Bauwelt

Verbrechen im Ornament

Political Patterns in der ifa-Galerie Berlin

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

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    "Men at Work" (Ausschnitt). Der saudi-arabische Künstler Abdulnasser Gharem setzt das Ornament mit extremen Motiven wie Soldaten in Kontrast.
    Abdulnasser Gharem, aus der Serie “Restored Behavior”, 2010, Industrielack auf Gummistempel auf indonesischem 9mm-Sperrholz, 85 x 120 cm Leihgabe: Barjeel Art Foundation, Maraya Art Centre, Sheikh Sultan Sooud Al-Qassemias

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    "Men at Work" (Ausschnitt). Der saudi-arabische Künstler Abdulnasser Gharem setzt das Ornament mit extremen Motiven wie Soldaten in Kontrast.

    Abdulnasser Gharem, aus der Serie “Restored Behavior”, 2010, Industrielack auf Gummistempel auf indonesischem 9mm-Sperrholz, 85 x 120 cm Leihgabe: Barjeel Art Foundation, Maraya Art Centre, Sheikh Sultan Sooud Al-Qassemias

Verbrechen im Ornament

Political Patterns in der ifa-Galerie Berlin

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

Eine Ausstellung in Berlin zeigt ornamentale Arbeiten arabischer Künstler. Hinter den vermeintlich selbstzweckhaften Formen stecken brisante Inhalte.
Noch in der allmählichen Wiederkehr des Ornaments in unsere neuere Architektur hallt das donnernde Verdammungsurteil nach. Die Adolf Loos’ Vorwurf des „Verbrechens“ nicht länger scheuen, schaffen kommentarlos Beispiele, welche den Verteidigern der reinen Lehre (sprich: der dekorfreien Moderne) aber offenbar zu peinlich sind, als dass sie dem Ganzen ernsthafte Auseinandersetzung gönnen. So lernen beide Seiten nichts. Doch ohne seriösen Diskurs wuchert die Praxis weit unter ihren Möglichkeiten, und selbst für gutgemeinte nötige Kritik – etwa an den superbanalen „Barockformen“ in der großen Halle von Peter Kulkas Dresdner Centrum-Galerie – fehlt es dann schlicht an Begriffen.
Deshalb sei Architekten, egal ob Befürworter oder Gegner baubezogener Dekoration, ein Besuch in der Berliner ifa-Galerie dringend empfohlen, wo noch bis Anfang Oktober die Ausstellung „Political Patterns – Ornament im Wandel“ läuft (danach wird sie in Stuttgart zu sehen sein). Im Rahmen eines sehr verdienstvollen Programms zum „Kulturtransfer“ zwischen verschiedenen Weltregionen werden diesmal Künstlerinnen und Künstler präsentiert, die sich vordergründig klassischer Ornamentstrukturen bedienen. Bis auf zwei Ausnahmen kommen sie aus dem arabischen Raum, wo wegen religiöser Bilderverbote das Ornament, die Jahrtausende alte „Kulturuniversale“, sich zu immer wieder eigener Blüte entfaltet und mit seinen überbordenden Geometrien sämtliche Lebenssphären durchdrungen hat.
Doch in dieser Ausstellung wird der hierzulande mit „Ornament“ verbundene Eindruck ästhetischer Harmlosigkeit unterlaufen. Schon beim zweiten, nur leicht schärfer gestellten Blick tauchen hinter den vermeintlich selbstzweckhaften Formspielen brisante Inhalte auf: Eine malerische Dornenhecke entpuppt sich als Stacheldrahtverhau. In den Flügeln zartfarbener Schmetterlinge bilden Umrisse nackter Menschen verschiedene Leidensstationen von Demons­tranten ab, bis zu Gefängnis, Folter und Exekution. Auf schwarz-weiß karierten Spielbrettern würfelt man um Leben und Tod. Rätselhafte Tableaus sind wie nach einem Massaker mit blutroter Farbe verschmiert, aus der bei ganz naher Betrachtung wundersam fließende Blütenteppiche sprießen. Oft steht schon die Nennung denkbarer Schauplätze – Beirut, Bagdad – in schmerzlichem Kontrast zu all den Arabesken und floralen Mustern. „Statt zu schmücken, erzählen sie von Konflikten, statt Harmonie zu erzeugen, betonen sie Bedrohung. Im Ornament spiegelt sich unsere angespannte Weltsituation wider“, so Kuratorin Sabine B. Vogel im Katalog.
Natürlich soll diese Ausstellung als Referenz an die Aufbruchsbewegungen der arabischen Welt gelesen werden. Sie führt die durch nichts zu ersetzende Rolle der Künste bei der Emanzipation traditionell geprägter Gesellschaften vor Augen. Sie zeigt auch Eigensinn gegenüber dem gern intervenierenden Westen. Überraschend jedoch der kulturrevolutionäre Ansatz: Künstler begreifen das in ihrer Kultur allbeherrschende Ornament als verordnete Bilder- und damit Sprachlosigkeit, weshalb sie es kapern, subversiv umdeuten und mit aktuellen Inhalten aufladen. So kommt den allein in Wiederholung und Gleichmaß sich verausgabenden Mustern die Unschuld abhanden.
Aus alldem können Architekten erst einmal nur indirekt Nutzen ziehen, zumal sich die vorgeführten Patterns in Zentraleuropa zur kreativen Nachnutzung kaum eignen. Aber die Ausstellung und vor allem der handliche Katalog mit seinen Interviews zeigen, wie anderswo mit zeitgenössischem Blick am Thema gearbeitet wird. Diese Künstler können sehr genau begründen, warum sie sich auf das scheinbar so zeit- und spannungslose Ornament einlassen. Argumen­tationen aus solcher, zumeist existenzieller Welterfahrung sollten zur Kenntnis genommen sein, bevor unter der billigen Devise „Los von Loos!“ uns womöglich Op-Art als nächste Retrowelle überrollt.

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