Das NMAAHC in Washington


Das NMAAHC in Washington D.C. würdigt die Geschichte und Kultur der Afro­amerikaner. Es ist Denkmal, Mahn­mal und Museum zugleich – dank eines vieldeu­tigen Entwurfs von David Adjaye


Text: Meyer, Friederike, Berlin


    Das NMAAHC ist das 19. Museum des Smithsonian, der größten Museumsinstitution der Welt. Es besetzt das, so sagt man, letzte freie Baugrundstück an der Mall.
    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Das NMAAHC ist das 19. Museum des Smithsonian, der größten Museumsinstitution der Welt. Es besetzt das, so sagt man, letzte freie Baugrundstück an der Mall.

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Die Fassade besteht aus perforierten beschichteten Aluminiumpanelen. Ihre Farbe verändert sich mit den Lichtverhältnissen.
    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Die Fassade besteht aus perforierten beschichteten Aluminiumpanelen. Ihre Farbe verändert sich mit den Lichtverhältnissen.

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Im Erdgeschoss-Foyer ist gestalterisch zu viel los.
    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Im Erdgeschoss-Foyer ist gestalterisch zu viel los.

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Zur Geschichtsausstellung gehts nach unten, zur Kultur die Rolltreppe rauf.
    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Zur Geschichtsausstellung gehts nach unten, zur Kultur die Rolltreppe rauf.

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Barack Obama sprach zur Eröffnung am 24. September 2016. Das frei stehende Vordach über dem Wasserbecken soll an die Veranden der Südstaatenhäuser erinnern.
    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Barack Obama sprach zur Eröffnung am 24. September 2016. Das frei stehende Vordach über dem Wasserbecken soll an die Veranden der Südstaatenhäuser erinnern.

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Eine Rampe begleitet die chronologische, ...
    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Eine Rampe begleitet die chronologische, ...

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    ... bildreiche Erzählung, ...
    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    ... bildreiche Erzählung, ...

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    ... die mit weni­gen Objekten auskommt.
    Foto: Wade Zimmermann

    ... die mit weni­gen Objekten auskommt.

    Foto: Wade Zimmermann

    Die Inszenierung arbeitet mit unterschiedlichen Raumhöhen, Blickbezügen und Lichtstimmungen.
    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Die Inszenierung arbeitet mit unterschiedlichen Raumhöhen, Blickbezügen und Lichtstimmungen.

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Nach der Ausstellung darf bei Wasser und Licht reflektiert werden.
    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Nach der Ausstellung darf bei Wasser und Licht reflektiert werden.

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Martin Luther Kings Gedanken an der Wand liefern Anregung. Der Saal, benannt nach Oprah Winfrey, fasst 300 Besucher.
    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Martin Luther Kings Gedanken an der Wand liefern Anregung. Der Saal, benannt nach Oprah Winfrey, fasst 300 Besucher.

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Die oberirdischen Etagen sind kulturellen Aspekten wie Sport, Musik, Film sowie Einzelschicksalen gewidmet. Ganz oben sitzt die Verwaltung.
    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Die oberirdischen Etagen sind kulturellen Aspekten wie Sport, Musik, Film sowie Einzelschicksalen gewidmet. Ganz oben sitzt die Verwaltung.

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Trotz Green-Building-Bemühungen gehören Rolltreppen offenbar noch immer zur Standardausstattung eines Museums. Zugegeben: Die Fahrt ist ein visuelles Erlebnis.

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

    Trotz Green-Building-Bemühungen gehören Rolltreppen offenbar noch immer zur Standardausstattung eines Museums. Zugegeben: Die Fahrt ist ein visuelles Erlebnis.

