Guter Rat und bessere Architektur

Editorial

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin; Flagner, Beatrix, Berlin; Spix, Sebastian, Berlin


Guter Rat und bessere Architektur

Editorial

Text: Klingbeil, Kirsten, Berlin; Flagner, Beatrix, Berlin; Spix, Sebastian, Berlin

Als Bauherr auftreten darf in Deutschland jeder, insoweit er jemanden hinzuzieht, der bauvorlage­berechtigt ist. Dafür qualifizieren sich bei kleinen Bauten neben Architekten und Innenarchitekten eine ganze Reihe von Berufen: Maurer, Zimmerer und Betonbauer, Bautechniker und Bauingenieure. Die da­bei entstehende Vielfalt zeigt sich eindrucksvoll in den Einfamilienhaussiedlungen: Villen à la Bauhaus, kleine mediterrane Palazzi, Fachwerkhäuschen in Fertigbauweise und viel banale Einfachheit. Die Indivi­dualität siegt hier über die Idee eines gesamtheitlichen Quartierkonzepts. Weniger leicht lassen sich solch bunte Auswüchse ertragen, wenn Grundstücke einen weitaus prominenteren Platz in der Stadt einnehmen. Dort, wo das Gebaute das Stadtbild nachhaltig beeinflusst. Bauherren innerstädtischer Bauplätze sind aber auch frei und können sich den Architekten ihrer Wahl aussuchen, ohne ihn wie bei öffentlichen Bauaufgaben über einen Wettbewerb zu ermitteln. Bauordnung, Bebauungsplan oder Ge­staltungsleitfaden, Vorgaben und Reglementierungen versuchen eine gewisse Richtung vorzugeben, sind aber keine Sicherheit dafür, das gute Architektur entsteht. Über einen Gestaltungsbeirat versuchen die Städte sich ein Stück Einfluss zurückzuholen.

Von der Delikatesse bis zum Abfall

Doch nicht nur bunte Einfamilienhaussiedlungen und Museen, Kirchen und Schulen prägen unser Stadt- und Landschaftsbild, sondern auch fensterlose Fertigteilhallen in Gewerbegebieten: Industrie- und Entsorgungsbauten. Im zweiten Thementeil zeigen wir Ihnen zwei Industriebauten mit völlig unterschiedlichen Nutzungen, bei denen man nicht sofort herausragende Architektur erwartet: eine Lebensmittelfab­rik und ein Wertstoffdepot. Umso mehr überzeugen beide. Das junge Architekturbüro Dhooge & Meganck realisierte im belgischen Oudenaarde mit einer kleinenProduktionsstätte für Senf und sauer eingelegtes Gemüse eines ihrer ersten Bauwerke. Am Rande der Stadt in einer wilden Landschaft thront sie einem postmodernen Tempel ähnlich.

Eher unscheinbar fügen Knerer und Lang Architekten den Wertstoffhof mit Salzlager ins Stadtbild von Augsburg ein. Statt offener Container und simpler Garagenhallen, konzipieren sie einen U-förmigen Neubau, der das komplexe Nutzungsprogramm unter einem Dach zusammenfasst. Nach außen schließt der Bau mit einer schlichtgrauen Holzfassade ab und öffnet sich überraschend mit seinem olympiablauen Innenleben den Nutzern. Eine poppige Veredlung des vermeintlich schmutzigen Gewerbes.

Fakten
Architekten Dhooge & Meganck, Gent; Knerer und Lang, Dresden/München
aus Bauwelt 7.2018
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