Kirchenschiff auf dem River Lea in London


Wasser ist symbolträchtiger Bestandteil vieler religiöser Narrative. Das Kirchenschiff auf dem River Lea in London erzählt eine weitere Geschichte dieser Art. Die Diözese verbindet mit der leuch­tenden Barke Hoffnung auf ein neues Schöpfungswerk.


Text: Wainwright, Oliver, London


    Was liegt vor dem TechCampus von Uni und Start-Ups – ein Krokodil ...
    Foto: Gilbert McCarragher

    Was liegt vor dem TechCampus von Uni und Start-Ups – ein Krokodil ...

    Foto: Gilbert McCarragher

    ... oder doch eher ein Lastenkahn?
    Foto: Gilbert McCarragher

    ... oder doch eher ein Lastenkahn?

    Foto: Gilbert McCarragher

    Diaphanes Licht dank Segelmacherei: Zieharmonika und ...
    Foto: Gilbert McCarragher

    Diaphanes Licht dank Segelmacherei: Zieharmonika und ...

    Foto: Gilbert McCarragher

    ... perforierte Blenden filtern die Strahlen der Sonne.
    Foto: Gilbert McCarragher

    ... perforierte Blenden filtern die Strahlen der Sonne.

    Foto: Gilbert McCarragher

    Adele singt „I grew up by the River Lea“.
    Foto: Gilbert McCarragher

    Adele singt „I grew up by the River Lea“.

    Foto: Gilbert McCarragher

    Das Arbeiterquartier ihrer Kindheit haben unterdessen Neureiche für sich entdeckt. Im Hintergrund der Aussichtturm des Stahlkonzerns Arcelor Mittal und das Fußballsta­dion des Premier League Clubs West Ham.
    Foto: Gilbert McCarragher

    Das Arbeiterquartier ihrer Kindheit haben unterdessen Neureiche für sich entdeckt. Im Hintergrund der Aussichtturm des Stahlkonzerns Arcelor Mittal und das Fußballsta­dion des Premier League Clubs West Ham.

