Warten auf den Anruf

Kaye Geipel war einen Nachmittag lang an den Ufern der Seine und macht jetzt auch mal einen Metropolenvergleich

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Kaye Geipel war einen Nachmittag lang an den Ufern der Seine und macht jetzt auch mal einen Metropolenvergleich

Kaye Geipel war einen Nachmittag lang an den Ufern der Seine und macht jetzt auch mal einen Metropolenvergleich


Warten auf den Anruf

Kaye Geipel war einen Nachmittag lang an den Ufern der Seine und macht jetzt auch mal einen Metropolenvergleich

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Großstadtvergleiche und Rankings finde ich ermüdend. Überlassen wir sie den Wall Papers und Lufthansa-Journalen dieser Welt. Doch an dieser Stelle juckt mich die Ausnahme. Also: Paris und Berlin. Anlass ist die Eröffnung des „Morland Mixité Capital“-Areals direkt am Seine-Ufer. Teuerste Pariser Gegend und unbezahlbar für Sterbliche. Umgebaut und verdichtet wurde die ehemalige Präfektur des 4. Arrondissements, ein Natursteinkoloss aus den 60er Jahren und lange der Schrecken vieler Architekten. Hier saß die pingelige Baugenehmigungsbehörde, durch ihren Umzug wurde der Koloss frei. Im Rahmen des Projektwettbewerbs „Réinventer Paris“ kam die Investorengruppe Emerige nach Plänen von David Chipperfield und dem Büro Calq zum Zug. Bei Wohnungs-Quadratmeterpreisen vorn an der Seine von 30.000 Euro und über den Daumen gepeilt 20 Prozent Rendite sicher auch ein Goldesel für den Investor. Doch während bei uns solche Projekte mit großer Zwangsläufigkeit in fragwürdige Natursteinqualität und in strikte Abgrenzung von der Nachbarschaft münden, entstand hier, nach dem Konzept von Chipperfield, nicht nur ein architektonischer Luxusliner, sondern ein geradezu überbordender Nutzungsmix von elf unterschiedlichen öffentlichen Funktionen: Kindergarten, ein Gemüse-, Fisch- und Käsemarkt, Jugendherberge, Fahrradwerkstatt, Hotel, Möbelladen, Garten, alles unter einer imposanten, nach außen offenen Erdgeschossarchitektur. Laurent Dumas, der Investor, hing an diesem Abend am Arm der Pariser Bürgermeisterin und strahlte. Er hatte allen Grund. Wo gibt es bei uns solche Erdgeschosse? Rückfahrt und Ausstieg Berliner Hauptbahnhof am nächsten Tag. Ich biege, nur zum Vergleich, kurz ab in die Berliner Europacity, das milliardenschwere Vorzeigequartier der Berliner Planung. Und finde nichts dergleichen. Dort, wo der Masterplan einst einen kleinen Hafen vorsah, eine gepflasterte Bucht, die den Namen Platz nicht verdient. Längs des Kanals, wo öffentliche Räume entstehen sollten, unsägliche Halbmäuerchen zum Schutz der teuren Erdgeschosswohnungen. Kapitalorientierte Dichte, magerste preußische Öffentlichkeit, falls überhaupt. Warum wird das hier so hingenommen? Vielleicht greift ja eine Senatsbaudirektorin oder ein Planungsdezernent zum Telefon, wählt die Nummer der Redaktion und klärt mich auf.

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