Bauwelt

Grande Halle in Brüssel


Im Rahmen eines städtischen Entwicklungsprogramms haben Zampone und L’Escault eine als Auto­lager zwischengenutzte Halle im Brüsseler Stadtteil Molenbeek für eine neue Klientel nutzbar gemacht.


Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin


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    Vom Altautolager zum Veranstaltungsort mit Flirt­potenzial - die Grande Halle am Quai de l’Industrie wurde von allen Einbauten frei­geräumt, um einen Möglichkeitsraum zu schaffen.
    Foto: Gautier Houba

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    Vom Altautolager zum Veranstaltungsort mit Flirt­potenzial - die Grande Halle am Quai de l’Industrie wurde von allen Einbauten frei­geräumt, um einen Möglichkeitsraum zu schaffen.

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    Am Kanal stärken zwei Rampen die Beziehung von Stadt und Wasser – hier könnten demnächst Kanutouren starten.
    Foto: Gautier Houba

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    Am Kanal stärken zwei Rampen die Beziehung von Stadt und Wasser – hier könnten demnächst Kanutouren starten.

    Foto: Gautier Houba

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    Blick von Dachterrasse der Kinderkrippe in den neugestalteten Hof.
    Foto: Gautier Houba

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    Blick von Dachterrasse der Kinderkrippe in den neugestalteten Hof.

    Foto: Gautier Houba

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    In den französischspra­chigen Teilen Belgiens müssen die Außenbereiche von Kinderkrippen von der Öffentlichkeit abgeschottet sein.
    Foto: Gautier Houba

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    In den französischspra­chigen Teilen Belgiens müssen die Außenbereiche von Kinderkrippen von der Öffentlichkeit abgeschottet sein.

    Foto: Gautier Houba

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    Zampone haben trotzdem versucht, sie mit dem öffentlichen Raum zu verknüpfen: über Dach­ter­rassen, ...
    Foto: Gautier Houba

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    Zampone haben trotzdem versucht, sie mit dem öffentlichen Raum zu verknüpfen: über Dach­ter­rassen, ...

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    ... einen Spielplatz und Glasfassaden ums Foyer, die Ausblicke ermöglichen.
    Foto: Gautier Houba

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    ... einen Spielplatz und Glasfassaden ums Foyer, die Ausblicke ermöglichen.

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    Ein offener Blockinnenbereich erlaubt es, öffentliche Nutzungen in bislang verschlossene Areale zu bringen: eine Zirkusschule, eine Kinderkrippe, Fahrradladen und -werkstatt, die Option einer Bücherleihe.
    Foto: Gautier Houba

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    Ein offener Blockinnenbereich erlaubt es, öffentliche Nutzungen in bislang verschlossene Areale zu bringen: eine Zirkusschule, eine Kinderkrippe, Fahrradladen und -werkstatt, die Option einer Bücherleihe.

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    Anstelle eines kleinen Wohnhauses trat eine Passage zur Rue Heyvaert.
    Foto: Gautier Houba

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    Anstelle eines kleinen Wohnhauses trat eine Passage zur Rue Heyvaert.

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    Die neuen weißen Stahlelemente ermöglichen verschiedene nachbarschaftliche Aktivitäten: Grillen am Schlot und vielleicht doch eines Tages Bücherleihe entlang der Brandwand.
    Foto: Gautier Houba

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    Die neuen weißen Stahlelemente ermöglichen verschiedene nachbarschaftliche Aktivitäten: Grillen am Schlot und vielleicht doch eines Tages Bücherleihe entlang der Brandwand.

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    Entlang der Großen Halle entstand ein Neubau mit Ateliers und Wohnungen – ein gutes Beispiel dafür, wie eine öffentliche Inves­tition private Baumaßnahmen anstößt, damit sich ein Quartier verändert.
    Foto: Gautier Houba

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    Entlang der Großen Halle entstand ein Neubau mit Ateliers und Wohnungen – ein gutes Beispiel dafür, wie eine öffentliche Inves­tition private Baumaßnahmen anstößt, damit sich ein Quartier verändert.

