Die kleine Schwester der Villa Müller

Eine Entdeckung in Prag: Die Villa Winternitz, das letzte von Adolf Loos entworfene Privat­haus aus dem Jahr 1932, ist jetzt öffentlich zugänglich.

Text: Brensing, Christian, Berlin

    Gartenseite der Villa Winternitz mit Terras­se und Dachterrasse.
    Foto: David Cysař

    Gartenseite der Villa Winternitz mit Terras­se und Dachterrasse.

    Foto: David Cysař

    Erhöhter Essbereich mit Einbauschränken zur Küche.
    Foto: David Cysař

    Erhöhter Essbereich mit Einbauschränken zur Küche.

    Foto: David Cysař

    Blick ins Wohnzimmer.
    Foto: David Cysař

    Blick ins Wohnzimmer.

    Foto: David Cysař

Die kleine Schwester der Villa Müller

Eine Entdeckung in Prag: Die Villa Winternitz, das letzte von Adolf Loos entworfene Privat­haus aus dem Jahr 1932, ist jetzt öffentlich zugänglich.

Text: Brensing, Christian, Berlin

Bauten können wie Palimpseste sein. Die Villa Winternitz im Prager Stadtteil Smíchov ist ein solches Haus, das immer wieder „überschrieben“ wurde. Als das letzte von Adolf Loos (1870–1933) noch zu seinen Lebzeiten vollendete Gebäude, hat das Haus schon allein dadurch eine besondere Bedeutung. Loos selbst begleitete die Konstruktion bis in den Herbst 1932, obwohl die Bauüberwachung eigentlich durch seinen tschechischen Kollegen Karel Lhota aus­geführt wurde.
Der Bauherr Josef Winternitz, Rechtsanwalt jüdischer Abstammung aus Prag, lernte den österreichischen Architekten und seinen Prager Kontaktarchitekten kennen, weil er František Müller und seine Baufirma Kapsa & Müller juristisch beriet. Die Villa Winternitz war somit der unmittelbare Nachfolgebau der wesentlich bekannteren und luxuriöseren Villa Müller (1928–30). Mit 533 Quadratmetern Wohnfläche (inklusive der beiden Terrassen mit zusammen 155 Quadratmetern) ist sie um die Hälfte kleiner als die Villa Müller und einfacher in der Umsetzung des Loos’schen Raumplans auf insgesamt sechs Ebenen. Auch fanden hier keine teuren Bauma­terialien wie Marmor oder edle Hölzer Verwendung.
1931 hatten Loos und Lhota von Winternitz den Auftrag für die Planung der Villa auf einem groß­zügigen Grundstück erhalten, das auf einem Hügel liegt und noch heute von der Dachterrasse desHauses einen unverbauten Panoramablick über Prag bietet. Inmitten eines mit Obstbäumen bestandenen Gartens, nach Süden ausgerichtet, entstand innerhalb eines Jahres das neue Domizil der Familie Winternitz.
Man betritt die Villa über ein kleines, fast beengt wirkendes Vestibül. Von dort geht es auf der einen Seite zur Einliegerwohnung des Hausmeisters und zu den Hauswirtschaftsräumen. Auf der anderen Seite kommt man über eine kleine Treppe in den offenen, elf auf neun Meter großen Wohnraum mit einer beachtlichen Deckenhöhe und einer nahezu vollständigen Verglasung zur Terrasse, die sich südlich über fast die gesamte Hausbreite erstreckt. Der rund 1,50 Meter höher gelegene Essbereich ist von der angrenzenden Küche mit verspiegelten Einbauschränken abgeteilt. Das Raumgefühl ist hier vergleichbar mit dem in der Villa Müller – nur eben eine Dimension kleiner und bescheidener.
Die übrigen Räume der oberen Etagen sind relativ klein, allein die Dachterrasse, ebenfalls nach Süden ausgerichtet, reflektiert die Größe von Wohnraum und Gartenterrasse. Die Möblierung erfolgte außer bei festeingebauten Elementen wie Wandschränken nicht durch Adolf Loos, sondern es wurden Stücke aus dem Familienbesitz verwendet. Bis auf einige persönliche Erinnerungsstücke der Familie in den original erhaltenen Wandschränken sind keine der frei stehenden ursprünglichen Möbel erhalten.
Der Familie war es kein Jahrzehnt vergönnt, ihre Villa zu bewohnen. Die deutschen Besatzer enteigneten Josef Winternitz 1941, die Villa fiel in den Besitz der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Böhmen und Mähren“. Die Stadt Prag kaufte der Nazi-Behörde die Villa unmittelbar wieder ab und richtete dort einen Kindergarten ein. Die Mitglieder der Familie Winternitz wurden nach Theresienstadt und Auschwitz deportiert, nur Winternitz’ Ehefrau Jenny und Tochter Suzana überlebten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde der Familie die Villa als Eigentum zwar wieder überschrieben, jedoch verhinderte die Erhebung schikanöser Steuern durch die – diesmal kommunistischen – Machthaber den Wiedereinzug. Resigniert überschrieb Jenny Winternitz das Haus der tschechoslowakischen Regierung als Schenkung.
Jahre nach der „Samtenen Revolution“ erfolgte 1997 die Rückgabe der Villa an Stanislav Cysař, den Enkel von Josef Winternitz. Allerdings war derZustand des Hauses erbärmlich. Unterlagen aus der Planungs- und Bauzeit waren nicht mehr viele vorhanden. So nahm sich Stanislav Cysař mit Hilfe von Adolf-Loos-Experten, darunter der Architekt und heutige Direktor des Nationalen Technikmuseums Karel Ksandr und der Architekturhistoriker Rostislav Švácha, der Restaurierung des Familienerbes an.
Obwohl die Villa Winternitz seit 1958 unter na­tionalem Denkmalschutz stand, waren es die Nachfahren von Josef Winternitz, die mit ihrem Engagement und Geld die Rettung des Baudenkmals zu Wege brachten. Inzwischen kümmert sich David Cysař, Ur-Enkel des Erbauers, um die Villa Winternitz: „Wir nutzen das Haus nicht mehr für unsere privaten Zwecke, seit es 2017 als Baudenkmal der Öffentlichkeit zugäng­lich gemacht wurde. Die Villa steht heute jedem zur Besichtigung offen, und sie wird für Vor­träge, Ausstellungen, Theater und Konzerte genutzt. Man kann die Villa außerdem mieten, in ihren Räumen eine Feier veranstalten und dort sogar übernachten.“
Fakten
Architekten Loos, Adolf (1870–1933)
Adresse Villa Winternitz Prag


aus Bauwelt 16.2018
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