Spiegelbild der gespaltenen türkischen Gesellschaft

In Istanbul entstanden zuletzt zahlreiche „regierungskom­­pa­tible Architekturen“. Die staat­lichen Bautätigkeiten unter­strei­chen die Verflechtung von religions­po­litischen und nationalhistori­schen Elementen in der Ge­schichts­auf­­fas­sung Erdoğans.

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

    Das neue Atatürk Kulturzentrum am Taksim-Platz in Istanbul wurde im vergangenen Oktober eröffnet.
    Foto: Emre Dorter

    Das neue Atatürk Kulturzentrum am Taksim-Platz in Istanbul wurde im vergangenen Oktober eröffnet.

    Foto: Emre Dorter

    Das alte Atatürk Kultur­zentrum, 1977. Es wurde von Hayati Tabanlıoğlu 1969 realisiert, 2019 wurde es ab­gerissen und neuerrichtet, mit originalgetreuer Fassade des Vorgängerbaus.
    Foto: Emre Dorter

    Das alte Atatürk Kultur­zentrum, 1977. Es wurde von Hayati Tabanlıoğlu 1969 realisiert, 2019 wurde es ab­gerissen und neuerrichtet, mit originalgetreuer Fassade des Vorgängerbaus.

    Foto: Emre Dorter

    Foto: Emre Dorter

    Foto: Emre Dorter

    Şefik Birkiye und Selim Dalaman stellten die Taksim-Moschee im vergangenen Jahr fertig.
    Foto: Wikimedia

    Şefik Birkiye und Selim Dalaman stellten die Taksim-Moschee im vergangenen Jahr fertig.

    Foto: Wikimedia

Spiegelbild der gespaltenen türkischen Gesellschaft

In Istanbul entstanden zuletzt zahlreiche „regierungskom­­pa­tible Architekturen“. Die staat­lichen Bautätigkeiten unter­strei­chen die Verflechtung von religions­po­litischen und nationalhistori­schen Elementen in der Ge­schichts­auf­­fas­sung Erdoğans.

