Stefan Polónyi

1930–2021

Text: Escher, Gudrun, Xanten

    Foto: Benedikt Kraft/DBZ

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Stefan Polónyi

1930–2021

Text: Escher, Gudrun, Xanten

Eigentlich habe er Schauspieler werden wollen und den Hamlet spielen, jetzt aber sei er Selbstdarsteller, erzählte der gebürtige Ungar im Interview. Der passionierte Lehrer Stefan Polónyi hat als Tragwerksplaner die Profession der Bauin­genieure in Deutschland geprägt wie kaum ein anderer seit dem Zweiten Weltkrieg. Sogar die Umbenennung des Faches der Baustatik zur „Tragwerkslehre“ geht auf ihn zurück. Diese Bedingung stellte er bei seiner Berufung an die Technische Hochschule Berlin 1965. Ein Tragwerk zu entwickeln bedeute nicht, Erlerntes auf eine Bauaufgabe deduktiv anzuwenden, sondern sei ein dynamischer Prozess, in dem Objekt- und Tragwerksplaner induktiv das beste Ergebnis suchen. So geschehen mit Josef Lehmbrock für das Hyparschalendach der Kirche St. Suitbert in Essen 1965, das ihm den Ruf nach Berlin einbrachte. 1973 wechselte er dann an die neu gegründete Technische Hochschule, heute TU Dortmund als Professor für Tragkonstruktion. In zwei Jahrzehnten bis zu seiner Emeritierung 1995 prägte er dort gemeinsam u.a. mit dem Architekten Harald Deilmann den neu strukturierten Studiengang „Bauwesen“. Dieses „Dortmunder Modell“ zielt darauf ab, die Studierenden in Architektur und Ingenieurwesen parallel aus­zubilden. Dabei müssen sie in interdisziplinären Projektteams das jeweilige theoretische Fachwissen auf eine konkrete Bauaufgabe anwenden. Die Bemühungen, auch die Technische Gebäudeausrüstung einzubeziehen, blieben zu Polónyis großem Bedauern erfolglos.
Das in der Lehre praktizierte Prinzip, von Beginn an interdisziplinär zu planen, verfolgte Polónyi konsequent auch in der eigenen Arbeit. In Berlin galt er als der „rote Polónyi“, weil er bereit war zuzuhören. Kommunikativ und offen für Experimente war ihm keine Aufgabe zu unscheinbar, aber auch keine zu groß: ob Wohnhaus, Kirche, Industriehalle, Universität, Museum, Theater, Fernmeldeturm, Sporthalle, Messebau, Bürohaus, Spielbank, Bahnhofshalle, Fahrradständer, Haltestelle, Brücke oder das Schutzdach über archäologischen Ausgrabungen in Trier, dort mit O.M. Ungers, und in Xanten nach eigenem Entwurf. Die Liste der beteiligten Architekten gleicht einem Who is Who: von Erich Schneider-Wessling bis Axel Schultes, von Richard Neutra bis Claude Vasconi. Im Wettbewerb für den Reichstag in Berlin gewann er mit dem kongenialen Architekten-Ingenieur Santiago Calatrava 1993 einen der drei 1. Preise.
In seiner 2003 zusammen mit Wolfgang Walochnik herausgegebenen Werkmonografie widmete Polónyi der „Ästhetik der Tragkonstruk­tionen“ ein eigenes Kapitel, nicht ohne Seitenhieb auf konstruktiv überflüssige Gelenke und Knoten in technoid gemeinten Architektenentwürfen. Er versteht Bauwerke zu der Objektkunst zugehörig und damit den Kategorien der Ästhetik zugänglich wie andere Kunstwerke auch. Für ihn entscheidend sei die konstruktive Ehrlichkeit. Er schließt mit der Mahnung, angesichts der unbegrenzten Möglichkeiten computergestützter Berechnungen, die gewonnene gestalterische Freiheit dafür zu nutzen, dass Tragwerke nicht alleine Tragfunktionen erfüllen, sondern dass sie ihren Platz im Bereich der Kunst finden.

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