Die Daten wurden laufend einer Kollisionsprüfung unterzogen

Die komplexe Baustruktur des Museums in Doha stellte eine besondere Herausforderung im Planungs- und Bauprozess dar. Wir haben Thomas Winterstetter gefragt, wie die Koordination dutzender Firmen gelang.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

    Thomas Winterstetter Prof. Dr.-Ing. Seit 2001 bei Werner Sobek Stuttgart tätig – seit 2008 als Geschäftsführer und seit 2016 als Vorstand und Partner. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Entwurf komplexer Geometrien bei Tragwerken und Gebäudehüllen.
    Foto: werner sobek stuttgart

    Thomas Winterstetter Prof. Dr.-Ing. Seit 2001 bei Werner Sobek Stuttgart tätig – seit 2008 als Geschäftsführer und seit 2016 als Vorstand und Partner. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Entwurf komplexer Geometrien bei Tragwerken und Gebäudehüllen.

    Foto: werner sobek stuttgart

    Aufbau der Konstruktionsschichten und der Ver­kleidung der Disken, vertikal, in der Komposition und horizontal
    Abb.: Ateliers Jean Nouvel

    Aufbau der Konstruktionsschichten und der Ver­kleidung der Disken, vertikal, in der Komposition und horizontal

    Abb.: Ateliers Jean Nouvel

    Foto: Iwan Baan

    Foto: Iwan Baan

Die Daten wurden laufend einer Kollisionsprüfung unterzogen

Die komplexe Baustruktur des Museums in Doha stellte eine besondere Herausforderung im Planungs- und Bauprozess dar. Wir haben Thomas Winterstetter gefragt, wie die Koordination dutzender Firmen gelang.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Herr Winterstetter, das koreanische Generalunternehmen Hyundai erhielt Ende 2011 den Auftrag für den Bau des Nationalmuseums in Doha. Wie ergab sich anschließend die Be­auftragung von Werner Sobek?
Wir wurden 2012 gebeten, einen Vorschlag für die Konzeption, Planung und Optimierung der komplexen Gebäudehülle abzugeben. Hyundai kam auf uns zu, weil wir bereits bei Projekten wie dem Mercedes-Benz Museum in Stuttgart oder dem Heydar Aliyev Center in Baku unsere Kompetenz im Bereich hochkomplexer Geome­trien unter Beweis gestellt hatten.
Die Gebäudehülle des Museums mit den sogenannten Sandrosen-Strukturen ist besonders anspruchsvoll. Wie gelang die sicherlich sehr komplexe Koordination des Planungsprozesses mit dem 3D-BIM-Modell, in das alle beteiligten Fachplaner und ausführende Firmen ihre Planungen einspeisen konnten?
Das BIM-Modell ist faktisch ein ständig in Veränderung befindlicher Organismus; es ist eine virtuelle Baustelle, die wächst und sich verändert, an der permanent und auf verschiedenen Ebenen an unterschiedlichen Stellen gearbeitet wird. Das Planungsteam umfasste dutzende von Firmen überall auf der Welt. Allein die Firmengruppe Werner Sobek war mit drei Büros beteiligt, die sich auf drei Kontinente verteilen. Voraussetzung für den erfolgreichen Umgang mit einem so komplexen Gebilde ist technologische Kompetenz, sowohl im Engineering als auch im Umgang mit den BIM-Werkzeugen selbst. Benötigt wird aber trotz aller Digitalisierung immer auch eine Präsenz vor Ort. Allein für die Planungskoordination hatten wir ein eigenes Team von bis zu vier Mitarbeitern auf der Baustelle.
Wie konnten die kontinuierlichen Anpassungen des 3D-BIM-Modells problemlos auch während des baubegleitenden Planungsprozesses koordiniert eingearbeitet werden? Wer war in leitender Position tätig?
