Learning from Yumbo

Jan Friedrich empfiehlt den Süden der Insel Gran Canaria als städtebauliches Exkursionsziel

Text: Friedrich, Jan, Berlin


Learning from Yumbo

Jan Friedrich empfiehlt den Süden der Insel Gran Canaria als städtebauliches Exkursionsziel

Text: Friedrich, Jan, Berlin

Regelmäßige Leserinnen und Leser dieser Kolumne mögen sich erinnern, dass ich im Urlaub stets versuche, mich von Architektur fernzuhalten. Etwa indem ich in abgelegenen Bergregionen wandern gehe. Trotzdem stol­pere ich fast immer über irgendetwas, das den Architekturjournalisten in mir triggert. An den unmöglichsten Orten begegnen mir wundersame Dinge, über die es zu berichten lohnt. Voilà.
Die Hoffnung, der Berliner Spätherbsttristesse für einige Tage entkommen zu können, verschlug mich Anfang November auf die Kanareninsel Gran Canaria. Eine Woche lang im abge­legenen Norden Wandern. Das mit der Architekturabstinenz hat dort ausnehmend gut funktioniert. Aus den Bergen weiß ich lediglich über ein schönes Beispiel dafür zu berichten, dass man Ausgedientes keinesfalls wegwerfen muss, sondern mit Gewinn weiternutzen kann: Stark korrodierte Wäscheständer und Bettfederroste, die aus der ursprünglichen Nutzung gefallen sind, lassen sich, miteinander kombiniert, perfekt zu Toren in Gartenzäunen upcyceln.
Dann eine weitere Woche an der Südspitze der Insel: Sonne, Atlantik, die berühmten Wanderdünen von Maspalomas. Klingt ebenso idyllisch und abgelegen wie die Berge, ist es aber nicht. Direkt hinter den Dünen beginnt Playa del Inglés, eine Touristensiedlung aus Hotels und Bungalowanlagen, die in den 1960er- und 70er-Jahren entstand, als der Süden Gran Canarias für den Massentourismus erschlossen wurde. Playa del Inglés ist ein ziemlich gelungenes Beispiel modernen Städtebaus. Ein kleines städtisches Wunder aber ist das Anfang der 80er Jahre auf einer Brachfläche inmitten des Ortes gebaute Shopping-Center „Yumbo Centrum“. Tagsüber fungiert es als überraschend lebendiges Ortszentrum mit Geschäften, die weitgehend Trashiges anbieten, Cafés und Restaurants. Doch während die meisten Shopping-Center auf der ganzen Welt nach Geschäftsschluss in tiefen Schlaf verfallen, erwacht „das Yumbo“ allabendlich zu seinem zweiten Leben: als ausgelassene Partymeile der europäischen queeren Community. Man muss wirklich jedem, der sich dafür interessiert, wie sich Orte in der Stadt rund um die Uhr beleben lassen, ans Herz legen, sich das einmal genauer anzusehen. Mit guter Architektur, das sei vorweggenommen, hat der Erfolg des Yumbo nichts zu tun.

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