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Die jüngsten Drangsalierungen kritischer Stimmen in der Türkei haben einmal mehr deutlich gemacht, wie umstritten der autoritäre Kurs Präsident Erdoğans in der türkischen Gesellschaft nach wie vor ist. Ein verlässlicher Indikator für die Politik eines Regimes und deren Akzeptanz ist die staatliche Bautätigkeit. Erdoğan, der seinen politischen Aufstieg auf die nationale Bühne in den Jahren als Bürgermeister Istanbuls begann, blieb als Staatspräsident unverändert auf die Stadt fixiert, deren gängiger geografischer Zusatz „am Bosporus“ schon längst nur noch für den historischen Stadtkern zutrifft, während sich die Megacity immer weiter entlang der Ufer des Marmarameeres im Süden ausdehnt und mit dem neuen, 2018 eröffneten Flughafen nun auch unmittelbar das Schwarze Meer erreicht.
Der neue Airport, rund vierzig Kilometer nordwestlich des Stadtzentrums, auf dem der Besuch der Stadt in der Regel beginnt, ist eines der Prestigeprojekte Erdoğans. Das Kürzel „IST“ wurde vom gleichzeitig stillgelegten Flughafen im Süden übernommen, nicht aber dessen Benennung nach Staatsgründer Atatürk. Der Bau hat nicht zuletzt mit dem rasanten Wachstum Istanbuls zu tun, das den alten Flughafen längst von allen Seiten mit Wohnsiedlungen umstellt hatte.
Das neuzeitliche Istanbul und vor allem die großen Hotels konzentrieren sich seit jeher um den Taksim-Platz im Stadtteil Beyoğlu. 2013 geriet er in den Fokus internationaler Aufmerksamkeit, als sich Proteste gegen die Beseitigung des nördlich anschließenden Gezi-Parks und den stattdessen geplanten Bau eines Einkaufszentrums erhoben. Eine Demonstration am 31. Mai wurde von der Polizei gewaltsam niedergeschlagen. Das Vorhaben einer Shopping-Mall wurde fallengelassen. In die Proteste spielte der Verdacht hinein, die Erdoğan-Regierung wolle zunehmend Zeugnisse der kemalistisch-republikanischen Zeit beseitigen und einen architektonischen Rollback vornehmen.
Für diese politische Kontroverse auf dem Feld der Architektur steht das Atatürk-Kulturzentrum (Atatürk Kültür Merkezi, AKM) auf der schmalen Ostseite des Taksim-Platzes. Dessen erster Entwurf stammt aus dem Jahr 1956, als die türkische Politik noch ganz auf der Linie des Republikgründers lag. Atatürk wollte sein Land in allen Bereichen modernisieren, und das hieß uneingeschränkt verwestlichen. So sollte am Taksim-Platz schon in den 1930er Jahren ein Opernhaus entstehen. Das Vorhaben blieb in den Anfängen stecken, bis es zwanzig Jahre später energisch aufgegriffen wurde, mit dem türkischen Architekten Hayati Tabanlıoğlu. Der entwarf ein Mehrspartenhaus, eben das nach seinem geistigen Urheber benannte Atatürk-Kulturzentrum. Nicht sorgfältig genug ausgeführt, kam es nach seiner Eröffnung 1969 aus einem Zustand permanenter Reparaturbedürftigkeit nicht heraus.
Nach zunehmendem Verfall aufgrund jahrelangen Leerstandes wurden der Abriss des Altbaus und dessen Neuerrichtung mit der Fassade des Vorgängers beschlossen und seit Anfang 2018 ausgeführt. Am vergangenen Republikgründungstag, dem 29. Oktober 2021, fand die Eröffnung statt – pandemiebedingt eher beiläufig, aber immerhin. Nur war das Bauwerk nicht ganz fertig und war es im Frühjahr immer noch nicht, da noch an der Bühnenmaschinerie des Opernsaales gearbeitet wurde.
Den Neubau entwarf Murat Tabanlıoğlu, der Sohn des Erst-Architekten. Interessanterweise wurde der Entwurf als türkischer Beitrag auf der Architekturbiennale von Venedig zu einem Zeitpunkt vorgestellt, als dessen Ausführung noch nicht entschieden war. Tabanlıoğlu machte aus dem Mehrzweck-Bau ein ganzes Ensemble, das auf das links angrenzende, bis dahin unbebaute Grundstück ausgreift. Hinter der Glasfassade mit ihren einprägsamen, rhythmisch gestaffelten Aluminiumsprossen entstand ein Opernsaal mit 2040 nach zuvor nur 1300 Plätzen. Der hufeisenförmige Zuschauerraum mit seinen deutlich ansteigenden Reihen wölbt sich halbkugelförmig ins Foyer und ist außen mit 15.000 reliefierten Keramikplatten verkleidet. Deren Dunkelrot ist durch die Glasfassade hindurch sichtbar, und wenn erst einmal alle Plastikplanen gefallen sind, wird abends ein rotes Kugelrund auf den Taksim-Platz hinaus leuchten.
