Krankenhaus San Raffaele in Mailand


Mit ihrem Neubau für die Notaufnahme und die Chirurgie schaffen Mario Cucinella Architects auf dem chaotisch anmutenden Areal des Ospedale San Raffaele im Nordosten von Mailand eine ordnende neue Mitte


Text: Schittich, Christian, München


    Über dem zurückhaltend gestalteten Podium baut sich ein siebengeschos­siger Turm mit extrovertierter Fassade auf.
    Foto: Duccio Malagamba

    Über dem zurückhaltend gestalteten Podium baut sich ein siebengeschos­siger Turm mit extrovertierter Fassade auf.

    Foto: Duccio Malagamba

    In den Gebäudeecken befinden sich Besuchsbereiche, ...
    Foto: Duccio Malagamba

    In den Gebäudeecken befinden sich Besuchsbereiche, ...

    Foto: Duccio Malagamba

    ... in denen die Patienten Besucher außerhalb ihrer Zimmer empfangen können.
    Foto: Duccio Malagamba

    ... in denen die Patienten Besucher außerhalb ihrer Zimmer empfangen können.

    Foto: Duccio Malagamba

    In den beiden Tiefgeschossen gibt es einen Block mit 20 neuen Operationssälen.
    Foto: Duccio Malagamba

    In den beiden Tiefgeschossen gibt es einen Block mit 20 neuen Operationssälen.

    Foto: Duccio Malagamba

    An den Ecken schwingen die Dachkanten unterschiedlich weit nach außen, um die Dynamik der Fassade zu unterstreichen.
    Foto: Duccio Malagamba

    An den Ecken schwingen die Dachkanten unterschiedlich weit nach außen, um die Dynamik der Fassade zu unterstreichen.

    Foto: Duccio Malagamba

    Die vertikalen, weißen Lamellen der Fassade verhindern weitgehend eine direkte Sonneneinstrahlung und reduzieren so den Energieeintrag.
    Foto: Duccio Malagamba

    Die vertikalen, weißen Lamellen der Fassade verhindern weitgehend eine direkte Sonneneinstrahlung und reduzieren so den Energieeintrag.

    Foto: Duccio Malagamba

    Die Reflexionen erhöhen gleichzeitig den indirekten Lichteintrag.
    Foto: Duccio Malagamba

    Die Reflexionen erhöhen gleichzeitig den indirekten Lichteintrag.

    Foto: Duccio Malagamba

Eisberg nennen Ärztinnen und Pfleger ziemlich treffend den neuen Erweiterungsbau im Herzen des Ospedale San Raffaele in Mailand, der sich als weiß strahlender, filigraner Organismus bereits von Weitem zeigt und mit seiner prägnanten Erscheinung durch die eindrucksvollen Glasfassaden einen eindeutigen Akzent und Ruhepol in der über Jahrzehnte wild gewachsenen Anlage bildet.
Die Forschung und die medizinische Versorgung des Großklinikums am Stadtrand, dem auch eine private Universität angeschlossen ist, genießen in Italien Exzellenzstatus und gehören zu den führenden des Landes. Das äußere Erscheinungsbild des Campus indes wurde diesem Ruf bislang nicht annähernd gerecht. Bis vor kurzem zeigte es sich als wildes Sammelsurium weitgehend belangloser Bauten aus den 1970er-, 80er- und 90er-Jahren, darunter wahre Bausünden wie der klobige Rundbau der Molekularmedizin mit kitschiger Kuppel und aufgesetzter überlebensgroßer Engelsfigur.
Als 2012 die San Donato Gruppe, das größte private Krankenhauskonsortium Italiens, die Einrichtung von der Katholischen Kirche übernahm, war es das neue Management, das für den notwendigen Ergänzungsbau ein ordnendes architektonisches Highlight wünschte, das den Campus neu strukturiert. Drei italienische Architekturbüros wurden um ein Grobkonzept und erste Ideenskizzen gebeten, Mario Cucinella Archi­tects erhielten schließlich den Zuschlag. Und tatsächlich erfüllt Cucinella die Vorgaben und Wünsche des Bauherrn mit einem durchaus wegweisenden Klinikbau, der das verlangte Zeichen setzt, sich durch Effizienz und kurze Wege auszeichnet, dabei aber gleichzeitig das Wohlbefinden von Patienten und Personal in den Mittelpunkt stellt.

