Bauwelt

Finnlands Sprung nach vorn

Farbiger, heiterer und raffinierter wurden Architektur und Design in Finnland in den 60er Jahren. Dies zeigt eine Ausstellung in Helsinki

Text: Stock, Wolfgang Jean, München

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    Um etwa 1952 begann, zunächst zögerlich, der Wiederaufstieg Finnlands zur wichtigen Architekturnation.
    Niittykumpu 7, Espoo 1965. Architekt: Osmo Lappo
    Foto: Simo Rista / Museum of Finnish Architecture

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    Um etwa 1952 begann, zunächst zögerlich, der Wiederaufstieg Finnlands zur wichtigen Architekturnation.
    Niittykumpu 7, Espoo 1965. Architekt: Osmo Lappo

    Foto: Simo Rista / Museum of Finnish Architecture

Finnlands Sprung nach vorn

Farbiger, heiterer und raffinierter wurden Architektur und Design in Finnland in den 60er Jahren. Dies zeigt eine Ausstellung in Helsinki

Text: Stock, Wolfgang Jean, München

Bitterarm war Finnland in der frühen Nachkriegszeit, denn erst 1952 endeten die Reparationslieferungen an die Siegermacht Sowjetunion, deren Wert von 600 Millionen Dollar für die kleine und mit Flüchtlingen aus Karelien überfüllte Nation eine riesige Belastung bedeutet hatte. 1952 war zugleich das Jahr, in dem Finnland den Grundstein zu seinem Wiederaufstieg als eine der führenden Architekturnationen legte – damals begann die Planung von Tapiola, der „Stadt im Wald“ westlich von Helsinki. Bereits nach Abschluss des ersten Bauabschnitts bewunderte man in ganz Europa die neuen finnischen Leistungen im Wohnungsbau.
Dass sich zehn Jahre später die Lage fast vollständig geändert hatte, dass die mageren Zeiten in den Sechzigern einer ersten Konjunktur gewichen waren, dies zeigt die aktuelle Ausstellung im Museum für finnische Architektur in Helsinki. Ein Indiz dafür war, dass man Autos wieder ohne Bezugscheine kaufen konnte. Eine hervorragende Einführung in die reich bestückte Schau liefert der Farbfilm „Better Living“ aus dem Jahr 1968. Er zieht sozusagen eine Bilanz dieses großen Sprungs nach vorn: Der Wohnungsbau erreicht neue Rekorde, die Nation motorisiert sich, das Fernsehen hält Einzug, die Infrastruktur wird modernisiert, und Straßenszenen vermitteln ein optimistisches Leben.
Auslöser für die gesteigerte Bautätigkeit war die zunehmende Landflucht. Während sich periphere Gegenden entvölkerten, nahm der Druck auf die Zentren im Süden zu, vor allem auf die Hauptstadtregion. So wurde Tapiola ein Teil der werdenden Großstadt Espoo, die sich disparat ­in den küstennahen Wäldern ausbreitete. Zwar wurde dort versucht, den neuen Wohngebieten durch Geschäftszentren eine Mitte zu geben. Gleichwohl überwog die ungestüme Zersiedelung, die durch den wachsenden privaten Autoverkehr noch gefördert wurde. Neben Wohnvierteln entstanden aber auch viele öffentliche Gebäude wie besonders Schulen und Hochschulen (darunter die berühmte Anlage von Alvar Aalto in Otaniemi), Fabrikanlagen und erstmals Einkaufszentren.
Eine Sonderrolle nahmen die Sakralbauten ein, die nach Entwürfen der besten Architekten zu Dutzenden quer durchs Land errichtet wurden. Die Kirchen und Kapellen von Viljo Revell, Aarno Ruusuvuori, Pekka Pitkänen und anderen huldigten nämlich dem „ehrlichen“ Grau des Sichtbetons und nicht der neuen Farbigkeit, die sich sowohl an Fassaden zeigte als auch in bunten Plastikmöbeln sowie den Textilien von Marimekko. Den zeitgeistigen Mut zur Farbe dokumentieren in der Ausstellung prägnante Aufnahmen von Innenräumen, darunter der Wohnraum des Marketing-Chefs der Firma Asko in Lahti. An diesen Interieurs lässt sich auch das Streben nach hochwertigen Grundrissen trotz finanzieller Beschränkungen erkennen, ob im Punkthaus, Zeilenbau oder Atriumhaus. Hinzu kam ein neuer Standard im Ausbau mit „Schwedenküchen“ und funktionalen Bädern.
Element, Modul, Vorfertigung: Das waren die Leitideen der finnischen 60er Jahre. Auch die Bauindustrie wurde von der Fortschrittseuphorie ergriffen. Wenn aber nicht qualifizierte Architekten die Entwürfe lieferten, wie etwa bei einer großen Wohnanlage in Jyväskylä, führten die Plattenbauprojekte zu ästhetisch und städtebaulich jämmerlichen Ergebnissen. Jorma Mukala, der Chefredakteur der Fachzeitschrift ARK, bezeichnet dieses angeblich demokratische Bauen als „Hässlichkeit für alle“. Vorfertigung im besten Sinne war hingegen das Holzbausystem „Moduli 225“ von Kristian Gullichsen und Juhani Pallasmaa, die auch den Prototyp für eine elementierte Sauna entwickelten.
Die Ausstellung zeigt die Gewinne des Jahrzehnts, nicht aber die Verluste, welche die Historikerin Riitta Nikula in ihrem Buch „Bebaute Landschaft. Finnlands Architektur im Überblick“ (1993) aufgelistet hat. So wurden in Helsinki wertvolle Häuserzeilen durch grobe Geschäftsbauten ersetzt, in kleineren Städten fielen dem „Aufbruch“ ganze Holzhausviertel zum Opfer. Schade ist auch, dass dieses Mal das Katalogbuch nur auf Finnisch vorliegt, denn das englischsprachige Begleitheft bietet lediglich Basisinformationen. Man sieht: Obwohl Finnland auf seine Architektur so stolz ist, wird selbst hier immer mehr am Geld für Kultur gespart.

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