3779 irreguläre Gotteshäuser

Kirchen im sozialistischen Polen: eine überraschende Ausstellung im Polnischen Institut Berlin

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

Heilige-Jungfrau-Maria-der-Königin-von-Polen-Kirche in Świdnica
Foto: © Igor Snopek

Heilige-Jungfrau-Maria-der-Königin-von-Polen-Kirche in Świdnica

Foto: © Igor Snopek


3779 irreguläre Gotteshäuser

Kirchen im sozialistischen Polen: eine überraschende Ausstellung im Polnischen Institut Berlin

Text: Kil, Wolfgang, Berlin

Als dem Architekten der kleinen St. Lorenz-Kirche in W. das Gewissen schlug, suchte er geistlichen Beistand. Der um Rat gefragte Kardinal versicherte jedoch, es sei keine Sünde, für einen Kirchenbau den Staat zu betrügen.
Vielleicht steckt ja in dieser kleinen Notiz aus den 1970er Jahren das ganze Geheimnis jenes Phänomens, das die aktuelle Ausstellung des Polnischen Instituts in Berlin enthüllt: 3779 Kirchen wurden zwischen 1949 und 1990 in der Volksrepublik Polen gebaut, dem einzigen Staat im Realsozialismus, in dem der Atheismus wirklich keine Chance hatte. Fast viertausend Kirchen ohne regulär erteilte Genehmigung, ohne Baubetriebe mit erforderlicher Technik, ohne Materialzuteilung und ausschließlich aus Spenden finanziert! Das gewaltigste Crowdfunding-Programm, zugleich die beeindruckendste Selbstbau-Welle der jüngeren Baugeschichte!
Und herausgekommen sind dabei nicht etwa schräge Baracken oder sonstige skurrile Machwerke, sondern imposante, oft theatralische, manchmal auftrumpfende, auf jeden Fall exzessiv originelle Architekturen. Deren Autoren setzten – ebenso unentgeltlich wie alle übrigen Beteiligten – für diese „Sonderbauten“ alles ein, was ihr Können und beruflicher Ehrgeiz hergaben; viel zu viel davon lag ja im normalen sozialistischen Bau­alltag ungenutzt brach. Kirchen in Volkspolen, diese „Architektur des Siebten Tages“, verkörpern eine ungebremste, ja eruptive Kreativität, sie erzählen zugleich eine ganz eigene Stilgeschichte parallel zum bislang bekannten Kanon polnischer Nachkriegsarchitektur. Eine Art Gegengesellschaft, die ihre eigene Baukunst zelebrierte – beileibe nicht bescheiden oder gar subversiv, sondern demonstrativ als Mittelpunkt der Gemeinden, und am liebsten himmelhoch.
Wer eine spektakuläre Bilderschau erwartet, wird von der Ausstellung vielleicht enttäuscht. Es gibt viele, aber nur recht kleine Bilder zu sehen, die obendrein alle in gleicher Perspektive auf­genommen wurden: mit einer Drohnen-Kamera aus der Vogelschau. Da wird auf manch spannendes Detail verzichtet, aber typologisches Interesse geweckt. Stadträumliche Dimensionen werden erkennbar, das Lebensumfeld der Gemeinde rückt mit ins Bild. Wo vereinzelt doch Innenräume mitgeliefert werden (nicht in allen Kirchen gab es Fotogenehmigungen), ahnt man, welch riesiges Forschungsfeld hier noch wartet.
Anlässlich der Venedig-Biennale 2014 hatte Rem Koolhaas nach dem spezifischen Beitrag jedes Landes zur Weltarchitektur des 20. Jahrhunderts gefragt. Für den Breslauer Architekturforscher Kuba Snopek kam nach reiflicher Über­legung im Falle Polens nur die Riesenzahl halb- und illegaler Kirchbauprojekte infrage. Mit seinem Team hat er sich des Phänomens in wissenschaftlicher Akribie angenommen.
Ethnologische Besonderheiten einzelner Landesteile wurden genauso sondiert wie Unterschiede zwischen Stadt und Land. Höchst erhellend sind Zeitleisten, die das An- und Abschwellen der Bauaktivitäten in Bezug zur jeweiligen politischen „Großwetterlage“ setzen. So ist ein reicher Material­fundus versammelt, der einen originellen Zugang zur polnischen Nachkriegsgesellschaft ermöglicht – einer Gesellschaft, in der auch Parteikader zu heimlichen Verbündeten werden konnten, da auch sie schließlich als Privatleute einen würdigen Ort für ihren Sonntagsgottesdienst wünschten.
Selbsthilfeprojekte solcher Dimension haben erwartungsgemäß sehr lange Bauzeiten, in denen oft seltsame oder berührende Geschichten passieren. Für die berühmte „Kirche der Gottesmutter, Königin Polens“ von Nowa Huta (1969–77), deren gewölbte Außenwand grobe Flusskiesel zieren, wurden Abertausende solcher Steine in Urlaubskoffern vom Gebirge oder vom Meer zum Bauplatz vor den Toren Krakaus gebracht; wie dann Hüttenarbeiter die Stahlträger für das ausschwingende Dach besorgten, gäbe eigentlich Stoff für Hollywood. Oder als das unweit von Danzig geplante Atomkraftwerk Żarnowiec nach zähen Protesten schließlich abgesagt wurde, ließen schon gelieferte Baumaterialien sich wenigstens für den Kirchbau in der nahen Arbeitersiedlung „nachnutzen“.
Es ist gut nachzuvollziehen, wie solche kollektiven Unternehmungen die Akteure zusammenschweißten und ein aktives Gemeindeleben zur Basis ziviler Selbstbehauptung werden konnte. Wer über die unbeirrte Religiosität unserer östlichen Nachbarn gerne mal den Kopf schüttelt, könnte vor dieser Parade ertrotzter Architekturen auf überraschend andere Gedanken kommen.

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