    Foto: Gilbert McCarragher

„Trunksucht, Spielsucht und Faulenzerei“ waren die Laster, die St. Mary’s Church sich vornehmen sollte, als sie in den 1880ern in Hackney Wick, Ostlondon, gegründet wurde. Eingerichtet hat die christliche Mission das Eton College, die exklusivste Privatschule Englands, wie auch einen lokalen Jugendclub – einerseits, um die Lebensbedingungen der armen Arbeiterklasse zu verbessern. Andererseits aber auch, um den eigenen, privilegierten Zöglingen zu zeigen, wie das „zerlumpte Straßenpack“ im East End lebt. Einhundertundvierzig Jahre später – die Dampfwalze „Olympische Spiele 2012“ hat das Quartier überrolt – ist aus dem rückständigen Industriegebiet eine gentrifizierte Hipster-Ecke geworden. Und es gibt eine neue Kirche; sie schwimmt.
Vertäut zwischen Hausbooten und schwimmenden Restaurants längs der Lee Navigation, dem kanalisierten Lea River, der durch Ostlondon fließt, bietet die neue Kirche einen faszinierenden Anblick. Das heilige Boot ist ein verblüffendes Ding, das man vom Treidelpfad aus sieht, und das aus dem Potpourri von bauchigen Barken und umgearbeiteten Rettungsbooten heraussticht. Der Rumpf hat die konventionelle Form einer Barke, aber das Dach sieht aus, als wäre es aufgestemmt worden, um, breit gähnend wie das geöffnete Maul eines Krokodils, einen plissierten Stoffbalg zu entfalten. Es leuchtet durch die Nacht wie eine illuminierte Ziehharmonika, die einen göttlichen Glanz aufs Wasser wirft.
„Ich habe es mir erst als eine glitzernde Glaskapelle vorgestellt“, sagt Murray Kerr. Er ist ei­-ner von zwei Partnern bei Denizen Works, dem kleinen in Hackney ansässigen Architekturbüro hinter dem Projekt: „wie im Film ‚Oscar und Lu­cinda‘. Aber dann tauchte in den Ausschreibungsunterlagen das Bild einer Brücke auf. Was immer wir entwarfen, es musste so niedrig sein, dass es unter eine Kanalbrücke passte und gleichzeitig sollte es laut Diözese eine ‚augen­-fällige Präsenz‘ haben.“ Die poetische Antwort der Architekten ist eine Kirche, die buchstäblich in sich und aus sich herausgehen kann, sich in eine stromlinienförmige Schute zusammenziehen und sich wiederum als stolzes Fanal erheben kann, wenn sie ankert.
Da die Architekten das erste Mal vor der Herausforderung standen, ein schwimmendes Bauwerk zu entwerfen, baten sie den Schiffbauingenieur Tony Tucker um Hilfe. „Mein Kollege tendierte zu einer eher architektonischen Lösung, aber ich dachte, es wäre wichtiger, das ‚Schiff-Sein‘ zu feiern“, sagt Kerr. Schiffbauer beginnen immer mit Länge, Breite, Höhe. Diese Maße waren durch die Dimension der Brücken vorgegeben und boten uns die Bezugspunkte, innerhalb derer wir arbeiteten.“
Das Textildach war vom Dach eines Campingwagens inspiriert, und es kann durch denselben einfachen Mechanismus, der bei hydraulischen Muldenkippern eingesetzt wird, hochgehoben werden. Kerr ergänzt: „Wir wollten es nicht ‚zu architektonisch‘ aussehen lassen. Es soll ein funktionaler, zweckmäßiger Gegenstand sein“. Doch die Machart zeugt auch von einem Sinn für Schönheit und Handwerkskunst. Die Plissees wurden in Wroxham, Norfolk, von Segeltuchmachern handgenäht, während der Stahlrahmen von der Turks Werft in Chatham, Kent, zusammengeschweißt wurde. Dabei handelt es sich um sorgfältige Details, die es über einen gewöhnlichen Lastkahn hinausheben: Verstellba­-re Aluminiumläden sind Laser-geschnitten und haben ein Zickzack-Segeltuchmuster, ein Motiv, das sich als hellblaues grafisches Fries um die Außenwand des Schiffes windet. Der Innenraum ist mit maßgeschneidertem Mobiliar ausgestattet.
Geht man in die Kabine hinunter, dann ist es so, als würde man ein geräumiges Kirchenschiff betreten. Sitznischen an jeder Raumseite lassen Miniatur-Seitenschiffe erahnen. Reihen von zusammenklappbaren Sitzbänken sind vor einem leichten Altar aufgestellt, der wie ein Schiffsbug geformt ist, während das Sonnenlicht durch ein großes Oberlicht, einem Heiligenschein ähnlich, einfällt. Durch den durchscheinenden Faltstoff dringend, umfängt ein sanftes Streulicht die Szene. „Wir wollten nichts unverhohlen Religiöses“, sagt Pfarrer Dave Pilkington. „Der Ort sollte eher den Eindruck einer Versammlungshalle vermitteln.“
Das passenderweise „Genesis“ (Schöpfung)betitelte Projekt geht auf eine Initiative der Diö­-zese von London zurück, mit der sie versucht, neue Gemeinden aufzubauen. Die Idee ist, das Schiff zunächst fünf Jahre hier am Steg liegen zu lassen, um eine Gruppe von regulären Kirchgängern heranzuziehen, bevor man es über Londons Wasserwege auf Reisen schickt, um einen weiteren Bezirk zu finden, der sich ähnlich rapide wandelt (vorstellbar sind Old Oak Common und Kings Cross). Es soll etwas Beständigeres in seinem Kielwasser zurückzulassen. „Ehe man Mil­lionen in ein neues Gebäude investiert, kann man mit dem Boot ausprobieren, was möglich ist“, sagt Pilkerton: „Dann kann man etwas Dauerhafteres etablieren, wenn es funktioniert.“

