Bauwelt

Kleine Geschichte des Sitzens

Thonet-Möbel im Grassi-Museum

Text: Kasiske, Michael, Berlin

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    1859: Stuhl Nr. 14. Entwurf: Michael Thonet, Buche massiv, gebogen; Rohrgeflecht
    Constantin Meyer

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    1859: Stuhl Nr. 14. Entwurf: Michael Thonet, Buche massiv, gebogen; Rohrgeflecht

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Schaukelstuhl S 826, Entwurf: Ulrich Böhme, 1971, Stahlrohr, verchromt; Sperrholz, überpolstert
Foto: Constantin Meyer

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Schaukelstuhl S 826, Entwurf: Ulrich Böhme, 1971, Stahlrohr, verchromt; Sperrholz, überpolstert

Foto: Constantin Meyer


Kleine Geschichte des Sitzens

Thonet-Möbel im Grassi-Museum

Text: Kasiske, Michael, Berlin

Ein Stuhl steht auf vier Füßen. Oder auf Kufen. Oder auf flächigen Scheiben. Die Möglichkeiten, wie eine Sitzgelegenheit am Boden ankommt, haben sich bei Thonet vervielfacht. Der für seine Bugholz- und Stahlrohrstühle berühmte Hersteller aus dem hessischen Frankenberg führte stets zeitgenössisches Design im Programm.
Insofern zeichnet die auf Produkte nach 1945 konzentrierte Ausstellung „Sitzen Liegen Schaukeln. Möbel von Thonet“ im Leipziger Grassi-Museum gleichsam das gestalterische Profil der Bundesrepublik Deutschland nach.
Den Anfang macht der sogenannte Lattenstuhl von 1946; weil es damals an langen Hölzern zum Biegen mangelte, war ein Stuhl vonnöten, der auch aus Trümmerholz gefertigt werden konnte. Den Abschluss bildet ein unauffälliger, detailliert ausgearbeiteter Stuhl des Designbüros Läufer + Kreichel von 2012, in der Firmentradition aus Buche und Formsperrholz gefertigt. Dazwischen liegen Modelle aus Metall, Kunststoff und natürlich immer wieder Holz.
Die Stühle sind in der Ausstellung wie „Tischgesellschaften“ thematisch gruppiert: Bürostühle, Stapelstühle, Möbel für den Außenraum, Möbel zum Schaukeln, zum Ruhen und zum Schlafen etc. Innerhalb dieser Gruppen werden die Objekte chronologisch gereiht, sodass Entwicklungen, aber auch Neuerungen sofort sichtbar werden.
Bei den Stapelstühlen gibt es ein Wiedersehen mit dem 2100/Flex. Seinem Designer Gerd Lange glückte 1976 nach langen Versuchen die einzigartige Kombination: Mit runden Buchenholzbeinen, die unten als Halbkugeln ausgebildet sind und durch zwei seitliche Zargen aus geformtem Sperrholz stabil gehalten werden, steht das Objekt mit den Füßen bereits in der Postmoderne, wohingegen der aufgestülpte „Sattel“ aus Kunststoff, dessen Sitz- und Lehnfläche einer Welle gleicht, eine Reminiszenz an die Zeit vor der Ölkrise ist. Es mag die Mischung von Qualität und Vision gewesen sein, die den prägnanten Stuhl zum erfolgreichsten Modell nach 1945 werden ließ. Stärker in der Tradition von Thonet steht der S 826, mit dem sich der Architekt Ulrich Böhme 1971 auf die bekannten Schaukelstühle aus Bugholz und auf die Kragstühle bezog. Mit üppiger Sitzschale auf schwungvoll zu Kufen, Armlehnen und Halterung gebogenem Stahlrohr ist er das exakte Gegenteil der minimalistischen Stühle der 20er Jahre, und doch wohnt ihm die gleiche räumliche Leichtigkeit inne.
Zur Ausstellung ist ein Katalog mit allen Standardtypen erschienen, unter denen die farbenfrohen Entwürfe von Verner Panton herausstechen. So mancher wird auf dieses Vademekum zurückgreifen, um Originale zu verifizieren. Übrigens auch jene der überladenen, geradezu kitschigen Modelle der 80er/90er Jahre – ein Spiegelbild des damaligen gesellschaftspolitischen Stillstands. 

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