Europa von oben, Europa von unten

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Wer hilft wem? Die Installation „What’s Left?“ von Elmgreen & Dragset (2021) in der Ausstellung „Use-
less Bodies?“ in der Mailänder Fondazione Prada (zu sehen bis zum 22. August).

Foto: Andrea Rossetti

Wer hilft wem? Die Installation „What’s Left?“ von Elmgreen & Dragset (2021) in der Ausstellung „Use-
less Bodies?“ in der Mailänder Fondazione Prada (zu sehen bis zum 22. August).

Foto: Andrea Rossetti


Europa von oben, Europa von unten

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Wer das Bauhaus bisher nur mit einer weit zurückliegenden Bewegung assoziierte, die von Weimar und Dessau aus weltweiten Einfluss erlangte und 2019 mit viel Aufwand den 100. Jahrestag ihrer Gründung feierte, sieht sich überrascht. Da gibt es seit knapp zwei Jahren die Wortschöpfung „New European Bauhaus“, ein Programm, das den illustren Namen für eine europäische Architektur- und Städtebauinitiative gekapert hat. Um die schleppende Umsetzung des Green Deals auf dem Sektor des Bauens voranzubringen, bedient sich Brüssel des historischen Nimbus.
Europäische Politik erfolgt generell „von oben“, das liegt in ihrer Struktur. Sie folgt jedenfalls einem bekannten institutionellen Prozedere. Es beginnt üblicherweise mit einer von einigen Ländern angestoßenen Debatte eines dringenden politischen Bedarfs, gefolgt vom Aufzeigen der Defizi­te bestehender Verträge, dem Einsetzen von Ausschüssen, dem Erstellen von Dossiers zur Situation in den einzelnen Ländern, Regionen, Städten und dann stattfindenden Beratungen. Es endet mit Beschlüssen und der meist langwierigen Umsetzungsphase in nationale Politik.
Bei den Worten „von oben“ zuckt man zusammen. Doch beim Neuen Europäischen Bauhaus läuft einiges anders und durchaus vorbildlich. Die Initiative kam direkt aus dem Umkreis von Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, entwickelt wurde sie von einer kleinen „research group“, die auch Verantwortung trägt. Während sich die Kommission vor allem mit europäischer Städtebaupolitik auseinandersetzt und dazu
eine Reihe von Chartas herausgebracht hat, die den Entwicklungsstand der „europäischen Stadt“ weiterschreiben, gleicht das Neue Europäische Bauhaus eher einem leichten Beiboot mit dem Ziel der Stärkung der Baukultur. Einem Beiboot mit einem besonderen Faible zum Bottom-up der vielen kleinen Bauprojekte in den Mitgliedsländern, die sich auf innovative Weise mit der CO2-Reduktion auseinandersetzen.

Heterogenes Programm mit Biennale-Allüren

In seiner fast zweijährigen Laufzeit hat das Neue Europäische Bauhaus Fahrt aufgenommen und an Substanz gewonnen. Es kristallisiert sich inzwischen zu einem heterogenen Bündel aus Leuchtturmprojekten, kleinen und großen Preisen und locker assoziierten Nebenschauplätzen. Vieles davon findet virtuell statt, zum Beispiel die Bekanntgabe der „Awards for the Rising Stars“. In diesen Tagen gibt es in Brüssel aber auch ein Neues-Europäisches-Bauhaus-Festival auf dem sich zuvor ausgewählte vorbild­liche Projekte präsentieren können.
Noch gleicht das Programm einem etwas hölzernen Ausstellungskonzept mit Biennale-Allüren. Die Stadtbauwelt blickt hinter die Kulissen dieses überraschenden Hybrids und zeigt den aktuellen Stand der Dinge. Welche Formen von Projekten werden wie gefördert? Inwieweit gelingt es, im Labyrinth der 27 Mitgliedsländer einen europaweiten Erfahrungsaustausch anzustoßen, der diesen Namen verdient? Was kann die für Brüssel ungewöhnlich offene und „unregulierte“ Förderungsstruktur für die urbane Entwicklung bewirken? Erfüllt die Initiative die selbstgesteckten Erwartungen oder wird sie sich, mit dem bisschen Macht, mit dem sie ausgestattet ist, schnell wieder in bürokratischen Zwängen verlieren?
Über den weiteren Erfolg lässt sich nur spekulieren. Fest steht: Es wäre ein Irrweg zu glauben, dass sich mit dem zirkulären Bauen künftig alles vor der eigenen Haustür erledigen ließe. Es braucht mehr Kooperation, auch mit den bestehenden Initiativen, die sich seit Jahren im Austausch mit den Nachbarländern engagieren. Einige dieser Initiativen lassen wir im zweiten Teil des Heftes zu Wort kommen. Und freuen uns auf eine ganz reale Heftvorstellung: Der Launch von „Europa von oben“ findet am 29. Juni, 17 Uhr, in der Architekturgalerie München statt, im Bunker von Nicola Borgmann.

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