    Foto: Alan Karchmer/NMAAHC

Die Mall in Washington D.C. ist jene große Stadtachse, die von vielen als Wohnzimmer der Na­tion bezeichnet wird. Hier, so heißt es, versichern sich die Amerikaner ihrer Herkunft und ihres Seins. Hier werden die Toten von Kriegen geehrt und Tempel für tote Präsidenten gebaut, hier rauscht das Werden der Nation in symbolischen Bildern vorbei. Die Grünanlage, die über vier Ki­lometer vom Capitol zum Lincoln Memorial führt, wird von mehreren Museen flankiert. Sie zeigen Kunst und Naturwissenschaft und erinnern an Gruppen von Menschen, deren Geschichte das Land mitgeprägt hat. Im Jahr 2004 eröffnete hier das Museum für indianische Kulturen und platzierte das Schicksal der Indianer an höchst offizieller Stelle. Nun ist mit dem National Museum of African American History and Culture (NMAAHC) auch die Kultur und Geschichte derer an der Mall angekommen, die heute rund 13 Prozent der Bevölkerung der Vereinigten Staaten ausmachen, in Washington gar die Hälfte aller Einwohner.
Dass die USA so lange brauchten, um die Afroamerikaner in ihrem Wohnzimmer zu würdigen, spricht nicht unbedingt für ihre Fähigkeit zur kritischen Selbstreflexion. Wer die späte Würdigung kritisiert, muss zugleich das fast 30-jährige Ringen der Protagonisten erwähnen. In diesem Fall war es vor allem der Kongressabgeordnete John Lewis aus Georgia, der seit 1988 Sitzung für Sitzung immer wieder die Idee eines Museums der Afroamerikaner an der Mall vorbrachte. Ihm dankte Barack Obama in seiner Rede denn auch besonders, als er das Haus im September 2016 eröffnete. Doch es war nicht er, der erste farbi­-ge Präsident der USA, der den Weg frei gemacht hatte. Es war George W. Bush, der 2003 ein Gesetz zur Gründung des NMAAHC unterschrieb und 270 Millionen Dollar für den Bau frei gab.
Dass die gleiche Summe zusätzlich durch privates Geld aufgebracht werden musste, erklärt vielleicht, warum es weitere sechs Jahre brauchte, bis 2009 in einem Wettbewerb erste Entwürfe diskutiert wurden. Kunst und Kultur sind ohne private Spender, Organisationen und Stiftungen in den USA nicht möglich. Entsprechend wertschätzend ist der Umgang mit den Geldgebern. Im Foyer, dort, wo in einem deutschen Museum vielleicht ein Übersichtsplan hängen würde, sind die Namen aufgelistet. American Express, Boeing, Walmart und die Stiftung des Microsoftgründers Bill Gates und seiner Frau Melinda gehören dazu. Der Veranstaltungssaal mit rund 300 Plätzen ist nach der Talkmasterin Oprah Winfrey benannt, deren Stiftung rund 21 Millionen gab.
Bevor wir uns dem Foyer widmen, gehen wir noch einmal vor die Tür, ein paar hundert Meter nach Süden und drehen uns um. Washington ist kein Schmelztiegel der Architektur. Zwischen all den schweren Hauptstadtfunktionsbauten, die die Gegend um die Mall dominieren, haben zuletzt die Siebziger erwähnenswerte Spuren hinterlassen. Da ist zum Beispiel der auf brutalis­tische Beine gestellte Zylinder des Hirshhorn Museum, mit dem Pritzkerpreisträger Gordon Bunshaft 1974 den Wunsch des Smithsonian nach einer neuartigen zeitgenössischen Ga­lerie er­füllte. Oder der dreiecksverliebte Ostflügel der Nationalgalerie von I.M. Pei aus dem Jahr 1978, der noch immer aussieht, als wäre er gerade erst fertig geworden. Alle Bauten mani­festieren: Das Zentrum von Washington ist eine steinerne Stadt. Marmor, Naturstein und Sicht­beton prägen das Bild.

Mehrdeutige Form

Aus dieser Umgebung sticht das NMAAHC mit seiner dunklen, fast geheimnisvollen Fassade heraus. Es war eine gute Wahl der Wettbewerbsjury. Die sechs Finalistenvorschläge reichten von einer in die Höhe rotierenden Spirale von Foster + Partners über eine parametrisch entwickelte Wolke von Diller Scofidio + Renfro bis zu einem Haufen sich gegenseitig stützender Natursteinquader von Moody Nolan Architects & Antoine Predock. Im Entwurf des vergleichs­weise jungen Londoners David Adjaye, der sich mit den Amerikanern Philipp Freelon und Max Bond zusammen geschlossen hatte, fand sie das Wesen der afroamerikanischen Kultur widergespiegelt.
Wie symbolisch darf der Bau seine Bestimmung nach außen tragen? Soll er dunkel sein, oder hell? Soll er afrikanisch aussehen oder gerade nicht? Und wenn ja, wie sieht afrikanisch aus? Diese Fragen haben die Architekten, die als Gruppe unter dem Namen Freelon Adjaye Bond/ SmithGroupJJR (FAB) firmieren, mit einem mehrdeutigen Werk beantwortet. Dass wir in den Bezügen der Formen und Elemente, die David Adjaye als Entwurfsverfasser herstellt, tatsäch­­-lich etwas über das Afrikanische in der amerikanischen Kultur, über tradierte Kulturen und das Ankommen im neuen Leben erfahren, das ist die große Qualität des NMAAHC. Meist verkörpern Museumsbauten das Repräsentationsbedürfnis ihres Bauherrn, meist sind Inhalt und Bestimmung austauschbar. Besonders an der Mall in Washington bleibt das Innenleben fast immer hinter fensterlosen Steinfassaden verborgen. Im Gegensatz dazu fordert die Architektur des NMAAHC das Gespräch und lässt uns fragen.

