Angemessenheit ist wichtig für uns

Die ersten Kinderdörfer entstanden in der Nachkriegszeit im ländlichen Österreich. Heute baut SOS-Kinderdorf weltweit, zunehmend auch in den „Problemvierteln“ der Städte. Ein Gespräch mit dem Architekten Peter Fretschner

Text: Kleilein, Doris, Berlin

    Peter Fretschner 46, hat an der FH München Architektur studiert und leitet seit 2012 die Stabsstelle Bau des Vereins SOS-Kinderdorf. Zuvor war er 12 Jahre lang Projektleiter bei Meck Architekten

    Peter Fretschner 46, hat an der FH München Architektur studiert und leitet seit 2012 die Stabsstelle Bau des Vereins SOS-Kinderdorf. Zuvor war er 12 Jahre lang Projektleiter bei Meck Architekten

    Kindergarten und Familienzentrum in Frankfurt am Main (Architekturwerkstatt Matthias Loebermann, 2014)
    Foto: Ralf Dieter Bischoff

    Kindergarten und Familienzentrum in Frankfurt am Main (Architekturwerkstatt Matthias Loebermann, 2014)

    Foto: Ralf Dieter Bischoff

    In Planung: Kinderdorf­zentren in Düsseldorf ...
    Abb.: Kresings Architektur

    In Planung: Kinderdorf­zentren in Düsseldorf ...

    Abb.: Kresings Architektur

    ... und Hamburg
    Abb.: Carsten Roth

    ... und Hamburg

    Abb.: Carsten Roth

Angemessenheit ist wichtig für uns

Die ersten Kinderdörfer entstanden in der Nachkriegszeit im ländlichen Österreich. Heute baut SOS-Kinderdorf weltweit, zunehmend auch in den „Problemvierteln“ der Städte. Ein Gespräch mit dem Architekten Peter Fretschner

