Bauwelt

Die Moderne konkurriert hier mit sich selbst

Die Länderpavillons

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Bild 1 von 29
  • Bilderliste
    • Social Media Items Social Media Items

    Überpinselt: Im zentralen Pavillon der Giardini geht es dieses Jahr nicht um Projekte und Bauten, sondern um das, woraus Architektur gemacht wird: Wände, Decken, Rampen - bis hin zum Klo.
    Giorgio Zucchiatti

    • Social Media Items Social Media Items
    Überpinselt: Im zentralen Pavillon der Giardini geht es dieses Jahr nicht um Projekte und Bauten, sondern um das, woraus Architektur gemacht wird: Wände, Decken, Rampen - bis hin zum Klo.

    Giorgio Zucchiatti

Eventteaser Image
  • Social Media Items Social Media Items

Foto: Bas Princen

  • Social Media Items Social Media Items

Foto: Bas Princen


Eventteaser Image
  • Social Media Items Social Media Items

Matthias Sauerbruch im japanischen Pavillon
Foto: Kaye Geipel

  • Social Media Items Social Media Items
Matthias Sauerbruch im japanischen Pavillon

Foto: Kaye Geipel


Die Moderne konkurriert hier mit sich selbst

Die Länderpavillons

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Rem Koolhaas hat die diesjährige Architekturbiennale so streng im Griff wie kaum ein anderer Generalkommissar vor ihm. Das gilt auch für das Leitthema der Länderausstellungen, die über 100 Jahre Moderne im eigenen Land nachzudenken hatten.
„Dürfen Sie das angesichts der Krise in Europa?“, wurden die beiden Kuratoren Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis während einer Diskussion bei der Eröffnung des deutschen Pavillons gefragt. Gemeint war nicht der teilgetreue Einbau von Sep Rufs Kanzlerbungalow von 1964, gemeint war der schwere Kanzler-Wagen, den die Kuratoren als zusätzlichen Lockvogel vor die Auffahrt des deutschen Pavillons hatten rollen lassen. Der Wagen aus den frühen 90er Jahren ist sicher das hässlichste Auto, das Mercedes je gebaut hat. Ausgestattet mit Panzerverglasung und bulligen Sicherheitsreifen wirkt die dunkelgraue S-Klasse zudem wie ein wenig sympathisches Symbol des neuen, selbstgefälligen Deutschlands und so auf der schrägen Sandfläche platziert, als müsse der Wagen dem französischen Pavillon gleich vor die Füße fallen. Die skeptische Frage berührte aber noch einen anderen, größeren Vorbehalt gegenüber der diesjährigen Schau: Wenn sich jeder Pavillon mit einem Rückblick auf die eigene Moderne der letzten 100 Jahre konzentriert, führt dies in Zeiten grenzüberschreitender Probleme nicht zu völlig unzeitgemäßen nationalen Selbstdarstellungen?
Erst einmal überzeugt die diesjährige Schau gerade wegen dieser Einschränkung. Das gemeinsame Thema hat bei den Länderausstellungen stimulierend gewirkt. Eine derartige Fülle schlüssig inszenierter und gut durchdachter Ausstellungskonzepte, die gerade auch unter dem Ansporn entstanden sind, die eigene Moderne vergleichbar zu machen, hat man in den letzten Jahren hier nicht gesehen.
Im Länder-Dreieck der Pavillons von Frankreich, Großbritannien, Deutschland schert der deutsche insofern aus der Reihe, als er die Architektur nicht über Medien vermittelt, sondern als „Teilrekonstruktion“ (S. Ciriacidis) des Ruf-Pavillons im 1:1-Maßstab sichtbar macht. Dass die Ideologie dieser im Grunde banalen Bungalow-Bauweise der Nachkriegszeit auch darin lag, eine leere und quasi unschuldige Projektionsfläche für die politische Bühne der Bundesrepublik zu sein, macht die Installation gerade dort spürbar, wo statt der transparenten Fassaden von Ruf nur noch die weißen Umfassungsmauern des deutschen Pavillons zu sehen sind. Vis-à-vis präsentierte Jean-Louis Cohen im französischen Pavillon eine entgegengesetzte Sicht der Dinge: die Moderne als depressiv gestimmtes Setting. Große, dunkel inszenierte Räume zeigen die französische Architektur der Nachkriegszeit zwischen ambitioniertem sozialem Wohnbau und Jacques-Tati-Villa, deren verspielte Details nicht darüber hinwegtäuschen, dass die industrialisierte Bauwirtschaft immer besser lernt, ihre Produkte als Glücksversprechen an die Bewohner zu verkaufen. Auch der englische Pavillon beschäftigt sich mit jener Zeit, in der die öffentliche Hand ihre Aufgabe, für die „ganze Bevölkerung“ zu planen, langsam aufgibt und der neoliberalen Entwicklung des Marktes überlässt. Diese Nostalgie für den verantwortungsvollen öffentlichen Auftraggeber hat Kayoko Ota im japanischen Pavillon bereits hinter sich gelassen. In ihrer Schatzkammer aus unzähligen Fundstücken der 70er und 80er Jahre kommen andere Helden zu Wort – junge Architekten, Historiker und Stadtwanderer – die kleine, individuelle Utopien gegen die marktgängige Uniformität der großen Bauproduktion setzen. Im italienischen Pavillon schließlich, auf der anderen Seite des Arsenale, gelingt Cino Zucchi der Beweis, dass sich die Stadtarchitektur der Moderne nie soweit von der Stadtidee des 19. Jahrhunderts abgelöst hat, wie dies die konservative Stadttheorie immer behauptet hat – anschaulich aufgezeigt zum Beispiel an unzähligen Planungsideen für den Domplatz in Mailand.
 Wie anregend die Koolhaas’sche Devise „Architecture, not architects“ gerade für die kleineren Länder war, deren historische Forschung sich erst allmählich mit der Aufarbeitung der jüngeren Vergangenheit beschäftigt, ließ sich an einer ganzen Reihe von herausragenden Präsentationen ausmachen. Montenegro etwa präsentiert vier inzwischen halbverfallene Bauten, entstanden zwischen 1960 und 1986, als begehbare Modelle für die Besucher. Die Kuratoren des zyprischen Pavillons haben Tausende von Bildern einer meist anonymen Moderne ihres geteilten Landes gesammelt und auf wandhoch aufeinander geklebte Wellpappen gedruckt, die jetzt von den Besucher mit dem Cuttermesser Schicht für Schicht freigelegt werden können. Schließlich der chilenische Pavillon, der mit der ersten Fertigteilplatte für neuen Wohnbau, in die Salvador Allende seine Unterschrift in den noch feuchten Beton gekratzt hatte, eine ebenso anrührende wie politisch brisante Geschichte präsentiert. Mein Resumee: Für dieses eine Mal war der kollektive Rückblick auf die Moderne eine wunderbare Idee. Im Ohr bleibt dann noch der Kommentar des österreichischen Architekten Klaus Kada. Er werde, nach all den gezeigten Fundamentals, Venedig mit großer Vorfreude verlassen. Vorfreude auf das, was die nächste Biennale an neuen Konzepten bringen werde.

0 Kommentare


x
loading

7.2025

Das aktuelle Heft

Bauwelt Newsletter

Das Wichtigste der Woche. Dazu: aktuelle Jobangebote, Auslobungen und Termine. Immer freitags – kostenlos und jederzeit wieder kündbar.