Ekbatana statt Einheitswippe!

Dieter Hoffmann-Axthelm hat einen bescheidenen Vorschlag zu unterbreiten

Text: Hoffmann-Axthelm, Dieter, Berlin

    Jean Ipoustéguys „Alexander vor Ekbatana“ vor dem Berliner ICC, wo die mäch­tige Skulptur von 1980 bis 2005 stand.
    Postkarte der Firma Kunst u. Bild; Fotograf: H. von der Becke

    Jean Ipoustéguys „Alexander vor Ekbatana“ vor dem Berliner ICC, wo die mäch­tige Skulptur von 1980 bis 2005 stand.

    Postkarte der Firma Kunst u. Bild; Fotograf: H. von der Becke

Ekbatana statt Einheitswippe!

Dieter Hoffmann-Axthelm hat einen bescheidenen Vorschlag zu unterbreiten

Text: Hoffmann-Axthelm, Dieter, Berlin

Einst, im alten West-Berlin, geschah ein Wunder. Genauer: ein Kulturwunder. Für den Platz vor der Stirnseite des ICC, zwischen Stadtautobahn, Neuer Kantstraße und Messedamm, wurde ein Kunstwettbewerb ausgeschrieben. Der Architekt des ICC hatte zwar bereits den Entwurf eines damals stadtbekannten Ehepaars parat, an dem er selbst mitgearbeitet hatte – einmal mehr die damals im Berliner Stadtraum übliche, niemanden verpflichtende Abstraktion. Doch die Jury des Kunstwettbewerbs entschied sich mit erdrückender Mehrheit für ein Werk, wie es das westliche Nachkriegsberlin noch nicht gesehen hatte: eine gewaltige, sprachmächtige Skulptur, die von Macht, Stadt, Gewalt und dem Zusammenstoß einander fremder Kulturen redete: „Alexander vor Ekbatana“.
Der ausgewählte Entwurf verdankte sich einem der größten Bildhauer des späten 20. Jahrhunderts, dem Franzosen Jean Ipoustéguy (1920–2006). Und obwohl die Springer-Presse sofort gegen Werk und Jury einen Proteststurm zu entfachen versuchte und der Bausenator die Auftragserteilung wieder zurücknahm, setzte sich das kulturelle Berlin durch. Das monumentale Werk wurde realisiert und 1980 an Ort und Stelle installiert. Ein Wunder der Kunst, weil damit das Unerwartete geschah: der Auftritt einer Skulptur, die so wirkungsmächtig war, dass sie sich gegenüber dem Koloss des ICC behauptete, ja diesen sogar herausforderte, indem es die technisch formulierte Barbarei des Bauwerks gegenüber der Stadt zur Sprache brachte: Monstrum gegen Monstrum.
Das ICC ist inzwischen geschlossen, lange unentschieden zwischen millionenschwerer Sanierung und Abriss, und Ekbatana ist aus dem Berliner Stadtbild verschwunden. Wegen Betonmängeln des Sockels und Korrosion miteinander unverträglicher Metalle wurde das Kunstwerk 2005 abgebaut und liegt seitdem in einer Lagerhalle der Messe. Die 100.000 Euro, die zu seiner Sanierung nötig sein sollen, will einstweilen niemand ausgeben, vielmehr soll Ekbatana erst im Zusammenhang mit der Sanierung des ICC wieder hervorgeholt werden. Und das kann dauern.
Daher nun der Vorschlag: Ekbatana heraus aus der Lagerhalle und aufgebaut vor dem wiederaufgebauten Schloss! Entschuldigung: Humboldt-Forum. Eben dort, wo jetzt die platte kleine Halbinsel in den Spreekanal ragt, die einst für das Kaiser Wilhelm-Denkmal errichtet wurde. Man muss sich nur vorstellen, wie harmlos sich das geplante Einheitsdenkmal hier ausnehmen wird, belanglos, zumutungsfrei und niemandem wehtuend, wie es ist. Ipoustéguys Machtfigur Alexander dagegen würde gegenüber dem Eosanderportal genau das Potenzial an Eigenmacht und Herausforderung aufbringen, welches der Einheitswippe in ihrer reibungsfreien Glätte fehlt.
Wie die Skulptur einst die Gewalttätigkeit des ICC zur Sprache brachte, so würde sie hier die Gewaltsamkeiten des Preußenstaates spiegeln, die in der beredten Machtrhetorik des Portals Kunst geworden sind. Und was könnte besser zur Thematik des Humboldt-Forums passen als dieser Alexander, der sich als Lichtbringer sieht, aber blind ist für die fremden Kulturen, die er mit seinem Zugriff zerstört?

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