Der verlogene Sohn

Den Geschichtsfälschungen des Schwerverbrechers Albert Speer glaubte die bürgerliche Öffentlichkeit allzu gern – eine Ausstellung in der Topographie des Terrors zieht Bilanz

Text: Costadura, Leonardo, Berlin

Breker modelliert Speer, 1941.
Foto: Museum Arno Breker

Breker modelliert Speer, 1941.

Foto: Museum Arno Breker


Der verlogene Sohn

Den Geschichtsfälschungen des Schwerverbrechers Albert Speer glaubte die bürgerliche Öffentlichkeit allzu gern – eine Ausstellung in der Topographie des Terrors zieht Bilanz

Text: Costadura, Leonardo, Berlin

Als Albert Speer am 1. Oktober 1966 nach zwanzigjähriger Haft das Kriegsverbrechergefängnis Spandau verließ, begann für ihn eine zweite, erfolgreiche Karriere als Publizist. Seine erste, nicht minder erfolgreiche Karriere als Hitlers Leibarchitekt und Reichsminister für Bewaffnung und Munition hatte zwar vor dem Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg ein jähes Ende gefunden, bildete aber dennoch die Grundlage für seinen Erfolg als Autor. Dass dies möglich war, lag am eigenartigen Nährboden der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit dieser Jahre, die sich zwischen Amnesie und Rechtfertigung bewegte, derweil ehrliche Aufarbeitung mit wenigen Ausnahmen (Fritz Bauer) tunlichst vermied.
Die Berliner „Topographie des Terrors“ zeigt zurzeit eine flächenmäßig kleine, aber außer­ordentlich materialreiche und klug strukturierte Ausstellung des Dokumentationszentrums Reichsparteitagsgelände Nürnberg, die Speers für die deutsche Geschichte so aussagekräftige Laufbahn aufarbeitet. Im Zentrum des Raumes steht als Ausgangspunkt der Schau ein Sechseck aus Stellwänden, auf deren Innenseite reihum kürzere Videosequenzen von Albert Speer abgespielt werden. Stellt man sich ins Zentrum und folgt den Projektionen, so verdreht Speer einem mit seinen Lebenslügen den Kopf. „Hitler hat es verstanden, die Dinge, die er vorbereitete, geheim zu halten“, gibt er mit seinem Gesichtsausdruck eines Bankrotteurs am Pokertisch von sich, oder „Selbst als Rüstungsminister wurde mir nicht bekannt, wenn er große Aktionen, große Offensiven startete“, und schließlich „Aber systematischer Massenmord – nein, das konnten wir uns in unseren schlimmsten Träumen nicht vorstellen.“
So wurde Speer zum Säulenheiligen deutscher Rechtfertigungsnarrative. Dass einer der engsten Vertrauten Hitlers den Ahnungslosen gab, war an sich als Entlastungsbeweis schon attraktiv genug, aber die nötige publizistische und narrative Schlagkraft erhielt Speer erst dank der tatkräftigen Unterstützung von Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler, zwei prominenten Figuren in der deutschen Medienlandschaft. Sie standen Speer redaktionell beratend zur Seite und organisierten Publikation und Verkauf von den zwei Bestsellern „Erinnerungen“ und „Spandauer Tagebücher“.
Den Mythos, der dort errichtet wurde, nimmt die Ausstellung sorgfältig auseinander. Die Besucher können sich an Tische setzen und über Bildschirme und Kopfhörer Erläuterungen von Experten einholen. So erfährt man zum Beispiel, dass Albert Speer 13,7 Millionen Reichsmark für den Ausbau des Lagers Auschwitz-Birkenau persönlich genehmigte.
Viele Schrift- und Bildquellen sind an den Tischen und Wänden abgebildet und ermöglichen die eigenhändige Überprüfung der Informationen. Ihre Fülle würde ohne weiteres einen zweiten Besuch rechtfertigen. Unter ihnen findet sich auch Speers Antwort auf Joachim Fests Frage, ob er den Namen Auschwitz in seiner Zeit als Rüstungsminister gehört habe; seine paradigmatische Antwort: „Ich habe ihn nicht direkt gehört“.
Albert Speer und die Bundesrepublik. Vom Umgang mit deutscher Vergangenheit
Topographie des Terrors. Niederkirchnerstraße 8. 10963 Berlin.
www.topographie.de
Bis 25. September
Der Katalog, Michael-Imhof-Verlag, kostet 9,80 Euro
Fakten
Architekten Albert Speer
aus Bauwelt 16.2022
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