    Foto: Gautier Houba

Heyvaert ist einer der bekanntesten Orte Europas. Zumindest auf dem afrikanischen Kontinent. Denn ältere Autos, die in der Europäischen Union aufgrund von Umweltauflagen nicht mehr fahren dürfen, werden von Heyvaert aus in großer Zahl nach Afrika verschifft. Dass die Fahrzeuge eigentlich aus Brüssel kommen, ist vielleicht nicht jedem Neubesitzer bewusst: Hey­vaert ist nämlich ein Teil der Brüsseler Gemeinde Molenbeek-Saint Jean. Das dicht bebaute, industriell geprägte Quartier erstreckt sich zwischen der Bahnstrecke zum Westbahnhof und dem Kanal Brüssel-Charleroi; östlich von diesem grenzt es unmittelbar an die Altstadt. Früher war hier der Schlachthof der belgischen Hauptstadt angesiedelt; heute sind die dafür, für Folgenutzungen und weitere Betriebe entlang des Kanals errichteten Hallen vollgepackt mit Gebrauchtwagen. In den angrenzenden Straßen werden sogar historische Geschossfabriken und Geschäftshäuser zum Zwischenparken der Altwagen genutzt – eine faszinierend monofunktionelle Widmung eines ganzen Stadtquartiers, die die monofunktionelle Erdgeschossnutzung in vielen Straßen der Altstadt (Bierschwemmen, Fritten-Buden, Schokoladen-Läden) um einen hemdsärmeligen, ganz in der Hand der Schwarzen Bevölkerung liegenden Wirtschaftszweig ergänzt.
Doch Monostrukturen sind auf lange Sicht problematisch, da sie sich regelmäßig als wenig krisenfest erweisen. Und der schwunghafte Altautohandel bringt hier, im Brüsseler Stadtzentrum, auch eine Reihe von handfesten, kaum zu übersehenden Problemen mit sich: Straßen und Brücken, Kaimauern und Hausfassaden leiden unter dem Gewicht und den Vibrationen der schweren Transporter, Abgase und Lärm belästigen die Menschen und schädigen ihre Gesundheit. Inzwischen aber boomt auch im lange günstigen Brüsseler Zentrum der Immobilienmarkt, so dass selbst im migrantisch geprägten Heyvaert ein Preisniveau erreicht ist, das andere Nutzungen als Gebrauchtwagenhandel einträglich erscheinen lässt: zum Beispiel Wohnungsbau für die Mittelschicht. Diese erwartet aber ein anderes Umfeld als Autowerkstätten und -lagerhäuser, und sie möchte auch nicht jeden Morgen um halb fünf von Autotransportern aus dem Schlaf gerüttelt werden, die sich durch die engen Straßen des Viertels schieben, um neue Fracht zu bringen oder zu holen. Was es braucht für einen Schuss Gentrifizierung – es muss ja kein kompletter Austausch der Bewohnerschaft stattfinden –, sind gezielte Injektionen von Kultur- und Freizeiteinrichtungen, Bildungsangeboten und Erholungsräumen, Gastronomie und kleinteiligem Handel.
Ein Puzzleteil für das neue Bild des Quartiers ist das Projekt „Grande Halle“. Das Ende 2022 eröffnete Areal erstreckt sich vom Kanal durch den Block bis zur Rue Heyvaert und will sich über eine neue Passage auch mit der Rue de Liverpool verbinden, um die neuen Angebote und Einrichtungen, die hier nach und nach Raum finden sollen, der Nachbarschaft nahezubringen. Kern des Projekts ist die namengebende „Grote Hal“: eine hoch über dem Boden sich spannende Stahlkonstruktion, unter der zuvor, was sonst, Altautos gelagert wurden, und die nun einen frei geräumten Platz vor Regen und Sonne schützt, der als Veranstaltungsort genutzt werden kann für Darbietungen aller Art, für Kunst und Tanz, aber auch als simpler Treffpunkt. Die für die verschiedenen Events nötige Technik – Strom und Wasser, Sound und Licht, Toiletten und Gerätschaft zum Grillen – liegen hinter cremeweißen Stahlgittern verborgen, die das Team vom Brüsseler Büro L’Escaut Architectures entlang der begrenzenden Backsteinwände angeordnet haben; im Hallendach verstecken sich Akustik­segel.
