Wir können da wirklich etwas erreichen!

Reiner Nagel, Vorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, über die kommende Baukulturwerkstatt und den steigenden Gestaltungsanspruch an Deutschlands Infrastruktur

Text: Friedrich, Jan, Berlin

    Reiner Nagel, Vorsitzender der Bundesstiftung Baukaultur
    Foto: Bundesstiftung Baukultur, Till Budde

    Reiner Nagel, Vorsitzender der Bundesstiftung Baukaultur

    Foto: Bundesstiftung Baukultur, Till Budde

    Lärmschutz-Kapselung: Bahnhof Breitengüßbach in Oberfranken
    Foto: Wikimedia Commons/Reinhold Möller

    Lärmschutz-Kapselung: Bahnhof Breitengüßbach in Oberfranken

    Foto: Wikimedia Commons/Reinhold Möller

Wir können da wirklich etwas erreichen!

Reiner Nagel, Vorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, über die kommende Baukulturwerkstatt und den steigenden Gestaltungsanspruch an Deutschlands Infrastruktur

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Die kommende Baukulturwerkstatt der Bundesstiftung Baukultur am 20. und 21. November in Frankfurt am Main wird sich der „Infrastruktur“ annehmen. Das ist ein unendlich breites Themenfeld. Um welche Aspekte soll es ge­nau gehen?
Reiner Nagel Üblicherweise betrachten wir die Baukultur ja stark systemisch, also beginnend mit der Raumordnung, der Stadtentwicklung und -planung bis zu Städtebau und Architektur. Beim Thema Infrastruktur geht es uns um ein Querschnittsthema auf allen Ebenen – und um den Gestaltungsaspekt. Würde man eine Mängelliste zusammenstellen, mit allem, was gestalterisch im Argen liegt in Deutschland, dann würden auf den vorderen Rängen wahrscheinlich Infrastrukturprojekte landen. Öffentliche Räume, die mit der Infrastruktur zu tun haben, sind – wenn sie lieblos gestaltet und unterhalten werden – eines der größten Probleme der Baukultur.
Ihr Kooperationspartner bei dieser Baukulturwerkstatt ist die DB Netz AG. Die Deutsche Bahn steht, was die Gestaltungsqualität bei ­ihren Bauvorhaben betrifft, eigentlich fortwährend in der Kritik. Ist diese gemeinsame Veranstaltung ein Zeichen dafür, dass die Kri­tik bei der Bahn ­angekommen ist?
Die DB Netz AG ist Mitveranstalter – und auch ­Adressat der Themen, über die wir reden. Auch der Bahn geht es darum, gute Beispiele zu finden. Der Wille und, wie Sie sagen, die Kooperations­bereitschaft sind vorhanden, sich die Gestaltungsthemen anzusehen. Sobald höhere Qualitäten mit höheren Investitionskosten verbunden sind, ist das für das Unternehmen schwierig. Da müs­sen wir gemeinsam Partner suchen – auch bei der Bundespolitik, die den Finanzrahmen formuliert. Wenn sich aber durch eine bessere Akzeptanz von Baumaßnahmen und von Infrastrukturmaßnahmen die Zustimmung verbessert und die Planverfahren zügiger laufen, dann ist das, über Ban­de gespielt, hundertprozentig im Fokus der Bahn.
Das heißt: Wenn das Ergebnis mithilfe besserer Gestaltung besser zu werden verspricht, dann besteht die Chance, dass es während der Planung weniger Einsprüche, weniger Klagen von Nachbarn oder anderen Betroffenen gibt?
Genau. Dahinter steht für die Bahn die Hoffnung, dass die Bürger aufgrund der Aussicht, dass sich Dinge in ihrem Umfeld positiv entwickeln, ein größeres Verständnis für eine Baumaßnahme haben – und dann auch mitgehen. Das beginnt bei Trassenfindungsverfahren: Wenn Trassen landschaftsintegriert sind, kann das die Akzeptanz hinsichtlich der Streckenführung und des Streckenausbaus erhöhen; auch Lärmschutz kann landschaftsintegriert ausgeführt werden. Und es endet, wenn man so will, bei der direkten Raumwirkung auf die Bahnkunden beim Ein-, Aus- und Umsteigen an Bahnhöfen und Stationen.
Wo Sie den Lärmschutz erwähnen: „Lärmschutz als Gestaltungsaufgabe“ heißt einer der Vorträge Ihrer Veranstaltung. Lärmschutz und Gestaltung – das ist, wenn man sich umschaut, heute eher ein Gegensatzpaar.
