Bauwelt

„In den 70er Jahren gingen die jungen Architekten wieder hinaus, um gegen den Status quo zu kämpfen“

Japan

Text: Rabe, Henrike, Berlin

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    Die Hauptattraktion im französischen Pavillon: das Modell der "Villa Arpel" aus Jaques Tatis Film "Mon Oncle" (1958)
    Andrea Avezzù Courtesy la Biennale di Venezia

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    Die Hauptattraktion im französischen Pavillon: das Modell der "Villa Arpel" aus Jaques Tatis Film "Mon Oncle" (1958)

    Andrea Avezzù Courtesy la Biennale di Venezia

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Skizzenbuch von Terunobu Fujimori aus den 70er Jahren

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Kayoko Ota

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Kayoko Ota


„In den 70er Jahren gingen die jungen Architekten wieder hinaus, um gegen den Status quo zu kämpfen“

Japan

Text: Rabe, Henrike, Berlin

Interview mit Kayoko Ota über das Pavillonthema "In the Real World"
Der Begriff „nationale Architektur“ gilt heute als reduktionistisch. Der Verlust nationaler Eigenschaften der Architektur wird aber nicht vollständig durch globalisierte Architektur wettgemacht. Was ist Ihre Position?
So wie die Nation als Einheit, etwa bei den Olympischen Spielen, zugleich veraltet und doch auch sinnvoll wirkt, so ähnlich sehe ich das auch bei der Biennale mit ihren nationalen Pavillons. Rem Koolhaas’ Begriff „national“ ist natürlich nicht im Sinn von „nationalistisch“, sondern von „regional“ oder „traditionell“ zu verstehen.
Gibt es heute eine nationale japanische Architektur?
Ja, davon bin ich mehr und mehr überzeugt. Obwohl Architektur in Japan zunehmend generisch ist, scheint es weiterhin viele japanische Besonderheiten zu geben. Die speziellen Bedingungen des Bauens in Japan, wie z.B. die hohen Grundstückspreise und die klimatischen und seismi­schen Voraussetzungen, münden in einer andersartigen Architektur. Luftbilder von Tokio unterscheiden sich etwa grundlegend von de­nen von New York oder Paris. Von Hochhäusern im Zentrum Tokios kann man das Panorama der Stadt mit all ihren erstaunlich winzigen und dicht angeordneten Partikeln betrachten. Koolhaas bezeichnete diese Form von Stadt einst als „Pixelated City“ („pixelige Stadt“). Jedes Partikel ist höchst akkurat und folgt ganz bestimmten Regeln. Ich sehe darin auch eine Metapher für Japan und das japanische Volk.
Globale Architektur nimmt dennoch zu?
Ja, definitiv. Für den Inselstaat Japan war es wichtig, nach Kriegen und Naturkatastrophen schnell wieder zu Kräften zu kommen. Investi­tionen in Urbanisierung und effizientere Bauweisen waren daher immer ein dringendes Anliegen und haben die Zunahme von generischer Architektur beschleunigt.
Welcher aktuelle Ort in Japan zeigt den globalen Einfluss besonders anschaulich?
Oh, da gibt es viele! Vor allem die großen Entwicklungen in der Innenstadt von Tokio sind hierfür ein Beispiel. In den Vierteln Marunouchi und Otemachi werden derzeit die Hochhäuser aus den 1970er Jahren vergrößert – leider auf recht uniforme Weise.
Das Thema Ihrer Ausstellung lautet „A Storehouse of Contemporary Architecture“. Wie entstand diese Idee?
Unsere ursprüngliche Inspiration war das japanische Pavillongebäude selbst. Es wurde von Yoshizaka unter dem Einfluss von Le Corbusier entworfen, erinnerte uns aber auch an die südostasiatische Typologie eines Vorratshauses. Die Menschen lebten tags im Erdgeschoss dieses aufgeständerten Hauses und schliefen nachts in der oberen Etage, die zugleich als Vorratsetage verwendet wurde. Wir begannen also, den Pavillon als Vorratshaus zu betrachten.
