Der aktivistische Flaneur

Zum Tod von Mike Davis (1946–2022)

Text: Gutzmer, Alexander, München

Abb.: Evan Solano

Abb.: Evan Solano


Der aktivistische Flaneur

Zum Tod von Mike Davis (1946–2022)

Text: Gutzmer, Alexander, München

Was würde Walter Benjamin machen, wenn er heute noch lebte? Glaubt man Mike Davis, täte Benjamin vor allem eines: Er führe nach Los Angeles. Er würde sich dort in die Stadt geworde­ne Filmhistorie begeben, würde Filmstudios be­suchen, vor allem die kleinen, randständigen. Er würde nach den Schattenseiten des Glamour-Geschäftes suchen – und damit das machen, was der Untertitel von Davis’ bekanntestem Buch „City of Quartz“ expliziert: „excavating the future of Los Angeles“. Mit dieser Suche nach verschütteten Alternativzukünften gliche Benjamin dem amerikanischen Stadtsoziologen, der genau das immer getan hat: dorthin zu gehen, wo es weh tut. Davis ist im benjaminschen Sinn „flaniert“, indem er sich urbanen Phänomenen genähert hat, mit denen man sich nicht gemein machen kann, weil sie zu absurd sind. Die Stadt klopfte er daraufhin ab, wo sie Menschen trennt, wo sie Grenzen zwischen ethnischen und sozialen Bevölkerungsgruppen errichtet.
Mit seinem von Furor getriebenen Schreibstil propagierte Davis die Notwendigkeit, in der urbanen Betrachtung und der Architekturtheorie politisch Position zu beziehen. Politisch hieß für ihn zuallererst: konfliktgeladen. Die West-Coast-Metropole war dabei ob der Krassheit der dort ausgetragenen Konflikte ein perfekter Analyserahmen. Sie ist aber auch eine Metropole, in der sich nicht nur die Folgen der kapitalistischen
Industriemoderne in besonders schrillen Farben zeigen, sondern in denen auch die Ursprünge dieser Kultur liegen. Dass hier die Sehnsüchte der Nachkriegsgesellschaft geboren wurden, verleiht der Stadt einen mystischen Charakter.
Auch in ihrer Architektur schlägt sich diese Doppelgesichtigkeit der Stadt nieder. Ein Klassiker der L.A.-Architektur ist das Bonaventure Hotel von John Portman. Der linke Intellektuelle Fred Jameson hatte dieses Gebäude als Geburtsort der Postmoderne deklariert, weil es mit sei-ner Unübersichtlichkeit den Grundsätzen der funktionalistischen Moderne zuwiderlaufe. In seinem 1984 in der New Left Review erschienenen Artikel „Postmodernism, or The Cultural Logic of Late Capitalism“ erklärte Jameson, das Bonaventure sei „populär“. Damit brachte er Davis auf die Palme. Das Hotel sei mit seinen stark spiegelnden Fassaden wie eine Burg der weißen Bourgeoisie inmitten einer von systematischer Segregation geprägten Stadt: Es stehe in einem hispanisch-asiatisch dominierten Viertel und schotte sich mit seinen Gartenanlagen und absurd elaborierten Sicherheitssystemen von der Stadtrealität ab. Es sei also alles andere als „populär“. Für Davis war das ein Beispiel dafür, wie sich soziale Spaltung räumlich und architektonisch vollzieht.
Genau dieses Spannungsfeld zwischen sozialpolitischem Engagement und kultureller Analyse prägt das Werk von Mike Davis. Der Blick für die inhärenten Widersprüche kapitalistischer Raumbildung ist es, der die von ihm mitbegründete urbanistische Denkrichtung der „L.A. School“ so reizvoll macht. Davis war ebenso ein intellektueller Grenzgänger wie Walter Benjamin, in gewisser Weise ein Vorfahr der L.A. School und Gründungsvater der marxistischen Raumanalyse. Ende Oktober ist Mike Davis mit 76 Jahren in seinem Haus in San Diego gestorben.

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