen nicht sprachlich verwöhnt, werden sich auch an dem wenig pfiffigen, schleppenden Schreibstil Enzensbergers nicht stören. Allerdings an dem unsauberen Vokabular für fachliche Sachverhalte. Loslager, Festlager, Wirkungslinien (nicht Wirklinien) sind Termini der technischen Mechanik, eher weniger einer Baustatik der Ära Hannes Meyer. Und was bitte ist eine „schlechte Dichtung des Hauses“, von der Luise in der Siedlung Törten erfährt? „Wahrscheinlich ließen sich auch die Stahlfens­ter so isolieren, dass sie dem kalten Wetter standhielten“, räsoniert sie weiter über deren Bauphysik. Akkurat angespitzte Bleistifte, riesige Lineale, speckig, durchsichtiges Zeichenpapier im Architekturbüro: Das ist der Sehnsuchtshorizont für eine unterhaltsame Schmonzette, Bauhaus hin oder her.
Fakten
Autor / Herausgeber Theresia Enzensberger
Verlag Hanser Verlag, München 2017
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aus Bauwelt 12.2018
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