Ankerpunkt im Treiben

Der junge Priester, der Erfahrungen in der Jugend- und Sozialarbeit in Ostlondon hat, wählt auch hier einen offenen und frei zugänglichen liturgischen Ansatz. Er sagt, er beziehe sich auf das 12-Stufen-Programm der Anonymen Alkoholiker, etwa mit Dienstagabendtreffen zum gemeinsamen Essen (seit der Pandemie mit social distancing und Zeitfenstern). Eine vollständig eingerichtete Küche, ein Büro, eine behindertengerechte Toilette und zwei Fahrstühle machen das Boot zu einem leicht zugänglichen Bauwerk auf dem Kanal. Dass es nicht augenscheinlich eine Kirche ist, erleichtert die Vermietung als Veranstaltungsort. So hat es etwa bereits die Manager des National Health Service und BT Sport für einige Tage beherbergt, was im Übrigen eine nützliche Einkommensquelle ist, um weitere kirchliche Aktivitäten zu finanzieren.
Pilkington ist der Ansicht, dass die Kirche einen wichtigen Ort in einem Gebiet darstellt, das in den letzten Jahren einen so schnellen Wandel durchlaufen hat. Früher war Hackney Wick eine düstere Stadtrandlage mit allem, was in keinem Stadtplan verzeichnet ist: Höfe voller Autowracks neben Schlachthäusern, Lagerhallen und Bergen von Kühlschränken. Dies alles wurde von der Entwicklung zum Olympia-Gelände hinweggefegt und Hipster-freundlich instand gesetzt. Technologie-Start-ups stehen Schulter an Schulter mit ‚Microbreweries‘. Flankiert werden sie von reihenweise neuen Apartments im Lagerhaus-Stil, die ein neues Lifestyle-Konzept preisen. Ein paar Boote weiter bietet ein großes Schiff „rituell-schamanische Badeerfahrungen“. Sein Dach ist mit diversen Gongs dekoriert, die von Zeit zu Zeit von einem Mann in einem wie selbst genähten Umhang geschlagen werden. Eine schwimmende Speakeasy-Cocktail-Bar bewegt sich auf und ab und bietet zur Schiffstour Craft-Bier und Käse. Den Treidelpfad weiter runter serviert man dem Gast Szechuan Aubergine mit Cashew-Sau­-ce in einem Restaurant, das sich in einem umgebauten holländischen Schiff befindet, daneben eine Kanu-Miet-Station, die Paddel-Ausflüge zum Teambuilding offeriert.
Die schwimmende Kirche mag in dieser Ansammlung von Restaurants und Freizeitstätten wie ein Fremdkörper wirken, aber das Gebiet hat eine lange religiöse Tradition, auch jenseits von St. Mary’s. Genesis ist unterhalb von Here East verankert, einem Komplex von Büros und Restaurants im ehemaligen olympischen Medien-center, was eine seltsam passende Örtlichkeit ist. Denn vor den Spielen war das Gebiet Heimstätte für das Kingsway International Christian Centre, eine riesige Lagerhallenkirche, in der sich jeden Sonntag 12.000 Gläubige versammelten und sie damit zur größten christlichen Gemeinde in Europa machten. Ausgestattet mit einem goldenen Mikrofon und in zerknittertem Anzug leitete Pastor Matthew Ashimolowo unter dem Mot­to „Raising champions, taking territories“ (Meister großziehen, Orte besetzen) in einem Hangar ähnlichen Auditorium die glitzernden Messen. Aber ihr eigenes Sprengel wurde ihnen für die Spiele weggenommen, die Gemeinde in ein früheres Kino in Walthamstow umgezogen und schließlich noch weiter weg, nach Kent in eine umgebaute Pfadfinderhalle, verbannt.
„Ich liebe den Olympiapark“, erklärt Pilkington. „Aber einem Großteil der Alteingesessenen ist diese neue Entwicklung einfach aufgezwungen worden. Es hatte schon den Anschein, die Leute sollten rausgedrängt werden. Es war deutlich, dass diese ganzen neuen Strukturen nicht für sie gemacht wurden. Wir haben uns gefragt, welche Rolle die Kirche in einem Gebiet spielen kann, das eine solch dramatische Umwandlung erlebt und eine neue Bewohnerschaft ankommen sieht? Wo ist in diesem Umbruch Raum für Spi­ritualität?“
Der mobile Charakter der Kirche hat sich als exzellente Behelfs-Lösung für eine weitere Zwickmühle erwiesen. Ursprünglich hatte die Diözese gehofft, eine dauerhafte Kirche in einem der Nachbarquartiere des Olympiaparks zu bauen. Aber die zuständige Baubehörde erlaub­te kein Gebäude für eine einzelne Religionsgemeinschaft. Sie erhofft sich einen Raum für unterschiedliche Glaubensrichtungen, für den es bisher in keiner Religionsgruppe allzu große Begeisterung gibt. Für die zeitweilige Kirche auf dem Wasser wehte den Planern weniger Gegenwind entgegen.
Pilkington freut sich auf den Sommer, besseres Wetter und die Zeit nach den Corona-Einschränkungen. Dann hofft er, der Wasserlage noch mehr abgewinnen zu können. Sogar Tau­-fen kann er sich vorstellen, ein Stück stromaufwärts, in einem Abschnitt des Wasserwegs, der hier als Hackney Riviera bezeichnet wird. Und fügt hinzu: „Schließlich wurde Jesus in einem Jordan getauft, der vermutlich auch nicht besonders sauber war“.
Aus dem Englischen von Ursula Karpowitsch

Der Text ist eine vom Autor überarbeitete Version seines in The Guardian erschienenen Artikels „The floating church: inside the holy vessel bringing salvation to Hackney hipsters“, 19. Oktober 2020



Fakten
Architekten Denizen Works, London
Adresse Queen Elizabeth Olympic Park, 14 E Bay Ln, London E15 2GW, Vereinigtes Königreich


aus Bauwelt 11.2021
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