Dienst am Gemeinwohl

Die Waldsiedlung Zehlendorf soll für den UNESCO-Titel nachnominiert werden. Eher skeptisch sehen das die Bewohnerinnen und Bewohner, die ihre Siedlung klimaneutral machen wollen.

Text: Homann, Shirin, Berlin

    Mehrfamilienhaus in der Argentinischen Allee.
    Foto: Bildagentur-Online/Joko/Alamy Stock Foto

    Mehrfamilienhaus in der Argentinischen Allee.

    Foto: Bildagentur-Online/Joko/Alamy Stock Foto

Dienst am Gemeinwohl

Die Waldsiedlung Zehlendorf soll für den UNESCO-Titel nachnominiert werden. Eher skeptisch sehen das die Bewohnerinnen und Bewohner, die ihre Siedlung klimaneutral machen wollen.

Text: Homann, Shirin, Berlin

Im August veranstalteten das Landesdenkmalamt Berlin und der Bezirk Steglitz-Zehlendorf eine „Digitale Bürgerwerkstatt“, in der es um die Nachnominierung der „Waldsiedlung Zehlendorf“ zum bestehenden UNESCO-Welterbe „Siedlungen der Berliner Moderne“ ging. Der erste Schritt in Nominierungsverfahren ist die Aufnahme in die nationalen Tentativlisten, deren Antragsplanungen in der Regel einen Zeitraum von zehn Jahren abbilden. In Deutschland gilt die Kulturhoheit der Länder, sie haben das Nominierungsrecht. Erst die Kultusministerkonferenz führt die Ländervorschläge zu einer einheitlichen Liste zusammen, übergibt sie dem Auswärtigen Amt, das sie über die Ständige Vertretung Deutschlands an das UNESCO-Welterbezentrum in Paris übermittelt. Dort werden die Anträge schließlich auf förmliche Richtigkeit begutachtet.
Diese „Lieferkette“ wird in Zehlendorf nun von der engagierten Bevölkerung geprüft. Fakt ist, dass die „Globale Strategie“ des Welterbekomitees neben dem Prinzip der Nachhaltigkeit auch Beteiligungsverfahren wie die „Bürgerwerkstatt“ fordert, die von den Vertragsstaaten national und international umgesetzt werden müssen. Ohne Nachhaltigkeitskonzepte und ohne Beteiligungsverfahren kann man eine Welterbenominierung also vergessen.(1)
Das wäre bedauerlich, denn die Waldsiedlung Zehlendorf, die aufgrund ihrer einzigartigen Farbgebung bis heute, mal diffamierend, mal schwärmerisch, auch Papageiensiedlung genannt wird, ist ein Juwel der Berliner Siedlungen. 2008 schafften es sechs Siedlungen der Berliner Moderne (u.a. die Hufeisensiedlung in Britz) als Gemeinschaftsbewerbung auf die Welterbe-Liste. Nachträglich soll in dieses Paket die Zehlendorfer Waldsiedlung an der Argentinischen Allee aufgenommen werden.
Tatsächlich verweigerten die Zehlendorfer Bezirksbehörden vor knapp hundert Jahren die Baugenehmigung. Der kühne Stadtbaurat Martin Wagner ordnete den Baubeginn trotzdem an, die Polizei bekam Arbeit und Herr Wagner Ärger mit der Justiz, aber die Siedlung steht. Gebaut wurden die 1100 Geschosswohnungen und 800 Einfamilien- bzw. Reihenhäuser 1926 bis 1931. Die Gemeinnützige-Heimstätten-Aktiengesellschaft (GEHAG), die inzwischen eine GmbH unter dem Dach der Deutsche Wohnen ist, finanzierte das Projekt. Bauleiterin war Ludmilla Herzenstein, die Architekten hießen Bruno Taut, Hugo Häring und Otto Salvisberg.
Sie realisierten, wovon wir heute nur träumen: die Integration einer strengen, doch liebevollen Siedlungsarchitektur in einen existierenden Kiefernwald, inklusive Verlängerung einer U-Bahn-Linie. Man setzte Standards: Natur, öffentliche Verkehrsanbindung, lokale Einkaufsmöglichkeiten, gepaart mit außergewöhnlicher Architektur, die in ihrer fast kindlichen Freundlichkeit kaum zu überbieten ist. Längst steht die Siedlung unter Ensembleschutz und wird von Berlinern und Berlinerinnen geliebt.
Klimaschutz und Denkmalschutz ist kein Widerspruch
Doch der Weltkulturerbe-Status ist vielen der Anwohnenden gar nicht so wichtig. Sie befürchten zum Teil, dass nach ersten Modernisierungen eine weitere Aufwertung der Siedlung durch eine Zugehörigkeit zum UNESCO-Welterbe zu höheren Mieten führen könnte. Ferner initiierte der Nachbarschaftsverein nun ein Klimaprojekt mit dem ehrgeizigen Ziel bis zum 100-jährigen Bestehen der Häuserzeilen am U-Bahnhof Onkel Toms Hütte 2031, die Siedlung klimaneutral zu machen. Dafür müssten auf circa der Hälfte aller Dächer in der Siedlung Photovoltaikanlagen installiert werden, circa 1000 Stück.