San Raffaele von Mario Cucinella Architects
Mit insgesamt 40.000 Quadratmetern Fläche übernimmt das Gebäude von Chirurgie und Notaufnahme als neuer Mittelpunkt verschiedene zentrale Funktionen für den gesamten Klinikkomplex, an den es über das bestehende unterirdische Erschließungssystem angebunden ist. Der Baukörper besteht aus zwei unterschiedlichen Volumen: einem horizontalen, sockelartigen Podiumsbau, der ein Stockwerk aus der Erde ragt, und einem zurückgesetzt darüber errichteten siebengeschossigen Turm, welcher an der Südseite im 4. und 5. Obergeschoss durch einen aufgestelzten Brückenbau an einen der Bestandsbauten andockt.
Der nach außen zurückhaltend gestaltete, mit erdfarbener Keramik verkleidete Podiumsbau beherbergt auf drei Ebenen die hochtechnisierten Räume: im Erdgeschoss die größte Notaufnahmestation des Landes, in den beiden Tiefgeschossen darunter einen Block mit 20 Opera­tionssälen nach neuestem Standard. Im Sockel befindet sich auch die ebenerdige Zufahrt für die Ambulanz sowie ein Personeneingang. Die Haupt­erschließung aber erfolgt – ebenso wie für alle anderen Einrichtungen des Großklinikums – über ein Netz aus Tunneln unter den Gebäuden, die teilweise als belebte Laden- und Gastronomiepassagen ausgebildet sind. Hier ist zudem die zentrale Anmeldung untergebracht. Das Flachdach des Sockelbaus ist begrünt und dient als Aufenthaltsbereich für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.
Direkt über der Notaufnahme, in den beiden unteren Geschossen des Turms, liegen die Intensivstation sowie Untersuchungs-, und Behandlungsräume, während die fünf oberen Stockwerke überwiegend den einzelnen Stationen für Notfallmedizin und Orthopädie, Neuro- und allgemeine Chirurgie sowie Gynäkologie und Urologie mit insgesamt 284 Betten vorbehalten sind. Ganz oben, mit schneller Erreichbarkeit der Mitarbeiterterrasse auf dem Dach, befinden sich außerdem Arzt- und Personalräume. Während die Patienten- und Besucherräume ausschließlich zum Außenraum orientiert sind, übernimmt in den einzelnen, im Grundriss leicht kissenförmigen Geschossen ein innenliegender, um einen zentralen Lichthof angeordneter Versorgungskern die dienenden Funktionen. Hier sind neben den Aufzügen und Fluchttreppenhäusern, Labore, Sanitärräume für das Personal, Besprechungszimmer und Teeküchen untergebracht.

