Das Phantom von Bukarest

Ein düsteres Haus stand leer und wurde abgerissen. Der libanesische Architekt Youssef Tohme baute es für das Museum MARe der zeitgenössischen Kunst Ru­mäniens wieder auf – als schwebender Schatten seiner Vergangenheit über einem gläsernen Erdgeschoss.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Dunkel und abweisend aber mit offenem Erdgeschoss: das Museum für zeitgenössische Kunst in Rumänien.
Foto: Toufic Dagher

Dunkel und abweisend aber mit offenem Erdgeschoss: das Museum für zeitgenössische Kunst in Rumänien.

Foto: Toufic Dagher


Das Phantom von Bukarest

Ein düsteres Haus stand leer und wurde abgerissen. Der libanesische Architekt Youssef Tohme baute es für das Museum MARe der zeitgenössischen Kunst Ru­mäniens wieder auf – als schwebender Schatten seiner Vergangenheit über einem gläsernen Erdgeschoss.

Text: Redecke, Sebastian, Berlin

Wir sind im Stadtteil Primăverii, Frühling, von Bukarest. Ein Villenviertel mit Bauten aus unterschiedlichen Epochen, viel Grün, viel Vogelgezwitscher und ein paar guten Restaurants. Eine begehrte Wohngegend, doch bis zum Sturz des Diktators Nicolae Ceauşescu Ende 1989 war dieses Viertel gut abgeriegelt und nur Personen des rumänischen Machtapparats, Diplomaten und Geschäftsleuten vorbehalten.
Zu erzählen ist die sonderbare Geschichte der Transformation eines Hauses am Boulevard des Frühlings. Dort stand eine 1939 errichtete und 1948 von den Kommunisten konfiszierte Stadtvilla, die dann von Ana Pauker bewohnt wurde. Pauker war Stalinistin, hat die Verfolgung und Deportation von Regimegegnern unterstützt und dann schnell Karriere gemacht als erste Außenministerin und Vizepremierministerin unter der neuen Herrschaft in Rumänien. Später fiel sie in Ungnade und musste sich aus dem politischen Kader zurückziehen. Das Haus der im Land unbeliebten Poli­tikerin stand nach ihrem Tod lange leer und wirkte hinter den großen Bäumen düster und unheimlich. Nur 200 Meter weiter steht die Prachtresidenz Ceauşescus und seiner Frau Elena, die heute ein Museum ist.
Paukers Haus wurde vor einigen Jahren von dem Geschäftsmann Roger El Akoury gekauft, ein gebürtiger Libanese, der Anfang der neunziger Jah­re den Bürgerkrieg in seiner Heimat erlebte und in Bukarest ein neues Zuhause fand. Dort hatte er eine Geschäftsidee, die ihn sehr erfolgreich machte: Er gründete eine Apothekenkette. Am Ende besaß er 700 Filialen in ganz Rumänien, führte neue Medikamente ein, entwickelte eine beson­dere Form der Konfektionierung und verbesserte die Versorgung. Nach dem Verkauf seines Apothekenimperiums A & D Pharma widmet sich der umtriebige El Akoury einem neuen Geschäftsfeld im Land: Privatschulen. Die erste Schule in Bukarest soll bereits in Bau sein.
Seit sieben Jahren gilt seine eigentliche Passion der zeitgenössischen Kunst Rumäniens, die bisher wenig beachtet wurde. Seine Sammlung ist auf 520 Werke angewachsen. Sie zeigt, wie sich die Kunst des Landes vom sozialistischen Realismus entfernte. Auch rumänische Mythen und die gro­ße Religiosität sind ein Thema. Das von ihm erworbene Haus im Stadtteil Primăverii dient als Museum für einen Teil seiner Sammlung und nennt sich „MARe“, Muzeul de Artă Recentă, ein Geschenk an das Land Rumänien, wie El Akoury betont.
