Collezionare Torlonia

David Chipperfield und die Antiken der Sammlung Torlonia in Rom

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

    Büste des römischen Kaisers Caracalla
    Foto: Electa/Oliver Astro­logo

    Büste des römischen Kaisers Caracalla

    Foto: Electa/Oliver Astro­logo

    Die einzige Bronze­statue in der Sammlung zeigt den Kaiser Germanicus. Sie ist 2,10 Meter groß und wird im ersten Aus­stellungsraum vor Büsten römischer Kaiser und ihren Ehefrauen gezeigt.
    Foto: Electa/Oliver Astro­logo

    Die einzige Bronze­statue in der Sammlung zeigt den Kaiser Germanicus. Sie ist 2,10 Meter groß und wird im ersten Aus­stellungsraum vor Büsten römischer Kaiser und ihren Ehefrauen gezeigt.

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    Im Vordergrund eine der beiden Tierskulpturen der Sammlung: „Statue of Resting Goat“ aus dem 17. Jahrhundert.
    Foto: Electa/Oliver Astro­logo

    Im Vordergrund eine der beiden Tierskulpturen der Sammlung: „Statue of Resting Goat“ aus dem 17. Jahrhundert.

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Collezionare Torlonia

David Chipperfield und die Antiken der Sammlung Torlonia in Rom

Text: Schulz, Bernhard, Berlin

Antike Skulpturen in Rom zu zeigen, heißt Eulen nach Athen zu tragen. Weit gefehlt! Denn die Römer lieben ihre Antiken, und es braucht keine Touristen, um hier eine Ausstellung griechischer und römischer Skulpturen zu einem Publikumserfolg zu machen. Vom ersten Tag an, Mitte Oktober letzten Jahres, ist die Ausstellung „Die Marmore der Torlonia. Meisterwerke sammeln“ in einem neu erschlossenen Nebengebäude der Kapitolinischen Museen bestens besucht, nur die Corona-bedingte Zugangsregulierung verhindert, dass sie regelrecht überlaufen wird.
Die Sammlung Torlonia gilt als umfangreichste Antikensammlung der Welt. Derzeit werden 92 Objekte gezeigt, ausgewählt aus einem Bestand von rund 600 in dunklen Kellern gelagerten Antiken. Seit Jahrzehnten war die Sammlung nicht mehr öffentlich zugänglich. Über den Streit des mittlerweile hochbetagt verstorbenen Familienoberhaupts Fürst Alessandro Torlonia mit dem italienischen Staat, der 1976 zum „Entzug“ der einst zugänglichen Sammlung geführt hat, wird nur beiläufig erzählt; es ist eine Geschichte um rücksichtslose Immobilienspekulation. Doch das italienische Kulturministerium ist froh, vor drei Jahren mit der Stiftung Torlonia eine Übereinkunft zur Ausstellung von Teilen des Bestandes getroffen zu haben, dem einst sogar ein eigenes Museumsgebäude zur Verfügung gestellt werden soll.
Da nun kommt David Chipperfield ins Spiel. Von seinem Mailänder Zweigbüro stammt der Entwurf zur Aufstellung der „Marmore“ in den aufgrund ihrer geringen Größe wenig geeigneten Räumen der Villa Caffarelli, die etwas abseits auf dem Kapitol gelegen ist. Die Villa hat Chipperfield durchgängig mit einem Boden aus schwarzbraunen Ziegeln belegt, aus denen Podeste in gleichen Ziegeln emporwachsen. Auf diesen Podesten, unterschiedlich hoch und breit, stehen die Marmorskulpturen, die sich so in Materialität und Farbigkeit von ihrem Trägergrund abheben. Die Ziegel – durch sorgfältig gezogene Fugen voneinander abgesetzt – rufen die antiken Ziegel all der Bauten in Erinnerung, mit denen die Römer ihr Weltreich in so bewundernswerter Weise ausstaffiert haben.
Die Ziegel sind gleichmäßig und ohne Versatz verlegt, so dass jeder Sockel – Chipperfield spricht lieber von Plinthe – aus dem Bodenniveau herauszuwachsen scheint, ähnlich Hubpodien, die bei Bedarf auch wieder in der Ebene des Bodenbelags verschwinden könnten. Die Skulp­turen selbst haben bisweilen eigene Sockel, und die Kuratoren – die beiden Klassischen Archä­ologen Salvatore Settis und Carlo Gasparri, die auch den 335 Seiten umfassenden Ausstellungskatalog “The Torlonia Marbles: Collecting Masterpieces” verantworten – scheuen sich nicht vor ungewöhnlichen Zusammenstellungen. Dabei sind die vielfältigen Restaurierungen und Ergänzungen, die die Antiken in den Jahrhunderten ihrer Ausgrabung und Zurschaustellung bis weit ins 19. Jahrhundert hinein erfahren haben, beibehalten, was den historischen Charakter der Sammlung dokumentiert.
Die Familie Torlonia, weit jünger in Rom ansässig als die großen Adelsfamilien etwa der Barbe­rini oder della Rovere, kam durch Bankgeschäfte zu Reichtum. Giovanni Torlonia erwarb im 19. Jahrhundert mehrere bedeutende Antikensammlungen, darunter Skulpturen aus dem Nachlass des Bildhauers und Restaurators Bartolomeo Cavaceppi und die von Winckelmann betreute Sammlung des Kardinals Albani oder die Sammlung Giustiniani, deren Gemälde-Bestand 1815 durch den preußischen König Friedrich Wilhelm III. nach Berlin gelangte. Die Villa Albani mit ihrem herrlichen Park und zahllosen antiken Skulpturen, 1866 als Begleichung hoher Kreditschulden erworben, ist nach wie vor Privatbesitz der Familie.
Die Aufstellung der 92 ausgewählten Skulpturen folgt diesen Erwerbungsgeschichten; den Auftakt macht eine Anmutung des einstigen Museums Torlonia mit der Aufstellung von Marmorbüsten in dichten Reihen, die sich um die über­lebensgroße Bronzestatue des Germanicus aus dem 1. Jahrhundert scharen. Es folgen die Ausgrabungen, die die Torlonia im 19. Jahrhundert selbst veranlassten, dann die Sammlungen aus der Villa Albani und von Vincenzo Giustiniani sowie abschließend Werke aus Sammlungen aus der Zeit der Renaissance. Die Wände der insgesamt vierzehn Räume – manche eher nur Durchlässe zwischen größeren Zimmern – sind farblich voneinander unterschieden, von Ockergelb bis Graublau und lassen so die zumeist aus weißem Marmor geschaffenen Skulpturen plastisch hervortreten. Vorbild, von Chipperfield erwähnt, war hier der 1885 publizierte Katalog der Sammlung mit seinen strengen Schwarz-Weiß-Aufnahmen aller Marmorskulpturen.
David Chipperfield und seinem Mailänder Büro unter Leitung von Cristiano Billia ist es dennoch gelungen, der heterogenen Sammlung einen einheitlichen Duktus zu geben. Ja, gerade indem das nach Großzügigkeit drängende gestalterische Konzept überall buchstäblich an Mauern und Wände stößt, macht es den Wunsch nach einer angemessen dimensionierten Lösung dringlich. Bis dahin werden sich die Römer und hoffentlich auch auswärtige Besucher mit den räumlich beengten Ansichten der Antiken begnügen müssen.

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