Die Planung wurde in vielzähligen Meetings vor Ort mit den Nachbargewerken besprochen und mit Hyundai und den ausführenden Stahlbau-und Betonfassadenbau-Firmen koordiniert. Eine eigens dafür beauftragte Spezialfirma hat die eingestellten 3D-BIM-Daten laufend einer Kollisionsprüfung unterzogen. Die Ergebnisse dieser Prüfung, die sogenannten Clash Reports, wurden dann kontinuierlich abgearbeitet und zur Optimierung der Planung genutzt. Als Projektlei­-ter musste ich diese Arbeiten sowohl vor Ort als auch an unseren unterschiedlichen Standorten immer wieder persönlich betreuen – wurde hierbei aber durch mehrere Teilprojektleiter unterstützt.
In welcher Form waren der Architekt Jean Nouvel und die Tragwerksplaner von Arup in diesen Prozess noch eingebunden? Wurden Veränderungen am Entwurf notwendig?
Jean Nouvel war nur am Rande eingebunden, da der Entwurf nicht verändert werden sollte und die Baufirma gemäß den Gepflogenheiten im Mittleren Osten direkt mit den entsprechenden Leistungsphasen beauftragt war. Arup war bei der Planung der Schnittstellen der Fassadenkon­struktion zum Primärstahlbau, der Verifizierung des Primärstahlbaus für die Lasten aus der Fassade sowie bei der Koordination der von uns in Ergänzung zur Arup-Planung bearbeiteten Primärstahlbau-Bereiche stärker involviert.
In welcher Phase konnte Werner Sobek währendder Planung der Gebäudehülle die Spannweiten optimieren?
Gleich zu Anfang. Die Unterkonstruktion musste komplett neu entwickelt werden. Wir haben ein System mit optimierten Spannweiten und maximaler Rationalität konzipiert und die Schnittstellen mit ihren Lasten und Anschlusspunkten mit dem Haupttragwerk koordiniert.
Wie gelang es bei der großen Komplexität der Gebäudehülle, die Anzahl der verschiedenen Paneele der Dacheindeckung zu reduzieren?
Die Paneele folgen einer bestimmten rotationssymmetrischen Logik; ein radialer Strang von Paneelen ist in Ringrichtung kopiert und er­gibt durch seine Fugenzeichnung das insgesamt sehr irregulär, organisch-kristallin erscheinende Bild der Gebäudehülle. Dieses Grundmuster ist bei allen Disken gleich, so dass hierdurch eine gewisse Vereinfachung erreicht werden konn­te. Allerdings gibt es über dreißig verschiedene Größen von neun bis zu 87 Metern Durchmesser und zahlreiche Überschneidungen von unterschiedlichen Disken, was die Komplexität wieder erhöhte.
Welche Schwierigkeiten ergaben sich bei diesem Projekt erst während des Bauablaufs? In welcher Form musste vor allem auf die klimatischen Bedingungen vor Ort eingegangen werden?
Die klimatischen Bedingungen vor Ort waren zum Teil sehr anstrengend. Dem mussten wir mit Maßnahmen wie dem Verschieben eines Großteils der Arbeiten auf die Nachtstunden, dem Einsatz von Arbeitern aus tropischen Herkunftsländern usw. begegnen. Die extremen Temperaturbedingungen betrafen aber nicht nur die Bauarbeiter, sondern auch das Mate­-rial. Thermisch bedingte Verformungen der Glasfaser-Beton-Paneele (insbesondere durch Schwinden) mussten produktionstechnisch ausgeschlossen werden. Das enge Budget eben­so wie die Tatsache, dass die vor Ort verfügbaren Subunternehmer oft nicht über eine mit unseren Breiten vergleichbare Erfahrung und Qualifikation verfügten, erforderten eine absolut „narrensichere“ Planung und intensive Überwachungs- und Sicherungsmaßnahmen.
Welche besonderen Erfahrungen haben Sie bei diesem Projekt in Katar gesammelt?
Die besondere Lage des Museums, die Dynamik von Doha, die extrem hohe Internationalität aller Beteiligten und das erstaunliche Niveau an individuellem Know-how, Engagement und Leistungsfähigkeit ebenso wie der Mut des Bauherrn zur Verwirklichung eines solchen besonders anspruchsvollen Entwurfs haben mich am stärksten beeindruckt.
Fakten
Architekten Winterstetter, Thomas, Stuttgart; Werner Sobek Ingenieure, Stuttgart
aus Bauwelt 11.2019
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