Resonanzen

Der Architektur von 1945–1965 im Grenzraum zwischen Saar und Mosel wird anlässlich des Kulturerbejahres im Pingusson-Bau in Saarbrücken eine Ausstellung gewidmet.

Text: Adam, Hubertus, Zürich

    Die Eingangssituation und ein Blick in die Ausstellung.
    Foto: Chris Schuff

    Die Eingangssituation und ein Blick in die Ausstellung.

    Foto: Chris Schuff

    Foto: Hubertus Adam

    Foto: Hubertus Adam

    Foto: Chris Schuff

    Foto: Chris Schuff

    Wiederaufbau in Creutzwald
    Foto: Hubertus Adam

    Wiederaufbau in Creutzwald

    Foto: Hubertus Adam

    St. Albert von Gottfried Böhm
    Foto: Hubertus Adam

    St. Albert von Gottfried Böhm

    Foto: Hubertus Adam

    Cité du Wiesberg von Emile Aillaud
    Foto: Hubertus Adam

    Cité du Wiesberg von Emile Aillaud

    Foto: Hubertus Adam

Resonanzen

Der Architektur von 1945–1965 im Grenzraum zwischen Saar und Mosel wird anlässlich des Kulturerbejahres im Pingusson-Bau in Saarbrücken eine Ausstellung gewidmet.

