Bauwelt

Hej rup

Auf ins Bröhan-Museum, zu einer exquisiten Schau über die tschechische Avantgarde!

Text: Hamm, Oliver G., Berlin

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    Jiří Kroha, Nordböhmische Ausstellungshalle, ca. 1928, Arkudes Foundation
    Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2023

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    Jiří Kroha, Nordböhmische Ausstellungshalle, ca. 1928, Arkudes Foundation

    Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2023

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    Jiří Kroha, Ohne Titel (Wohninterieur mit Stühlen und Leuchte), Haus Kroha, Brünn, ca. 1931, Arkudes Foundation.
    Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2023

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    Jiří Kroha, Ohne Titel (Wohninterieur mit Stühlen und Leuchte), Haus Kroha, Brünn, ca. 1931, Arkudes Foundation.

    Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2023

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    Robert Slezák, Bystřice pod Hostýnem (Ausführung), Werkentwurf, Stehleuchte mit Tisch, ursprünglich mit Stoffschirm, um 1930, Bröhan-Museum, Berlin

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    Robert Slezák, Bystřice pod Hostýnem (Ausführung), Werkentwurf, Stehleuchte mit Tisch, ursprünglich mit Stoffschirm, um 1930, Bröhan-Museum, Berlin

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    Karel Teige, Collage No. 142, 1940, Museum der tschechischen Literatur, Prag.
    Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2023

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    Karel Teige, Collage No. 142, 1940, Museum der tschechischen Literatur, Prag.

    Foto: VG Bild-Kunst, Bonn 2023

Hej rup

Auf ins Bröhan-Museum, zu einer exquisiten Schau über die tschechische Avantgarde!

Text: Hamm, Oliver G., Berlin

„Hej rup!“ (Auf geht’s): einen besseren Titel – übrigens auch der Filmtitel einer Komödie von Martin Frič aus dem Jahr 1934 – hätte das Bröhan-Museum in Berlin gar nicht finden können für seine Überblicksausstellung zur tschechischen Avantgarde-Bewegung, die zwischen der Staatsgründung der Tschechoslowakei 1918 und de­-ren Zerschlagung 1938 infolge des Münchner Abkommens reüssierte. Das Erblühen der vielschichtigen Kulturszene in einer Zeit, in der eine ganze Gesellschaft – vom Arbeiter bis zur Künstlerin – in Aufbruchseuphorie war, hatte indes eine längere Vorgeschichte. Bereits 1885 verfasste die Literatengruppe Česká moderna ein Manifest der tschechischen Moderne, und 1914 wurde der Tschechische Werkbund gegründet, dem sich ab 1925 mit dem eher handwerklich orientierten Werkbund der Deutschen in der Tschechoslowakei ein Konkurrent an die Seite stellte, was beide Werkbünde aber nicht davon abhielt, gemeinsam zum zehnten Gründungstag der Republik 1928 eine große Ausstellung in Brünn zu organisieren und ebendort die Werkbundsiedlung Nový Dúm (Neues Haus) zu errichten, nur ein Jahr nach der Stuttgarter Weißenhofsiedlung.
Die tschechische Avantgarde bestand aus zahlreichen Gruppierungen in den Bereichen Architektur, Design, Bildende Kunst, Fotografie, Film, Literatur und Theater, die oft in genreübergreifender Zusammenarbeit bemerkenswerte Werke schufen. Einflüsse des französischen Kubismus und des Surrealismus in der Kunst sowie der Neuen Sachlichkeit in Deutschland und gelegentlich auch des sowjetischen Konstruktivismus in der Architektur und im Design sind unverkennbar, doch stand die Suche nach einer eigenen Identität für die junge Republik stets im Fokus. Eine wichtige Vermittlerrolle kam dabei Karel Teige zu, der als Künstler, Grafikdesigner und Publizist auf vielen künstlerischen Bühnen agierte und als Organisator sowie als Verbindungsmann nach Deutschland und Frankreich großen Einfluss ausübte. Der Mitgründer der Künstlervereinigung Devětsil (Pestwurz), die als Keimzelle der tschechischen Avantgarde gilt, verfasste das 1932 erschienene Buch „Nejmenší byt“ (Die Kleinstwohnung), mit dem er für den Bau von Kollektivhäusern für eine neue, nicht mehr auf dem Prinzip der klassischen Familie gründende Gesellschaft warb. Zudem prägte er den Begriff des Poetismus, der für eine ganzheitliche Verbindung zwischen den künstlerischen Disziplinen, aber auch für „das supreme Schaffen“ aller Menschen im Alltag stand: „Poetismus als Kunst zu leben, Poetismus als Funktion des Lebens und zugleich dessen Erfüllung, Poetismus als modus vivendi.“
Im angenehm altmodischen Bröhan-Museum lenken keine laut lärmenden Videoscreens und auch keine Audioguides vom Betrachten der über 300 Gemälde, Grafiken, Collagen, Skulpturen, Designobjekte und Fotografien sowie vom Lesen der kompakten Texte ab. Mithilfe weniger Leihgeber und des eigenen Bestands hat das Museum eine exquisite Schau mit zahlreichen Meisterwerken zusammengestellt, darunter Stahlrohrmöbel von Jindřich Halabala, Karel E. Ort und Ladislav Žák, Leuchten von Miroslav Prokop und Jiří Kroha (von dem auch zauberhafte Architekturstudien zu sehen sind), Gemälde von Emil Filla und von Toyen (bürgerlich: Marie Čermínová), Collagen von Karel Teige, zahlreiche Kunst- und Architekturzeitschriften aus einer niederländischen Privatsammlung sowie Fotografien von Jaroslava Hatláková und Josef Ehm (dessen kleinformatige Fotos im Katalog leider nicht berücksichtigt wurden, ebensowenig wie die Werkbundsiedlung Baba in Prag, 1932, abgesehen von einem kleinen Modellfoto).
Ein ganzes Ausstellungskabinett nimmt die Baťa-Stadt Zlín ein (siehe auch Bauwelt 26.2009, 46.2009 und 37.2016). Die ab 1925 von František Lýdie Gahura im Auftrag des Schuhfabrikanten Tomáš Baťa geplante Quasi-Neustadt vor den Toren einer mährischen Kleinstadt war eines der bedeutendsten Großprojekte der europäischen Moderne: eine Einheit aus Wohn-, Freizeit- und Fabrikgebäuden in einheitlicher Stahlskelettbauweise (Raster 6,15 m x 6,15 m) mit Ziegelaus­fachungen sowie einfachen kubischen Arbeiterhäusern an der Peripherie, die das Konzept einer Gartenstadt mit der Idee eines rationalistisch-fordistischen Produktionsprozesses vereinte. Zahlreiche Fotos im Katalog und in der Ausstellung (dort zusätzlich auch Modelle) vermitteln den Betrachtern einen guten Eindruck von einem Gesamtkunstwerk der tschechischen Avant­garde auch jenseits der Zentren Prag und Brünn.

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