Karl Ganser

1937−2022

Text: Escher, Gudrun, Xanten

Karl Ganser (1937-2022)
Foto: Bund Naturschutz

Karl Ganser (1937-2022)

Foto: Bund Naturschutz


Karl Ganser

1937−2022

Text: Escher, Gudrun, Xanten

„Die Kraft steckt in der Fläche, am Punkt wird diese zum Symbol“ − damit schließt Karl Ganser eine Betrachtung über „Modelle der Regionalpo­litik“ in der 2006 vom Verein pro Ruhrgebiet her­­-ausgegebenen, leicht provokanten Schrift „Berichte aus der Zukunft des Ruhrgebiets. Das Jahr 2031“. Der Entwicklungspol habe erst dann wirkliche Bedeutung, wenn er für die Entwicklung der Gesellschaft und der Region insgesamt einen Neuerungsbeitrag zu leisten imstande sei. „Daran müsste das Ruhrgebiet weit mehr als bisher arbeiten“, heißt es weiter. Was ihm vorschwebt, sind Leuchttürme in Form bedeutsamer gesellschaftlicher Leistungen mit symbolischen Projekten und Orten (wie Zollverein, seit 2001 UNESCOWeltkulturerbe), in Form großer Architekturen, die in Zukunft Baudenkmale sein könnten, und in Gestalt dominierender Persönlichkeiten. Karl Ganser war selbst eine starke Persönlichkeit, ein Forderer, ein Anreger, aber kein Freund des Ausgleichs auf kleinstem gemeinsamem Nenner. Karl Ganser war anstrengend.
In die Industrieregion zwischen Ruhr und Lippe, gemeinhin bekannt als das Ruhrgebiet, kam er als ein Fremder – als gebürtiger Bayer hier nicht regional verwurzelt, ohne den noch heute hilfreichen Kompetenznachweis bergbaulich tätiger Vorfahren, denn sein Vater war Landwirt. Initiator und Geschäftsführer der Internationalen Bauausstellung IBA Emscherpark, der „Werkstatt für die Umwandlung einer alten Industrieregion“, wurde er im Frühjahr 1989 als Fremder im Baufach ohne Abschluss an einer Architekturfakultät, denn Ganser hatte an der TU München Chemie, Biologie und Geographie studiert. Er engagierte sich aber bald in der Stadtentwicklung, erst in München, dann ab 1971 auf Bundesebene für das Institut für Landeskunde in Bonn, Vorläufer des BBSR. Von dort wechselte er 1981 in das Ministerium für Landes- und Stadtentwicklung NRW und traf auf den damaligen Minister Christoph Zöpel. Dieser, ein kongenialer Visionär, ebnete den Weg für eine IBA in der strukturschwachen Region des nördlichen Ruhrgebiets. Als unverzichtbares Vehikel für Projektentwicklungen stand damals noch die Landesentwicklungsgesellschaft LEG mit dem Grundstücksfonds zur Verfügung, inzwischen längst privatisiert und als LEG Immobilien an die Börse gebracht.
Das Ruhrgebiet, zumal in den nördlich ausfransenden Rändern mit zu der Zeit noch aktivem Bergbau, war raumplanerisch unterentwickelt, denn seit den Tagen von Robert Schmidt, dessen Konzept des Ruhrsiedlungsverbandes (heute Regionalverbend Ruhr RVR) Ganser als die „fortschrittlichste Planungsorganisation der Welt“ bezeichnete, waren 1989 zu Beginn der IBA fast 70 Jahre vergangen. Dass der RVR das hundertjährige Jubiläum 2020 – Pandemie hin oder her – unkommentiert verstreichen ließ, dürfte eine der Enttäuschungen gewesen sein, die diese uninspirierten Ruhris ihm in der Nach-IBA-Zeit bereiteten. Unzweifelhaft aber hat die IBA der Region eine neue raumplanerische Ordnung gegeben – der wichtigste Raumplaner nach Robert Schmidt war wohl Karl Ganser, darin sind sich die Fachleute einig. Er ergriff die unwiederholbare Gelegenheit, die nationale und internationale Speerspitze planerischer Neuerer an die Ruhr zu holen, ob Norman Foster für den Innenhafen Duisburg, Helène Jourdan für Mont Cenis in Herne, Reichen Robert für das TZU Oberhausen oder Uwe Kiessler für die Solararchitektur des Wissenschaftsparks in Gelsenkirchen. Die IBA setzte Zeichen für nachhaltige Planung, auch wenn nicht alle Projekte letztlich erfolgreich waren. Ganser wusste um die wichtige Rolle der Kommunikation und es gelang ihm, das Ruhrgebiet international auf der Agenda zu halten, auch wenn nach 1989 die neuen Bundesländer im Osten auf allen Ebenen Priorität hatten. Ganser dachte und plante für eine Region im ökonomischen Niedergang. Dass das Ruhrgebiet nach der Jahrtausendwende im globalen Kontext als eine der wichtigsten Industrieregionen mit dem größten Binnenhafen Europas gelten und die Bevölkerung erst mal nicht weiter schrumpfen würde, konnte er nicht voraussehen.
Es sind Begriffe, die bleiben: „Industriekultur“ mit ihren Monumenten der Industriegeschichte, die als Wert sui generis zu erkennen, damals ein Novum darstellte und seither international anerkannt ist, „Kulturlandschaft“ einschließlich derjenigen, die als Hinterlassenschaft der Schwer­industrie neu entstanden ist und die seit der IBA als Grünzüge vernetzt, die Lebensqualität im Ruhrgebiet nachhaltig befördert, und „Baukultur“ als umfassender Oberbegriff. Nicht immer war Ganser selbst Initiator wie bei der Gründung der Bundesstiftung Baukultur, aber ohne ihn wären viele Initiativen versandet. Dass 1992 während der IBA Emscherpark begonnene und Ende 2021 ohne großes Aufhebens abgeschlossene infrastrukturelle Großprojekt der Umwandlung der Emscher und ihrer Zuflüsse vom offenen Abwasserkanal zu einem lebendigen Flusssystem, das auf über 50 Kilometer Länge von Dortmund bis zur Mündung in den Rhein neue Lebensräume öffnet, hätte das Zeug zum Symbol und verdeutlicht vielleicht am sichtbarsten, was Ganser im Sinn hatte, als er sich für Raum- und Stadtentwicklung entschied. Thomas Sieverts, dessen wegweisende Studie „Zwischenstadt“ nach eigenem Bekunden ohne seine Zeit im Direktorium der IBA Emscherpark und ohne Karl Ganser nicht geworden wäre, was sie ist, war einer, der die gebotene Chance genutzt hat. Karl Ganser hat Fackeln für Neues aufgesteckt und angezündet, weitertragen müssen wir sie schon selber.

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