Die Wirklichkeit entwickeln

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin; Landes, Josepha, Berlin

Die Wirklichkeit entwickeln

Text: Brinkmann, Ulrich, Berlin; Landes, Josepha, Berlin

Dresden ist nicht die einzige deutsche Stadt, die die Rekonstruktion ihres im Zweiten Weltkrieg untergegangenen Antlitzes in Angriff genommen hat. Doch nicht die gesamte Bürgerschaft träumt vom untergegangenen Elbflorenz. Inzwischen widmen sich mehrere Initiativen der Pflege auch der Zeitschicht DDR. Obwohl der Neuaufbau nach 1950 die Stadt noch immer prägt, ist viel Erhaltenswertes seit 1990 verloren gegangen. Viel zu viel. Gerade der Umgang mit dem Fußgängerboulevard Prager Straße hat einen der hochrangigsten Stadträume der 1960er Jahre auf bundesrepublikanisches Normalmaß zurechtgestutzt. Immerhin ist das Nachfolgeprojekt, der in den 70er Jahren gestaltete Neustädter Markt mit der anschließenden Hauptstraße, relativ vollständig erhalten. Ende Mai wurde er unter Denkmalschutz gestellt – ein Erfolg auch der Initiative „Neustädter Freiheit“, die seit drei Jahren viel für die Anerkennung dieses Ensem­bles bewirkt hat. Für Dresden mindestens genauso wichtig ist das Robotron-Areal – was heute als säch­sisches „Silicon Valley“ weltweit strahlt, hat hier seine Wurzeln. Doch auch diese Säule des heutigen Dresdens wurde von der Stadt lange geringgeschätzt, sodass die Bebauung bereits abgerissen ist oder der Beseitigung harrt. Doch wofür? Geplant ist eine höherpreisige Wohnbebauung, die für das Selbstbild der Stadt keine Bedeutung entfalten wird. Lediglich das Kantinen-Gebäude hat noch Chance auf Erhalt, doch ist bislang weder die Finanzierung seiner durch jahrelange Vernachlässigung in Mitleidenschaft gezogenen Bausubstanz geklärt noch eine dauerhafte Nutzung. Das Netzwerk ostmodern hat das Gebäude in die öffentliche Wahrnehmung gerückt: Voraussetzung dafür, dass nicht nur Architekturenthusiasten die jüngere Stadtgeschichte mitdenken, wenn es um die Zukunft geht.

Strukturen ausfüllen

Selbstverständlich bewegen sich in der Moderne, Post-Moderne, Gegenwart Millionen von Arbeitnehmern täglich an Schreibtische. Ob in Zellen- oder Großraumbüros, mit oder ohne Silent-Zone, Konferenzraum, Kantine – Bürogebäude sind die Mäusekäfige unserer Gesellschaft, oder, wenn aus Beton und Stahl errichtet, vielleicht doch auch Bunker? In den sechziger und siebziger Jahren mit Festverglasungen ausgestattet und vollklimatisiert, waren sie wenigstens doch lichte und lufte Wohlstandsbiotope. Für ihre Zeit. Nun, dieser Zeit entwachsen, kommt ihr Ballast zum Tragen: das Baumaterial. Es ist Zeit zum Umdenken, zum Mit-dem-Gegebenen arbeiten, denn so rigide wie sie scheinen, sind die alten Brocken bisweilen gar nicht.

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