Text: Adam, Hubertus, Zürich

„Sharing Heritage“ lautet das Motto des Europäischen Kulturerbejahres 2018, und kaum irgendwo scheint dieses Thema – geteiltes Erbe – so angemessen wie im Saarland. Der regionale Beitrag ist die Ausstellung „Resonanzen. Architekturim Aufbruch zu Europa 1945–1965“, die vom Deutschen Werkbund Saar initiiert und gemeinsam mit dem Ministerium für Bildung und Kultur des Saarlands und dem K8 Institut für strategische Ästhetik der Hochschule der bildenden Künste Saarbrücken umgesetzt wurde. Die Schau widmet sich der Nachkriegsmoderne, wobei die erste Dekade nach 1945 den Schwerpunkt bildet. 1946 wurde das Saargebiet aus der französischenBesatzungszone ausgegliedert und erhielt einenSonderstatus – eine Währungs-, Wirtschafts-und Verteidigungsunion verband das autonome Staatswesen mit Frankreich, das sich erhoffte, die Industrieregion langfristig an Frankreich anzubinden. Dieser Status endete, als das Saarland nach einer Volksabstimmung mit Beginn des Jahres 1957 der Bundesrepublik beitrat.
Der Ort für die Ausstellung hätte kaum besser gewählt werden können: Es ist die ehemalige französische Botschaft, die der Architekt Georges-Henri Pingusson 1951–54 unmittelbar am Saarufer errichtete. Der weiße Bau mit seinem auf Pilotis gelagerten Verwaltungshochhaus von hundert Metern Länge und dem anschließenden Flachbau mit Repräsentationsräumen und Botschafterresidenz wirkte wie ein Fanal des Aufbruchs und ist das einzige gebaute Resultat von Pingussons Wiederaufbauplan für Saarbrücken, welcher der Idee einer Bandstadt im Flusstal folgte. Von der Eleganz und Qualität der Ausstattung kann man sich nun anlässlich der Ausstellung überzeugen. Denn das Gebäude, das Sitz des Kultusministeriums war, steht seit einigen Jahren leer und benötigt dringend eine denkmalgerechten Restaurierung. Aufgrund der klammen Kassen im Saargebiet lässt diese auf sich warten, doch besteht offenkundig die Absicht, dass das Kultusministerium nach der Sanierung wieder in das Gebäude zieht. Zumindest ist es ein gutes Zeichen, dass Kultusminister Ulrich Commerçon eine der treibenden Kräfte hinter derAusstellung war. Die neben der Restaurierung zweite Voraussetzung, der saarländischen Inkunabel der Nachkriegsmoderne wieder den ihr gebührenden Auftritt in der Stadt zu verschaffen, wäre die Verlegung der aus heutiger Sicht grotesk trassierten Stadtautobahn gewesen, welche das Gebäude vom Fluss abschneidet. Doch diese Chance hat Saarbrücken unlängst vertan. Und so erschließt man das Gebäude für den Besuch rückwärtig über den Park, während der Haupteingang samt dem ihn flankierenden Vorbereich lahmgelegt ist – und weiterhin wohl auch bleibt.
Die Ausstellung streift zunächst die noch während des Kriegs erarbeiteten Wiederaufbauplanungen von Emil Steffann, Richard Döcker und Rudolf Schwarz im besetzten Lothringen, um dann einen ersten Schwerpunkt mit den Wiederaufbauplänen für das Saarland nach 1945 zu setzen. Als Chefplaner installierte Marcel Roux ein Architektenteam aus dem Umfeld der „Union des artistes modernes“. Georges-Henri Pingusson ist für Saarbrücken verantwortlich, Édouard Menkès für Saalouis und Pierre Lefèvre für Neuenkirchen; die Landesplanung verantwortet Roux gemeinsam mit André Sive. Umgesetzt von den radikal modernen Stadtplanungen wird indes wenig, was nicht zuletzt auch am Widerstand der lokalen Behörden lag. Damit verhielt es sich im Saargebiet nicht anders als in Mainz, der ein­zigen Stadt im übrigen französischen Gebiet, die durch einen französischen Architekten – hier Marcel Lods – neu geplant wurde. Lod’s Plan für Mainz und der Alternativentwurf von Paul Schmitthenner markieren gleichsam die antithetischen Pole für den Wiederaufbau deutscher Städte.
Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich dem Pingusson-Gebäude selbst und den bei­-den charakteristischen Bauaufgaben der Architektur in den zerstörten Regionen, dem Wohnungsbau und dem Sakralbau. Berechtigterweise wird der Fokus hier erweitert: in zeitlicher Hinsicht, weil nun die ersten beiden Nachkriegsdekaden in den Blick geraten, und in räumlicher, indem nicht nur das Saarland, sondern auch das angrenzende Departement Moselle behandelt wird. Emile Aillaud setzte bei dem Wiederaufbau von Creutzwald (1946–49) auf modulare Bau­-ten aus Waschbeton-Fertigteilen und realisierte später den Stadtteil Wiesberg in Forbach mit ondulierenden Wohnzeilen und Hochhäusern; Pingusson plante nicht nur für Saarbrücken, sondern realisierte in Lothringen vier Kirchen, von denen die Rundkirche in Boust (1955–63) eines seiner Meisterwerke darstellte. Gerade im Kirchenbau gab es herausragende Leistungen diesseits und jenseits der Grenze – etwa die Kirchen von Rudolf Schwarz und Gottfried Böhm in Saarbrücken, aber auch drei demontierbare zeltartige Kirchen in Forbach, Behren-les-Forbach und Creutzwald, deren Konstruktionen von Jean Prouvé stammen.
Trotz vereinzelter Ungenauigkeiten – die Behauptung, beim Wiederaufbau französischer Städte nach dem Zweiten Weltkrieg sei grundsätzlich die historische Struktur ignoriert worden, ließe sich mit einem Blick auf Saint-Malo relativieren – bietet die Saarbrückener Ausstellung über die Nachkriegsmoderne in der Grenzregion einen großartigen Überblick. Auch wenn auf den Textbannern viel zu lesen ist, kann nicht jedes Thema wirklich vertieft werden, und manches bleibt notgedrungen kursorisch. Eine umfangreiche Publikation ist nicht erschienen, und so bleibt man auf diverse verstreute Einzelpublikationen angewiesen, die in der Vergangenheit herausgekommen sind. Auf jeden Fall macht die Schau Lust auf Entdeckungen und Besichtigungstouren vor Ort.
Resonanzen: Architektur im Aufbruch zu Europa
Pingusson-Gebäude, Hohenzollerstarße 60, Saabrücken
Bis 30. November
www.resonanzen.eu

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