Wie ging es weiter mit dem Konzept?
Wir entschieden uns, als Drehpunkt des 100-jährigen Modernisierungprozesses ein Thema auszuwählen. Es war schwierig, dieses Thema zu definieren. Hitzige Debatten folgten. Nakatani, der Architekturhistoriker in unserem Team, stellte uns dann seine Forschung zu den 1970ern vor: Damals fand eine große Zahl von originären oder radikalen Experimenten oder Aktionen in der Architektur parallel statt. Wir entwickelten zusammen eine Hypothese zu den Gründen dieser Entwicklung: Die Akteure – junge Architekten, Historiker und sogenannte „Stadtbeobachter“ – reagierten auf eine fundamentale Krise der japanischen Gesellschaft im Prozess der Modernisierung. Sie alle gingen hinaus „in die reale Welt“, um von ihr zu lernen und gegen den Status quo zu kämpfen. Aus diesem Grund heißt die Ausstellung auch „In the Real World“.
Die 70er Jahre als Phase des Umbruchs?
Seit dem Ersten Weltkrieg hatte Japan stetige wirtschaftliche Fortschritte gemacht, zugleich wurden aber auch negative Auswirkungen der Modernisierung sichtbar. Die Expo ’70 in Osaka markierte nicht nur den Höhepunkt von Japans wirtschaftlichem Erfolg, sondern auch einen Wen­depunkt: die Menschen begannen, ernsthaft gegen die negativen Auswirkungen anzugehen, und die erwähnten „gleichzeitigen Experimente oder Aktionen“ sind die architektonische Antwort auf die Situation. Nach der Expo ’70 und der Ölkrise 1973/74 gab es sehr wenig Arbeit für junge Architekten. Viele begannen an experimentellen Entwicklungen zu arbeiten. Der Architekt Osamu Ishiyama etwa stieg selbst in den Bauhandel ein, um auf den Vertrieb von Fertighäusern Einfluss zu nehmen, und baute eine Reihe von kostengünstigen Versuchshäusern. Ein anderes Beispiel ist der Historiker Terunobu Fujimori, der sich auf die Straße begab, um abriss­gefährdete Architektur der frühen Moderne in Japan zu entdecken und festzuhalten. Für einen Historiker war das eine eher wilde Aktion. All diese Akteure handelten unabhängig von­einander und aus eigenem Antrieb. Ihre einzelnen Werke sind bekannt, aber erst in der Summe nimmt man sie als zeitspezifisches Phänomen wahr. Um unsere Hypothese zu beweisen und um Material für die Ausstellung zu sammeln, be­fragten wir viele Zeitzeugen und forschten in Archiven.
Wird die Ausstellung damit auch einen Hinweis zur zeitgenössischen japanischen Architektur geben?
Ja. Unsere Hypothese ist, dass die Arbeiten von Architekten wie Ryue Nishizawa, Kazuyo Sejima oder Atelier Bow-Wow in mancher Hinsicht auf den Erfahrungen und Aktivitäten 1970er Jahre aufbauen. Aber nicht nur die Arbeit von Architekten, auch andere Anstrengungen, die unablässig für den Produktionsprozess unternommen werden – dazu zählen die Erneuerungen in den Ingenieurswissenschaften und im Baugewerbe –, sind wichtig und werden in unserer Ausstellung gezeigt. Für die Zukunft wünsche ich mir vor allem einen Fortschritt der globalen Architektur. Vieles ist heute bereits ein Hybrid von „Globalem“ und „Besonderem“.
Können Sie die Entwicklung der japanischen Architektur in den letzten 100 Jahren kurz zusammenfassen?
(lacht) Nein!
Das Interview führte Henrik Rabe
Fakten
Architekten Ota, Kayoko
aus Bauwelt 21.2014
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