Viel Licht, bescheidene Aussagen

Die machtpolitische Dimension des künstlichen Lichts, ob persuasiv, subversiv, repressiv oder schlicht nur dekorativ, thematisiert das Kunstmuseum Wolfsburg in ihrer aktuellen Schau

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

    Lori Hersberger, Sunset 164, von 2006
    Foto: Lori Hersberger Studio/Hans-Georg Gaul

    Lori Hersberger, Sunset 164, von 2006

    Foto: Lori Hersberger Studio/Hans-Georg Gaul

    Mariana Vassileva, Burned Hands, 2013
    Foto: Kunstmuseum Wolfsburg/Mariana Vassileva

    Mariana Vassileva, Burned Hands, 2013

    Foto: Kunstmuseum Wolfsburg/Mariana Vassileva

    Blick in die Ausstellung
    Foto: Marek Kruszewski

    Blick in die Ausstellung

    Foto: Marek Kruszewski

Viel Licht, bescheidene Aussagen

Die machtpolitische Dimension des künstlichen Lichts, ob persuasiv, subversiv, repressiv oder schlicht nur dekorativ, thematisiert das Kunstmuseum Wolfsburg in ihrer aktuellen Schau

Text: Brosowsky, Bettina Maria, Braunschweig

„Macht! Licht!“: Diese Ausstellung des Kunstmuseums Wolfsburg sollte einmal parallel zum fünften Braunschweiger Lichtparcours im Sommer 2020 stattfinden (Bauwelt 18.2020), wurde aus den bekannten pandemischen Gründen dann verschoben. Wie der Titel proklamiert, steht die machtpolitische Dimension des künst­lichen Lichts im Mittelpunkt, sei sie persuasiv, subversiv, repressiv oder schlicht nur dekorativ. Dafür sind rund 80 Exponate von 60 internationalen Künstlern und Künstlerinnen in der fast tageslichthellen zentralen Halle des Museums versammelt.
Was ist eigentlich künstliches Licht, oder umfassender: eine künstlich erzeugte Helligkeit? In Wolfsburg wird der Eindruck erweckt, dass ein Bewusstsein für dieses Phänomen erst mit der elektrischen Beleuchtung, also um die Wende zum 20. Jahrhundert, aufkam und zu einem regis-trierbaren Untersuchungsgegenstand wurde – was natürlich nicht stimmt. Diese kuratorische Selbstbeschränkung mag praktische Gründe haben. Sie blendet leider kulturgeschichtliche Grundlagen aus, ohne die sich die zivilisatorische Bandbreite der künstlichen Helligkeit nicht erfassen lässt. Und die wiederum Grundlage für die Auswahl der Kunst hätte sein können.
Eine jede weiß wohl um die kollektivierende, wie auch häufig ideologisch missbrauchte Fas­zination eines offenen Feuers – der erste, urgewaltige Auftritt künstlichen Lichts, den der Mensch zu reproduzieren wusste. Auch die symbolische Kraft brennender Barrikaden im politischen Aufbegehren ist bekannter Topos. Zu wohl jeder Rebellion gehört zudem das Zerstören der öffentlichen Beleuchtung, wird diese doch als Repräsentation eines obrigkeitlichen Überwachungsmonopols interpretiert: ein Lob somit auch der anarchischen Kraft der Dunkelheit. „Alles was leuchtet sieht“, steuerte Gaston Bachelard 1960 in seiner Schrift „Poetik der Raumes“ die psychoanalytische Deutung der Straßenbeleuchtung bei. Heute müsste er die allgegenwärtigen Überwachungskameras mit einbeziehen, die dank Infrarottechnik nun auch in der Dunkelheit ihre Arbeit verrichten können. Im aufrührerischen Paris kurz vor der französischen Revolution kam das kriminelle Delikt der Laternenzerstörung der Majestätsbeleidigung gleich. Kaum verwunderlich, wenn die stabilen Wand-arme der öffentlichen „Réverbères“ nur wenig später als Galgen fungierten, um an ihnen besonders verhasste Vertreter des Ancien Régime zu erhängen.
Mit solch politaktivistischer Basiskenntnis im Hinterkopf klopft man dann die Wolfsburger Exponate auf einen systemkritischen Gehalt ab. Was kann uns dann aber eine Leuchtschrift sagen, die wechselnd DEATH und das Rudiment EAT erscheinen lässt – stamme sie nun vom wackeren Hannoveraner „Totalkünstler“ Timm Ulrichs oder von Bruce Nauman? Auch OK in grün und NO in rot des feministischen Künstlerkollektivs Claire Fontaine erschöpft sich schnell im bekannten Deutungszusammenhang. So geht es durch viele Objekte weiter, befassen sie sich in einer eindrucksvollen Hängung aus Dutzenden Neonschriftzügen mit den Fake News des „Pizzagate“ aus der Wahlkampagne von Donald Trump 2016, oder zeigen sie Angela Merkels stilisiertes Konterfei und ihm gegenüber ihren berühmter Satz „Wir schaffen das“.
Zu den komplexeren Exponaten zählt da schondie kleine Gefängniszelle, die Gregor Schneider entsprechenden Räumen in Guantanamo nachgebildet hat. Im kurzen Selbstversuch lässt sich erahnen, wie tiefgreifend die „Weiße Folter“ aus konstant hoher Beleuchtungsstärke auf den menschlichen Biorhythmus und die physische Gesamtverfassung einzuwirken vermag, benötigt doch jede und jeder regelmäßige Intervalle der Dunkelheit. Unverständlich dann, dass nur we-nige Objekte mit dieser Lichtsituation arbeiten, wie etwa das kleine mechanische Schattentheater von Christian Boltanski. Oder Mariana Vassileva in ihrem obeliskartigen Objekt aus in Teilen zerstörtem Maschendraht: In ihm hängt eine einsame Glühlampe, die der menschlichen Atemfrequenz analog auf- und abdimmt.
Etwas tiefer in der Materie schürfte ein begleitendes kunst- und naturwissenschaftliches Symposion im März. Die Hamburger Lichtplanerin Ulrike Brandi etwa steuerte neue Erkenntnis-se zu umweltverträglicher Stadtbeleuchtung bei, die in der Hansestadt durch einen „Lichtbeirat“ evaluiert wird. In einem Werkbericht schilderte die Künstlerin Nana Petzet die Entstehung ihres Ausstellungsexponats, die Dokumentation einer blau leuchtenden „Lichtfalle“. Sie lieferte im Hamburger Hafen den experimentellen Nachweis der zerstörerischen Folgen urbaner Lichtverschmutzung auf die Insektenpopulationen und damit die Biodiversität. Und natürlich durfte auch der wohl demagogischste Auftritt künstlichen Lichts nicht fehlen, der „Lichtdom“ aus über 150 Flak-Scheinwerfern, den der Generalbauinspektor und Architekt Albert Speer mehrfach als massenfaszinogene, parareligiöse Großveranstaltung für das NS-Regime inszenierte.
So betrachtet, bleibt die Wolfsburger Ausstellung dann leider ein gut gemeinter Überblick über die „Lichtkunst“, jene junge Gattung, die in den 1960er Jahren aufkam. Sie entfaltete ihre innovative Kraft vorrangig als konfrontative Ästhetik im öffentlichen Raum, ist also nur bedingt „museabel“. Nicht nur ihr formal stereotypes Repertoire aus Neon-Buchstaben, Leuchtstoffröhren oder Leuchtkästen ist offensichtlich gleich mit in diesen Jahren stecken geblieben.

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