Vor diesem Hintergrund übten die Anwohnenden bei der „Bürgerwerkstatt“ scharfe Kritik an der Unteren Denkmalschutzbehörde, die so agiere, als habe der Denkmalschutz Hoheitsrechte über den Klimaschutz, anstatt zu begreifen, dass auch Denkmäler zum Klimaschutz beitragen müssen. Seit Anfang letzten Jahres sind dort circa zwanzig Anträge zur Installation von Photovoltaikanlagen gestellt worden. Die Anträge werden weiterhin im Einzelfall entschieden. Auch die Vermieterin Deutsche Wohnen scheint sich dafür zu interessieren: Mieterinnen berichteten, diese habe im Juli dieses Jahres Drohnenflüge über ihren Häusern angekündigt, da man „Photovoltaikpotenziale identifizieren“ möchte. Wollen Mieter und Vermieterin überhaupt den Welterbestatus? Bereits 2006 wurde der mögliche Ausbau der bauzeitlichen Terrassen als Teil des Pflegewerks beschlossen. Diese Wohnraumerweiterungen wurden aufgrund engen Bemessungen der Einfamilienreihenhäuser durchgeführt, das sukzessive Verschwinden der bauzeitlichen Terrassen bleibt eine bedauerliche Beeinträchtigung des Baudenkmals, denn der „Übergangsraum von Innen und Außen“ trägt erheblich zur Qualität des Ensembles und zu dessen Wohn- und Farbkonzept bei.
Eigentlich wären die Workshops der „Bürgerwerkstatt“ der ideale Ort für einen konstruktiven Austausch zwischen Anwohnenden und Behörden gewesen, um energetische Schwachstellen und Potenziale direkt an der welterbeverdächtigen Siedlung zu konkretisieren, stattdessen wurden die Beteiligten hitzig. Alte Debatten über Mülltonnen wurden reaktiviert und über Nachbars Garten geschimpft. Selbst die Frage, wo Ladestellen für E-Autos an den bisher „nur“ Ensemble geschützten Denkmalfassaden platziert werden könnten, hatte etwas Gestriges, weil sie die fragwürdige Prämisse akzeptiert, dass es in der Waldsiedlung um die Fassade geht und ignoriert, dass lokale Initiativen längst an verkehrsberuhigenden Mobilitätskonzepten arbeiten.
Keine Seite hat es bei derartigen Projekten leicht, die Bürgerinnen arbeiten sich an komplizierten Behördenstrukturen ab, während der Denkmalschutz die Siedlung gegen eifrige Heimwerker zu verteidigen hat, die gern auch mal eigene Entwürfe in ihren kleinen Gärten realisieren.
Dass Auftaktveranstaltungen zu Welterbenominierungen umfänglich informieren müssen, ist selbstverständlich. Doch die Veranstalter räumten den Teilnehmenden in der zweieinhalbstündigen „Bürgerwerkstatt“ nur zwei parallel stattfindende 30-minütige Workshops zur Partizipation ein, was zu Unmut führte. Eine repräsentative Befragung der Bewohnerinnen plant die Oberste Denkmalschutzbehörde aktuell nicht. Auf Nachfrage, wie Sie sich angesichts des Klimawandels positioniert, wurde mitgeteilt: „Das Thema Klimaschutz wird von den Denkmalbehörden als eine der wesentlichen aktuellen Herausforderungen verstanden. (…) Gute Baulösungen für die spezifischen Herausforderungen wird man zunächst für den Einzelfall entwickeln. Wenn es hier Routinen und gute Erfahrungen gibt, kann auch über ein pauschales Genehmigungsverfahren von baugleichen Lösungsvorschlägen entschieden werden. Der „Green Deal“ und die „Renovation Wave“ mit dem Programm „Fit for 55“ der EU ermöglichen in den nächsten Jahren gute Chancen für und zugleich Erwartungen an die baldige Entwicklung von Rahmenbedingungen hierfür. Die wollen wir auch in Berlin proaktiv nutzen! (...) Für den denkmalfachlichen Umgang mit der Waldsiedlung Zehlendorf ist eine Aktualisierung des Denkmalpflegeplans in Vorbereitung. Dieser soll auch Aussagen zu energetischen Fragestellungen etc. beinhalten und wird in Anerkennung der bisher geleisteten Arbeit durch Bewohnerschaft und Bezirk weiter ausgearbeitet.“
Bruno Taut sagte in seiner Architekturlehre: „Uns allen ist der Schöpfertrieb gegeben worden. Wir wollen, dass das Neue auch immer etwas Besseres ist.“ (2)
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1 www.unesco.de/files/2021-01/ 20201215_UNESCO-Welterbe_Handreichung.pdf
2 Bruno Taut, Architekturlehre, Kapitel 2; ARCH+ Books, S. 19

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