Dem Licht adrett entgegen

Text: Landes, Josepha, Berlin

Dem Licht adrett entgegen

Text: Landes, Josepha, Berlin

Vor einigen Wochen war ich in Paris, um mir ein Kino im 600 Kilometer entfernten Cahors anzusehen. Zwei Stunden wartete ich in Charles de Gaulle auf den Flug nach Bordeaux. Im Kiosk lachte mich das Kino-Ma­gazin „La Septième Obsession“ an („Die siebte Besessenheit“). Ich verbrachte die Wartezeit mit Almodóvar.
„Vor einigen Wochen war ich in Madrid, um Pedro Almodóvar zu treffen“, beginnt das obsessive Editorial. Almodóvar hatte ich da schon im Kopf für den Einstieg in diese Bauwelt: Abgesehen von seinen Filmen, hat der Regisseur für eine Architekturzeitschrift passende Kino-Zitate geliefert. Etwa sinngemäß: „Die Leinwand muss größer sein als dein Sitz“. Das Interview in der Septième Obsession bot nun noch dazu eine ideale Vorlage, jenes Bild aufs Cover zu hieven, das Sie sehen. Almodóvar sprach über Mode und Film.
Sie sehen das Revers von Heath Ledger. Dieses Outfit trug der Schauspieler kurz vor seinem Tod, am 4. September 2007 bei den 64. Filmfestspielen in Venedig. Ledger wurde 28 Jahre alt. Sein Spiel in „Broke Back Mountain“ machte ihn 2005 zur Kino-Legende. An jenem Septembertag trat er in einem lässig geknöpften Sakko auf – verdeckte Nähte, ein loser Faden, zwei Knitterfalten –, das klassische Ray Ban-Modell Wayfarer in konterkarierendem, violett-hellblau-creme Camouflage vors Brustbein geklemmt. Aus der Tasche ragt ein schwarzer Kugelschreiber: Senator Pointball (77 Cent). Es blitzt ein warmgelber Pullover hervor (vermutlich Kaschmir). In den Gläsern spiegelt sich das Pressezelt. Das obere Glas zeigt die Menschen, die ihre Kameras auf Ledger richten, anders als das untere. Die Wölbungen von Gläsern und Brust brechen das Bild.
Dieses Foto erinnert an einen Vorhang, hinter dem der Film bestenfalls direkt ins Herz trifft. Es er­zählt viele Geschichten, die bloß aus Indizien rühren. Ledgers Revers lässt zugleich an Filmvorführung, Filmtechnik und Filmbusiness denken und zeigt außerdem etwas zerbrechlich Menschliches. Darüber hinaus vermittelt dieses Abbild zwischen Mode, Film und Architektur – alle drei hüllen sie unsere Körper und Sinne, wissen um die Wirkung des Details. Die Künste sind Inszenierung und verwischen Grenzen – wo beginnt die Illusion?
Die Illusion beginnt im Kino, dem Raum, gemacht für Legenden. So musealisert die Academy of Mo­tion Picture in L.A. ihrer Schätze. In London und Berlin wurden Bestands-Kinos neukonzipiert. Cahors, wohin ich auf dem Weg war, als mir Almodóvar „begegnete“, gönnte sich einen veritablen Film-Palast. Und die Piazza auf dem Lido, wo unser Cover-Bild vor 14 Jahren entstand, erstrahlt mittlerweile in Apulischem Weiß. Beim Festival in diesem Jahr posierte dort Almo­dóvar mit den Stars seines neuen Films „Madres Paralelas“, Penélope Cruz und Milena Smit. Sie trugen schwarz-weiß und er eine Sonnenbrille. Doch soweit so gut: Willkommen im Kino!

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