Statt des befürchteten Verschwindens des Kulturzentrums, das als Symbol der laizistischen Türkei bei den Konservativen nie gut gelitten war, entstand durch Anbauten ein doppelt so großer Komplex. So wurde Platz für ein Kino, ein kleines Musik-Museum, eine Kunstgalerie, die einzige Kunstbibliothek der Stadt und vor allem einen Konzertsaal von 800 Plätzen. Die Kunstgalerie ist in einem zum Taksim-Platz hin auskragenden Bauteil untergebracht, nach vorne hin durch eine Glasfront abgeschlossen, nach den Seiten in dunklen Naturstein gefasst. Das früher mit seiner gleichförmigen Fassade für sich stehende AKM hat dadurch eine gewisse Schlagseite bekommen. Allerdings ist das Angebot des Kulturzentrums wesentlich umfangreicher, als es im Ursprungsbau je hatte sein können, es werden mehr Kultursparten abgedeckt, und mit der stark an den Gegenwartskünsten und dem Design ausgerichteten Bibliothek im Erdgeschoss wird der Kunstmetropole Istanbul Rechnung getragen.
Die spiegelt sich nicht zuletzt in der seit 1987 veranstalteten Istanbul Biennale, deren jüngste Ausgabe pandemiebedingt auf diesen Herbst verschoben wurde. Dann soll auch das Museum Istanbul Modern fertig sein, ein Entwurf von Renzo Piano am Bosporus-Ufer, gleich neben der umstrittenen Luxus-Shoppingzeile „Galataport“, wo die Kreuzfahrtschiffe anlegen und ihre Passagiere zum Konsum abladen sollen. Eine der frühen Biennalen fand hier noch leer stehende Lagerhallen als Spiel-Ort vor, und Pianos doppelgeschossiger Flachbau mit seinen industriellen Versatzstücken will wohl daran anknüpfen. Die Einbindung in den am Tourismus- und Stadt-Marketing ausgerichteten „Galataport“ nimmt der Gegenwartskunst in Istanbul gerade jene subversive Spitze, die sie bis dahin auch durch die temporäre Inbesitznahme verlassener oder untergenutzer Bauten und Räumlichkeiten bewiesen hatte. Renzo Pianos Museum ist ein Baustein in dieser, wenn man so will, „Gentrifizierung“ der Kunst und ihres Potenzials – durchaus auch mit den Mitteln einer zeitgenössischen, in jeder Hinsicht regierungskompatiblen Architektur.
Man könnte ein Vorhaben wie das Moderne-Museum als Schachzug des Regimes auffassen. Erdoğan selbst allerdings hat ein anderes, dezidiert rückwärtsgewandtes Bild der Stadt vor Augen, in der er 1954 geboren wurde. In den Jahren als Oberbürgermeister von Istanbul bedachte er seine überwiegend aus Anatolien stammende Wählerklientel mit allerlei Wohltaten, während die Einwohnerzahl seit 1980 alljährlich um rund 300.000 Zuwanderer auf inzwischen weit über 15 Millionen Einwohnerinnen anschwoll. Erdoğan, der die Re-Islamisierung der bis in die 1990er Jahre hinein durchweg laizistischen Türkei beharrlich vorantreibt, sieht seine Aufgabe nicht zuletzt in der Erbauung von Moscheen. So ließ er am westlichen Ende des weitläufigen Taksim-Platzes, in Sichtweite des Kulturzentrums, die bislang nach ihrem Standort bezeichnete Taksim-Moschee errichten.
Aber das eher unscheinbare, in der Größe den üblichen Moscheen im Gefüge der Stadt gleichende Gebäude erfüllt nicht die Ambitionen Er­doğans. Sein Lieblingsprojekt eines großen Moschee-Neubaus konnte er mittlerweile verwirklichen, wenn auch nur weit entfernt vom historischen Stadtkern auf der asiatischen Seite. Die Çamlıca-Moschee auf dem gleichnamigen Hügel, ebenfalls noch ohne eigenen, auf einen Stifter oder einen religiösen Kontext verweisenden Namen, lehnt sich eng an den Moscheenbau des 16. Jahrhunderts an. Zu ihr wurde 2012 ein Architekturwettbewerb durchgeführt, ein Jahr später der Bau begonnen und 2019 fertiggestellt.
Die Architektinnen Bahar Mızrak und Hayriye Gül Totu, die siegreich aus dem Wettbewerb hervorgingen, orientierten sich an den Bauten des Sinan, der seit 1538 als oberster Hofbaumeister zahllose Moscheen und anliegende Baukom­plexe entwarf, darunter als sein Istanbuler Meisterwerk die 1557 fertiggestellte Süleymaniye. Nun blieb die osmanische Bautradition stets auf Sinan bezogen, sodass den Architektinnen im Grunde keine andere Orientierung möglich war. Sie haben allerdings eher an die 1616 von Sinans Schüler Mehmet Ağa fertiggestellte Sultan-Ahmed-Moschee gedacht. Darauf deuten die vier Halbkuppeln der Çamlıca, die die mit 72 Metern bedeutend höhere Hauptkuppel umgeben, wie auch deren sechs Minarette. Sie messen jeweils 107,1 Meter – als Erinnerung an den Sieg in der Schlacht im ostanatolischen Manzikert 1071, mit dem der Aufstieg der Osmanen zur Großmacht begann. Ein Detail, das die enge Verflechtung von religionspolitischen und nationalhistorischen Elementen in der Geschichtsauffassung Erdo­ğans unterstreicht.
Beim Besuch im Frühjahr − unterstützt durch die Türkiye Kulturabteilung, Botschaft Berlin/TGA −, als der Taxifahrer nicht einmal den direkten Zugang zu der auf dem Hügel thronenden Moschee fand, verloren sich drei oder vier Besucherinnen in dem weitläufigen Gebäude und dem traditionellen, von überkuppelten Säulengängen gerahmten Hof mit Brunnenkiosk. Eine Re-Islamisierung Istanbuls gibt es nicht, wohl aber deutliche Signale für die vom Regime betriebene Spaltung der Gesellschaft.

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