Doch das Haus steht nicht mehr. Dies hat mit dem Architekten für das Vorhaben zu tun, der für ihn von Anfang an feststand: Sein Freund aus der Grundschule und heutige Geschäftspartner in Beirut Youssef Tohme, der in den letzten zehn Jahren zu einem bedeutenden Architekten im Libanon wurde (Bauwelt 15.2015) und inzwischen auch in Frankreich Erfolg hat. Das Projekt nahm seinen Lauf. Um das Programm unterbringen zu können, wurde zunächst eine gläserne Aufstockung vorgeschlagen. Doch dann kam Tohme eine andere Idee: Das düstere Haus abzureißen und erhöht über einem neuen gläsernen Erdgeschoss als geschlossene Hülle mit Blindfenstern wieder aufzubauen. Die Idee faszinierte, denn so bleibt das Haus mit seiner dunklen politischen Vergangenheit symbolhaft präsent und zeigt in seinem Inneren das moderne Rumänien, die lebendige Vielfalt seiner Kunstszene.
Der Bauherr willigte ein und das Konzept wurde mit Leidenschaft ausgearbeitet – und erinnert auch an die eigene Unfreiheit und Verfolgung, die El Akoury und Tohme in jungen Jahren im Libanon erlebt hatten. Es gelang tatsächlich das Haus in seiner äußeren Form als dunkles Erinnerungs-phantom neu zu bauen. Das fünf Meter hohe Erdgeschoss bildet wie gewünscht den deutlichen Kontrast. Es ist weitgehend transparent, einladend und zum Hof öffnen sich riesige raumhohe Glas-Schiebetüren. In denObergeschossen und im Untergeschoss verfolgte der Architekt hingegen eine andere Intention. Zwei parallel angeordnete Treppenanlagen seitlich eines zentralen Atriums führen zu verwinkelt, fast labyrinthisch angeordneten Ausstellungsräumen und -gängen. Die Erschließungsflächen und das sehr schmale Atrium sind schwarz, die Räume der Kunst in weiten Teilen cremefarben gestrichen. Im Atrium und in den angrenzenden, als kleine Zwischenebenen ausgebildeten Nischen hängen temporär Werke internationaler Künstler, derzeit von Jeff Wall. Tohme wollte mit diesem Konzept, dass man als Besucher wieder in eine Welt eintaucht, die an das politische Regime erinnert: Unfrei, und daher eng, verwinkelt und unübersichtlich. Ein nur begrenzt nachvollziehbares, eigenwilliges Konzept, das zu Zwängen bei der Präsentation mancher Exponate führt. Eine große Dachterrasse gibt schließlich den Blick frei auf die Stadt. Während der Abrissarbeiten entdeckte man im Keller einen begonnenen Tunnel ins Nirgendwo und einen Bunker. In den Bunker wurde ein Auditorium eingefügt.
Tohme wollte die Fassadenhülle der Villa in Sichtbeton umsetzen. Das wurde – so erzählt der Architekt – nach sechs Monaten aufgegeben, da die Ausführung nicht in der gewünschten Qualität möglich war. Er entschied sich dann für kleinformatige schwarze Ziegel, die die Idee der abstrakten Hülle nicht so unmittelbar zur Geltung kommen lassen. Fenster, Bögen und Dachgesimse sind aber als gestalterische Komposition gut zu sehen und lassen das Haus zu einer Großskulptur werden. Auf der Rückseite stört eine angefügte Fluchttreppe die Klarheit des Konzepts – und denfreien Blick des südkoreanischen Botschafters nebenan. MARe wurde am 9. Oktober in Anwesenheit von Jeff Wall eröffnet. Kurator ist der rumänische Kunsthistoriker Erwin Kessler.
Die Wahl des Architekten der Privatschulen von El Akoury in Rumänien ist längst entschieden: Sein Partner Youssef Tohme.
Fakten
Architekten YTAA, Beirut, Libanon
aus Bauwelt 22.2018
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