Text: Kleilein, Doris, Berlin

Herr Fretschner, weltweit gibt es 571 SOS-Kinderdörfer. Für wie viele sind Sie zuständig?
Wir betreuen 16 Kinderdörfer in Deutschland, hinzu kommen Jugendhilfen, Beratungs- und Mütterzentren, Kindergärten und Ausbildungszentren. Insgesamt sind das 40 Einrichtungen an über 100 Standorten.
SOS-Kinderdörfer stellt man sich eher auf dem Land vor. Hat sich das Konzept verändert?
1949 wurde das erste Kinderdorf von Hermann Gmeiner im österreichischen Imst gegründet. Die Kinder, die im Krieg ihre Eltern verloren hatten, sollten nicht in Heimen leben müssen, sondern in überschaubaren familiären Strukturen auf dem Land. Das Konzept gibt es nach wie vor, aber später kamen auch urbane Einrichtungen hinzu.
Wie kam es zu dieser Entscheidung für städtische Kinderdörfer?
Der Bedarf in den Städten ist einfach höher. Wir gehören in die benachteiligten Stadtteile, in denen Familien Probleme haben. Man spricht mit einem städtischen Standort viel mehr Menschen an als auf dem Land. Aber wir sind auch in Landstrichen vertreten, wo sonst kaum jemand mehr ist, etwa im brandenburgischen Wittenberge. Wir bauen dort, wo die Menschen uns brauchen.
Wie ist ein Kinderdorf in der Stadt organisiert?
Es gibt einen offenen Bereich als Anlaufstelle für den Stadtteil: eine Kita oder ein Familienzentrum. Die Kinderdorffamilien sind auf Wohnungen im selben Gebäude oder in der Nachbarschaft verteilt, die wir kaufen oder anmieten. Das funktioniert sehr gut, wir brauchen allerdings Wohnungen mit 250 Quadratmetern, die in vielen Städten schwer zu finden sind. In den ersten SOS-Kinderdörfern mussten die Kinder noch zu dritt auf 12 Quadratmetern wohnen. Das gibt es heute es nicht mehr: Wir brauchen sechs Kinderzimmer, zwei Zimmer für die „Eltern“, eins für den Betreuer, eins für die Haushaltshilfe. Hinzu kommen vier Bäder und ein Wohn- und Essbereich für 10 bis 15 Menschen. Wenn möglich, bauen wir auch Häuser oder bauen bestehende Häuser um.
Haben Sie Leitlinien für die Architektur?
Es gibt ein ­gewisses SOS-Flair: Wir wollen eine Wohlfühlatmosphäre in unseren Gebäuden, wir wollen den Menschen zeigen, dass sie es uns wert sind. Daher verwenden wir gerne warme Materialien.
Der Neubau der „Botschaft für Kinder“ in Berlin ist zum Teil aber eher roh, fast industriell.
Das Berliner Projekt wird innerhalb unserer Organisation stark diskutiert, gerade auch wegen der Farbigkeit. Bislang hat SOS-Kinderdorf kein vergleichbares Projekt gebaut. Es ist ein modernes Haus mit vielfältigen Nutzungen, das man als Ganzes begreifen muss. Es hat einen gewissen Industriecharme, aber durch die Verwendung von Eschenholz und durch die raumhohen Vorhänge kommt auch eine warme Atmosphäre.
Das Berliner Projekt ist ja kein Kinderdorf, sondern verbindet viele Nutzungen, vom Lehrhotel bis zum Konferenzzentrum.
Ja, es soll Gäste ansprechen, die Botschafter für unsere Idee werden wollen. Gäste, die Integra­tionsbetriebe nutzen, erwarten kein 0815-Hotel, sondern einen gewissen Standard. Auch drei ­unserer Behinderteneinrichtungen haben mitgewirkt und die von Ludloff Ludloff Architekten entworfenen Möbel für die Hotelzimmer gebaut. Das behalten die Gäste im Kopf.
Inwiefern wurde die Farbigkeit der Architektur diskutiert?
Bei einem anderen Projekt in Frankfurt-Sossenheim, wo wir eine alte Schule saniert und zum Familienzentrum umgebaut haben, hat der Archi­tekt Matthias Loebermann unsere Logo-Farbe aufgegriffen und einen grünen Erweiterungsbau für die Kita geplant. Damit war die Büchse der Pandora geöffnet und alle wollten die Farbe Grün in unseren Neubauten sehen. Das war eine gute Idee für diesen Ort, aber man kann nicht alles nur grün machen. In Berlin haben wir andere Farbpaletten verwendet, etwa Blau und Safran im Tagungsbereich.
Wie verlaufen die Entscheidungsprozesse ­innerhalb Ihrer Organisation?
Wir haben eine große Beteiligungskultur und entwickeln die Raumprogramme aus unseren pä­dagogischen Programmen. Später erarbeiten wir auch Details mit den zukünftigen Nutzern.
Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ­welches Projekt zu Ihnen passt?
Für uns ist Angemessenheit wichtig. Wir wollen im Stadtraum wahrgenommen werden und eine Visitenkarte abgeben, aber natürlich wirtschaftlich und nachhaltig bauen. Das ist nicht einfach. Es darf nicht das Gefühl entstehen, dass Geld verprasst wird. Wir leben von Spenden, da sollen Werte geschaffen werden.
Wie wählen Sie die Architekturbüros aus?
In der Regel loben wir Gutachterverfahren aus, zu denen wir sechs bis acht Büros einladen. Meist laden wir ein Büro ein, das bereits für uns gebaut hat, dann nehmen wir noch ein jüngeres dazu und sehen uns um, wer lokal unterwegs ist. Kresings Architektur etwa hat jüngst die Auslobung für ein Kinderdorf in Düsseldorf-Garath gewonnen, Carsten Roth baut für uns neben einer entweihten Kirche in Hamburg-Dulsberg.
Führen Sie die Verfahren bei sich im Haus durch?
Es gibt eine professionelle Auslobung und ein Preisgericht, zu dem wir auch die öffentliche Hand einladen. Unsere Erfahrung zeigt, dass die Projekte besser laufen, wenn die öffentliche Hand von vornherein mit im Boot ist.
Finanziert SOS-Kinderdorf international auch Neubauten?
Verglichen mit Deutschland wird international eher wenig neu gebaut. Wir können zwar Spendengelder für Gebäude akquirieren, aber bei den laufenden Kosten wird es schon schwieriger.
Wie kann man sich die Verteilung der Finanzmittel vorstellen?
Es ist wie beim Länderfinanzausgleich: Es gibt sehr wenige Geberländer. Wir unterstützen 42 Länder, 40 bis 50 Millionen Euro gehen ins Ausland. Aber langfristig wollen wir davon wegkommen, dass Länder von internationalen Spenden abhängig sind, und Infrastrukturen schaffen, mit denen Länder sich selbst helfen können.
Fakten
Architekten Fretschner, Peter, München
aus Bauwelt 14.2017
Artikel als pdf

0 Kommentare


Ihr Kommentar






loading