Beinahe ätherische Leichtigkeit

Das bestechende, weithin sichtbare Merkmal des Neubaus jedoch sind zweifellos seine Fassaden. Diese zeigen sich vollständig verglast und werden in voller Höhe durch vorgelagerte Vertikallamellen rhythmisiert, die in ihrer Ausrichtung dem Verlauf der Sonne folgen. Besondere Dynamik erhalten die Fassaden durch ihre konkave Krümmung in horizontaler Richtung, gleichzeitig schwingen die Dachkanten unterschiedlich weit zu den Ecken hin nach oben. Dieser Effekt verleiht dem gesamten Volumen im Zusammenspiel mit der filigranen Konstruktion der Hülle und verschiedenen Stufen der Transparenz eine für ein Krankenhaus ungewöhnliche, beinahe ätherische Leichtigkeit. Tagsüber spielen die Fassaden, die aus jeder Perspektive anders wirken, mit dem Licht, während sie nachts eindrucksvoll von innen heraus leuchten.
Die wesentliche Funktion der vorgehängten Außenhaut aber ist es, die maximale Ausbeute an Tageslicht in die Innenräume zu bringen und dabei die solaren Energieeinträge vor allem im Sommer so gering wie möglich zu halten. Die Lamellen übernehmen dafür die Aufgabe, das Sonnenlicht zu streuen und eine direkte Einstrahlung weitgehend zu verhindern. Daneben erfüllen die Keramiklamellen mit tragendem Aluminiumkern noch eine weitere aktive, jedoch nicht sofort offensichtliche Funktion. Dank ihrer photokataly­tischen Beschichtung mit Titandioxid binden und zersetzen ihre selbstreinigenden Oberflächen ähnlich den Pflanzen Schadstoffpartikel aus der Luft, die später vom Regen wieder ausgewaschen werden. Gleichzeitig wirken sie antimikrobiell und töten Viren und Bakterien ab. Beides zusammen soll die Luftqualität der direkten Umgebung erheblich verbessern.
Obgleich die vorgehängten Fassaden komplett verglast sind, ist nur ein knappes Drittel davon tatsächlich transparent, etwa 70 Prozent dagegen opak. Das erreichen die Architekten durch rückseitig weiß lackierte Gläser, hinter denen wiederum eine ausreichend starke Wärmedämmschicht ist. Damit soll, zusammen mit der lichtstreuenden Wirkung der Lamellen, der Gesamtenergieverbrauch für Heizung, Kühlung und Beleuchtung reduziert werden.
Studien belegen, dass natürliches Licht den Genesungsprozess von Patienten positiv beeinflusst. Gleichzeitig fördert es das Wohlbefinden und die Konzentrationsfähigkeit des medizinischen Personals. Aus diesem Grund sehen Mario Cucinella Architects im Tageslicht ein wesentliches Merkmal für ein an den menschlichen Bedürfnissen orientiertes Krankenhaus und versuchen, dieses wo immer möglich ins Gebäude zu bringen. Im Inneren ihres Neubaus zeigt sich das nicht nur in den hellen Patientenzimmern und Personalräumen, sondern auch in den loungeartigen Wartebereichen vor den Stationen. Besonders lichtdurchflutet sind die jeweils in den Gebäudeecken angeordneten Besuchsbereiche, wo der Anteil an transparenter Verglasung am höchsten ist – nicht zuletzt, um die Gebäudekanten optisch aufzulösen und im Winter die durch den Glashauseffekt gewonnene Energie zu nutzen. Die Einrichtung eigener Besuchsbereiche mit einer eher wohnzimmerartigen Atmosphäre soll dazu beitragen, die Privatsphäre der Patienten und ihrer Zimmernachbarn zu schützen, gleichzeitig ermöglichen diese Begegnungsräume es den überwiegend bettlägerigen Patienten, gelegentlich ihre Umgebung zu wechseln. Auch mit den gewählten Farben, Materialien und Einrichtungsgegenständen, versuchen die Architektinnen und Planer die typische Klinikatmosphäre wo möglich zu vermeiden.
Die aktuelle Pandemie hat das Thema Krankenhaus international wieder in den Fokus gerückt und gezeigt, wie wichtig es ist, von den weitverbreiteten technokratischen, inhumanen Behandlungsmaschinen wegzukommen. Mit ihrer Notaufnahme und Chirurgie in Mailand zeigen Mario Cucinella Architects, dass die Verbindung von durchdachter Funktionalität, einem hohen Technisierungsgrad und der Erfüllung menschlicher Bedürfnisse gelingen kann und dabei auch die Energieeffizienz nicht zu kurz kommen muss.



Fakten
Architekten Mario Cucinella Architects, Bologna/Mailand
Adresse Via Olgettina, 60, 20132 Milano MI, Italien


aus Bauwelt 14.2022
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