Was brauchen wir wirklich?

Editorial

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Versorgung mit dem Nötigsten: Erfrischungshalle in den 70ern in Gelsenkirchen.
Foto: picture alliance/United Archives|Werner Otto

Versorgung mit dem Nötigsten: Erfrischungshalle in den 70ern in Gelsenkirchen.

Foto: picture alliance/United Archives|Werner Otto


Was brauchen wir wirklich?

Editorial

Text: Geipel, Kaye, Berlin

Eine der Besonderheiten dieses besonderen Sommers 2021 ist die Suche nach passenden Begriffen für die notwendige Veränderung – nach Worten also, die in der Lage sind, die Zielrichtung künftiger Planungen zu bündeln. Wohin sollen sich Stadt und Land nach Corona entwickeln?
Die Defizite sind unübersehbar. Wir brauchen mehr Nachbarschaft, mehr Nähe, mehr Small-Scale-Umgebungen, mehr Community und mehr Grün. Dies sind weltweit wahrgenommene Bedürfnisse, die in einem konfusen, aber in seiner Fülle trotzdem überzeugenden Potpourri auf der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig unter dem Stichwort „Wie werden wir zusammen leben?“ verhandelt werden.
Vor einem Jahr, unter dem Schock des Lockdowns, ging es gerade auch um die Unzulänglichkeiten des öffentlichen Raums (Heft 13.2020). Doch der bessere Public Space ist ein oft wiederholtes Mantra, das allein nicht ausreicht. Gefragt ist ein Konzept, das genügend Kraft für eine umfassende ‚Agency‘ mitbringt, für eine ansteckende Veränderung.
Von der je eigenen Wohnung ausgehen
Nicht zufällig ist deshalb von einer „15-Minuten-Stadt“ die Rede. Gemeint ist ein Prinzip, das jedem Bewohner und jeder Bewohnerin das Lebenswichtige in einem erreichbaren Umkreis versprechen will. Die 15 Minuten darf man dabei nicht so genau nehmen. Je nach Standort wird über 10, über 15 oder über 20 Minuten diskutiert. Und selbst um „Stadt“ geht es nicht zuerst – das Ziel akzeptabler Erreichbarkeiten für essentielle Dienstleistungen gilt genauso in der kleinen Stadt wie auf dem Land. Wichtig ist, dass der Begriff den Einzelnen als Ausgangspunkt der Planung ernst nimmt.
Begonnen hat die Debatte unter dem Stichwort „Ville du quart d’heure“ in Paris, dort wo die Zentrumsfixierung der französischen Metropole zum umfassenden Problem geworden ist und der weltweite Tourismus die Stadt regelmäßig kollabieren ließ, bevor Anne Hidalgo und ihr Vorgänger im Bürgermeisteramt versucht haben, die Richtung zu ändern. In Paris ging es vor allem um „Autos raus“, „Fahrräder rein“ und mehr Grün in die wenigen freien Ecken. Die ersten Schritte sind beeindruckend.
Ob damit in der Kunststadt Paris wieder kleine, lebenswerte Quartiere erwachen werden, steht noch in den Sternen. Vieles hängt nicht nur dort an der Fremdbestimmung der Stadt durch die globale Finanzia­lisierung und der möglichen Kontrolle der Bodenpreise, ohne deren Änderung keine Gestaltungskraft zu haben sein wird. Zu beobachten ist, dass die entsprechenden Konzepte auch in Randbezirken ausprobiert werden.
Leipzig Charta weitergedacht
Wir befragen das Konzept der 15 Minuten in diesem Heft gerade auch auf seine räumliche Flexibilität. Nur wenn man es auf die urbanen Ränder, die Peripherien und die Zwischenstadt anwendet, also dort, wo der Investitionsdruck gerade hinwandert, kann es zu einem operablen Instrument für die gemischten Quartiere werden, von denen gern die Rede ist. Denn die neuen Wohnquartiere sind oft nicht einmal in der Lage, jenen minimalen Service anzubieten, der sich vor Jahrzehnten in Büdchen und Kiosken um die Ecke konzentrierte. Detlef Kurth hat in seinem Beitrag (Seite 28) zurecht darauf hingewiesen, dass vieles, was der neue Begriff heute wie ein Staubsauger aufsammelt, bereits in den Prinzipien der Leipzig Charta be­inhaltet ist. Das ist richtig. Vielleicht sind die 15 Minuten nur etwas anschaulicher, um sie sich im eigenen Lebensumfeld vorzustellen.
Diese und weitere Fragen werden wir am 9. und 10. Dezember in der Berliner Akademie der Künste behandeln, beim zweitägigen Bauwelt-Kongress zur 15-Minuten-Stadt, zu dem wir an dieser Stelle schon einladen.

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