In der Tat. Im Moment werden durch den Bau neuer Lärmschutzwände vor allem die kleinen Regionalbahnhöfe regelrecht gekapselt. Da wird ein Hybrid aus Streckenführung und gleichzeitig Station gebaut, wobei man die Stationen manchmal gar nicht mehr erkennen kann, weil sie durch die standardisierten Lärmschutzwände überformt werden. Plötzlich hat man eine Lärmschutzwandpassage- oder Troglösung mitten in der Stadt. Das sieht grob und unvermittelt aus. Und es ist ein typisches Beispiel dafür, dass Syner­gien und Chancen zu wenig mitgedacht werden, oder aus Kostengründen gar nicht in Betracht kommen. An den finanziellen Rahmenbedingungen, um etwas Besseres zu machen, darf es aber nicht scheitern, wenn das Stadtbild dauerhaft beeinträchtigt wird.
Haben Sie im Vorfeld der Veranstaltung ein paar gute Beispiele für Lärmschutz gefunden, auf die Sie sich beziehen werden?
Leider nicht. Ich suche schon seit Jahren nach guten Lösungen. Und wenn ich mal etwas Gutes sehe, fotografiere ich das. Es hat sich aber herausgestellt, dass alle diese guten Bespiele indi­viduelle Gestaltungslösungen sind, wo Architekten, Landschaftsarchitekten oder Ingenieure einen Planungsauftrag bekommen hatten, um das für eine bestimmte Strecke zu entwickeln.
Bei den standardisierten Lösungen, auf die man aus Kostengründen in den allermeisten Fällen zurückgreifen muss, gibt es nichts Überzeugendes. Das sind dann in der Regel zwischen Pfosten gestapelte Lochblechelemente, die sich vielleicht noch durch Farbe und Graffitiintensität unterscheiden und für Bahnfahrer und Anlieger ein Patchwork von unschönen Ansichten erzeugen. Zu dieser Systemlösung gibt es kaum Alternativen – wenigstens nicht solche, die sich in Ausschreibungen durchsetzen und in der Praxis bewähren. Eine Standardlösung, die auch aus technischer und gestalterischer Sicht akzeptabel ist, muss wahrscheinlich erst noch gefunden oder entworfen werden.
Die Baukulturwerkstatt begibt sich diesmal in ein Feld, auf dem es viel zu bewegen gibt ...
... auf jeden Fall. Normalerweise gehen wir bei unseren Themen immer von best practice aus, wir schauen uns herausragende Bespiele an. Hier geht es jedoch darum, Standardlösungen ein Stück weit zu verbessern. Aber über dieses Stück-weit lässt sich in der Masse ein enormer Effekt erzielen. Das ist die Hoffnung. Unsere Zusammenarbeit mit der DB Netz AG findet dort auf Vorstandsebene Zustimmung. Es gibt im Unternehmen also die Bereitschaft, etwas zu tun. Und wenn wir jetzt mit guten Lösungen kommen, uns in der Baukulturwerkstatt gute Dinge zum Thema technische Elemente und Ingenieurbauwerke einfallen – dann können wir wirklich etwas erreichen!
Sie sagen: „Wenn wir bei der Werkstatt zu guten Lösungen kommen.“ Bedeutet das, dass Sie bei der Veranstaltung mit Referenten und Besuchern tatsächlich gemeinsam Ideen ent­wickeln wollen? So habe ich das Format „Baukulturwerkstatt“ bisher gar nicht verstanden.
Wir nennen es Werkstatt und meinen damit, dass alle mitarbeiten und zu Wort kommen sollen. Aber eine Werkstatt ist ja auch ein Ort, an dem man etwas herstellt, also eine Manufaktur, eine Produktionsstätte. Und die Produktion von Ideen, die Herstellung von Lösungen, die soll dort diskutiert werden. Unsere Erfahrung ist ja inzwischen, dass in den Reihen der Baukulturakteure dann auch die richtigen Experten im Publikum sitzen. Und dass wir in unseren Diskus­sionsrunden – das war schon häufiger der Fall – auf gute, tragfähige Lösungen kommen.


Zur Baukulturwerkstatt Infrastruktur. Innovation. Baukultur
20. und 21. November im Congress Center von Frankfurt a. M.
Die Teilnahme ist kostenlos

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