Die Kinderkrippe, die, vom Brüsseler Büro Zampone Architectuur geplant, neu gebaut an diesen Raum angrenzt, reicht nicht, um ihn mit Leben zu füllen, doch sicher wird die Flämische Zirkusschule, die demnächst in der benachbarten Halle einziehen soll, für Belebung sorgen. Außerdem können Schulen die Grote Hal ebenso bespielen wie Vereine, Kulturhäuser und -institutionen – noch aber nur von 7 bis 22 Uhr. Dann werden die Tore am Kanal und an der Heyvaertstraße, für deren Installation die Gemeinde gesorgt hat, geschlossen. Zu groß sei dieser Innenbereich, um ihn auch nachts sozial kontrollieren zu können, so die Argumentation der Verantwortlichen. Allerdings dürfte auch die Nachtruhe eine Rolle spielen: Auf der einen Seite der Halle grenzt ein Neubau für Künstlerateliers und Wohnungen an, ein erster Baustein für eine leicht andere Abmischung der Bewohnerschaft des Quartiers; im Erdgeschoss, zum Hof orientiert, soll demnächst ein Laden für Gebrauchtfahrräder eröffnen, was die Richtung der Entwicklung gut zeigt: weg vom Dieseldunst des fossilen Zeitalters, hin zu ökologisch unbedenklicher Mobilität, zu Freizeit und Sport.
Die Umnutzung des Geländes erfolgte im Rahmen des „contrat local“, ein seit rund drei Jahrzehnten in Brüssel angewandtes Mittel der Stadtentwicklung, mit dem punktuell Entwicklungen ermöglicht werden, die dann weitere Investitionen und Projekte anstoßen sollen. Für sechs Jahre stehen fünfzig Millionen Euro im Rahmen dieses Programms zur Verfügung, und Jahr für Jahr können die Gemeinden der Region Brüssel Vorschläge für Entwicklungsmaßnahmen auf postindustriellen Arealen wie der Grande Halle unterbreiten; jeweils vier werden zur Realisierung angenommen.
Die intensive Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern, die im „contrat local“ vorgesehen ist, hat das Projekt verändert, erzählen die Architekten beim Treffen Anfang September: Der ursprünglich geplante Sportplatz etwa ist entfallen, um den öffentlichen Raum weiblicher, kinderfreundlicher zu machen – ein Sportplatz ist eben doch ein Ort, an dem ältere Jungs ihre Freizeit verbringen, und die prägen schon jetzt den Stadtteil in großem Maß. Schade aber, dass der angedachte Nachbarschaftsbücherverleih nicht umgesetzt wurde – es fand sich kein institutioneller Partner, um das langgestreckte Regal hinter dem Zugang von der Rue Heyvaert zu befüllen und seinen Buchbestand zu pflegen. Doch was nicht ist, kann noch werden. Es ist hier wie in jeder Stadt – mitunter dauert es ein bisschen, bis das Alltagsleben neue Räume erobert, Angebote wahrnimmt und Entfaltungsmöglichkeiten entdeckt. Die Grande Halle und Heyvaert haben Zeit für die Zukunft.



Fakten
Architekten Zampone architectuur, Brüssel; L’Escaut, Brüssel
Adresse Quai de l'Industrie 79, 1080 Molenbeek-Saint-Jean, Belgien


aus Bauwelt 21.2023
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