Pionierbau im Hochgebirge

30 Jahre Kirchner Museum Davos

Text: Adam, Hubertus, Zürich

    Innen wie außen béton brut, der durch das Spiel mit dem Licht belebt wird: Das Kirchner Museum in Davos.
    Foto: Stephan Bösch

    Innen wie außen béton brut, der durch das Spiel mit dem Licht belebt wird: Das Kirchner Museum in Davos.

    Foto: Stephan Bösch

    Foto: Stephan Bösch

    Foto: Stephan Bösch

Pionierbau im Hochgebirge

30 Jahre Kirchner Museum Davos

Text: Adam, Hubertus, Zürich

1992 eröffneten in Giornico, München und Davos Ausstellungshäuser von Schweizer Architekten, welche den Museumsbau nach den Jahren postmoderner Formenopulenz nachhaltig verändert haben. Das Kirchner Museum von Gigon/Guyer in Davos ist unter den drei Projekten das programmatischste – und auch das mit der größten Nachwirkung.
Denn es handelt sich nicht um ein für klar ­definierte Werkgruppen eines Bildhauers maßgeschneidertes Gehäuse wie Peter Märklis La Congiunta, nicht um ein Galeriegebäude wie die Sammlung Goetz von Herzog & de Meuron in München, sondern um ein tatsächliches Museum mit Räumen für Dauer- und Wechselausstellungen. Vier rechteckige Ausstellungssäle sind über ein Foyer verbunden, das bestimmt ist von Sichtbeton und großflächigen Verglasungen, die Blicke auf Davos und die alpine Hochgebirgslandschaft freigeben. Parkett, weiße Wände und gläserne Lichtdecken dagegen prägen die Museumssäle. Die Lichtaufsätze, die sich auch an der Fassade ablesen lassen, wirken tagsüber transluzent und werden abends, wenn die künstliche Beleuchtung eingeschaltet ist, zu leuchtenden Laternen.
Zu den Vorbildern von Gigon/Guyer zählten formal reduzierte Säle in Schweizer Museen, ­beispielsweise die des Kunsthauses Glarus von Hans Leuzinger aus den 1950er-Jahren. Wichtig ist aber auch der Bezug zu den Bauten von ­Rudolf Gaberel, dem lokalen Vertreter der klassischen Moderne. Das Museum ist vom Kontext inspiriert – und gelangt doch mit seiner räumlichen Organisation zu einer Allgemeingültigkeit, die für Museumsbauten der folgenden Jahrzehnte stilbildend wurde. Das Kunsthaus in Bregenz von Peter Zumthor oder die Tate Modern von Herzog & de Meuron in London: Ohne das Davoser Vorbild wären diese Museen kaum denkbar.
Entscheidend für die Gesamtkonzeption war ein Vortrag des Künstlers Rémy Zaugg, den dieser am 1. Dezember 1986 im Kunstmuseum Basel gehalten hatte; Anette Gigon befand sich seinerzeit unter den Zuhörenden. Unter dem Titel „Das Kunstmuseum, das ich mir erträume, oder der Der Ort des Werkes und des Menschen“ umriss Zaugg, wie er sich die ideale architektonische Situation für ein Zusammentreffen von Kunstwerk und Mensch vorstellte. Er thematisierte dabei nicht nur architektonische Elemente wie Boden, Mauern und Decke, sondern auch Licht, Materialität sowie die Proportionen und Anordnungen der Säle. So forderte er etwa, auf die klassischen Enfiladen der Museumsgalerien des 19. Jahrhunderts zu verzichten, weil diese die kunsthisto­rische Chronologie des Davor und Danach ­abbilden, und entwickelte alternativ ein schematisches Konzept, bei dem die Säle für die Kunst unverbunden in einen Bewegungsraum eingestreut sind. Nirgends wurden seine Postulate so gründlich umgesetzt wie von Gigon/Guyer beim Kirchner Museum. Inspiriert von ihm, aber ohne seine direkte Mitwirkung am Entwurf.
Als nachgerade revolutionär anzusehen ist das Museum auch aufgrund seiner Fassade, bei der die Dämmkassetten durch die gläserne Fassadenhaut hindurchscheinen und eine ho­rizontale Struktur in Kontrast zum vertikalen Fassadenraster der Glasplatten bilden. Auch an diesem Detail zeigt sich, in welchem Maße die Schweizer Architektur seinerzeit einen Gegenpol zur Form- und Materialwelt des postmodernen Museumsbaus darstellte. Einfache, selbstverständliche, alltägliche Werkstoffe rückten im Schweizer Bauschaffen – und im architektonischen Diskurs – verstärkt in den Vordergrund.
Die drei Schweizer Museumsbauten des ­Jahres 1992 machen deutlich, wie auf je eigene Weise Alternativen sowohl zum bildungsbürgerlichen Museumskonzept klassischer Prägung als auch zum populären Formenspiel postmoderner Ausstellungsgebäude entwickelt wurden. Der rappel à l’ordre zeitigte nachhaltigen Erfolg, nicht zuletzt in Deutschland: Meili, Peter haben vor wenigen Jahren das Sprengel Museum in Hannover erweitert, Herzog & de Meuron bauen derzeit das Museum der Moderne neben Mies van der Rohes Nationalgalerie in Berlin und im Herbst 2022 wurde in Bottrop die Erweiterung des Josef-Albers-Museums eröffnet. Erneut ein Ausstellungsgebäude von Gigon/Guyer, mittlerweile ihr vierzehntes.

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