Referenzreiche Hülle

Während wir aus der Ferne eine dunkle Kiste ausmachen, die verschlossen wie eine Festung wirkt, erscheint die Fassade beim Näherkommen je nach Lichtverhältnissen verletzlich und reich und fordert eine Beschreibung heraus. Wir suchen vergeblich nach einem Vorbild in der Architekturgeschichte und finden es schließlich in der Kunst: Es ist eine hundert Jahre alte Holzfigur. Auf ihrem Kopf trägt sie drei Pyramidenstummel übereinander. Geschnitzt hat sie ein Künstler namens Olowe von Ise vom Stamm der Yoruba, einer afrikanischen Volksgruppe, deren Geschichte mit Sklaverei und Migration verbunden ist. Die freudvolle Geste afrikanischer Frauen, wenn sie die Arme zum Dank und zum Tanzen erheben, will Adjaye als weitere Lesart der Gebäudeform verstanden wissen. Drei Gestaltungselemente nennt er als Basis seines Entwurfs. Neben der Form der Dreifachkrone ist es zweitens das frei stehende Dach an der Südfassade, das an die Veranden der Häuser in den Südstaaten erinnert und einen durch das davorliegende Wasserbecken wohl temperierten Außenbereich schaffen soll. Drittens die Fassade: Die 3600 Aluminium­tafeln sind mit einem Ornament perforiert, das von der Handwerkskunst der befreiten Sklaven in New Orleans und Savannah erzählt. Das V-förmige Profil ihrer Perforation bewirkt, dass das einfallende Licht zu jeder Tageszeit anders reflektiert. Während die Wände morgens schimmern, bekommen sie in der Mittagssonne einen warmen Goldton, um nachmittags, je nach Blickrichtung, bronze bis lila zu erscheinen.
Im Vergleich zur referenzreichen Erscheinung und dem virtuosen Lichtspiel der Fassade enttäuscht die unentschiedene Raumaussage im Foyer. Das Auge findet keine Ruhe und keine Antworten. Uneben glänzt der Terrazzo-Boden, die Lichter in der abgestuften Decke bilden weder einen Sternenhimmel noch schaffen sie Ordnung. Hinzu kommen eine unpassend gehängte Großskulptur und schludrig verarbei­tete Wandanschlüsse. Zu allem Überdruss platzieren die Museumsleute dann auch noch je­de Menge Absperrbänder und Hinweisschilder.

Dessen ungeachtet stehen die Besucher Schlange. Nicht nur für die Eintrittskarten, die mit Zeitfenster vergeben werden und für zwei Monate im Voraus zu buchen sind, sondern auch vor der Ausstellung im Haus selbst.

Dramatische Inszenierung

Kein Gebäude in Washington darf höher sein als das Capitol. So ist es dem Platzanspruch geschuldet, dass das NMAAHC vier Etagen in den Boden gegraben ist. Den Ausstellungsmachern um Ralph Appelbaum Associates bietet das beste Voraussetzungen für eine dramatische Ins­zenierung. Die Geschichte beginnt im untersten Geschoss mit der Sklaverei. Das menschliche Leid wird dort in einem separaten Raum mit niedriger Decke anhand von original Fußfesseln und untermalt von dramatischem Sound vermittelt. Danach wird es zunehmend heller und weiter. Eine Rampe führt durch chronologische Kapitel nach oben, vorbei an Fotos, Videos, Zitaten und Karten, die die politischen Stadien des Landes verdeutlichen. Selbst Menschen, die mit der amerikanischen Geschichte wenig vertraut sind, bietet der Parcour Übersicht und Anregung. Dennoch bricht er mit europäischen Erwartungen.
Die kulturgeschichtlichen Museen der Mall konzentrieren sich weniger auf die anthropologische Präsentation von Artefakten. Vielmehr erzählen sie mittels allerlei digitaler Hilfsmittel Geschichten. Diese vermitteln das Bild eines stolzen Volkes, das schwierige Zeiten gemeistert hat und nun fest zusammen steht. Stolz und Ehre sind die Botschaft, für Selbstkritik ist kein Platz. Das setzt sich in den Obergeschossen des NMAAHC, die kulturellen Aspekten gewidmet sind, fort. Wer die fulminante Inszenierung durchläuft, die Biographien berühmter Sportler und die Erfolgsgeschichten der Musiker und Denker liest und wer das Kleid von Michelle Obama sieht, das sie zur zweiten Amtseinführung ihres Mannes trug, könnte den Eindruck gewinnen, mit Obamas Präsidentschaft sei Rassismus in den USA zum Thema von gestern geworden. Gut, dass die Architektur diesen Gedanken gleich wieder einfängt. Die Erscheinung des NMAAHC mit den zahlreichen Referenzen in Sichtweite des Weißen Hauses kann, wer will, nämlich auch als Mahnmal und Denkmal begreifen.



Fakten
Architekten Adjaye Associates, London/New York; The Freelon Group, Durham (USA)
Adresse 14th St and Constitution Ave, NW, Washington, DC 20001, Vereinigte Staaten


aus Bauwelt 5.2017
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