Lina Bo Bardi: ein humanistischer Blick auf die Architektur

Die Architektin Lina Bo Bardi ist bekannt für soziale Wohnungsbauprojekte. Nun erhielt sie den Goldenen Löwe in memoriam für ihr Lebenswerk: Auf Vorschlag von Biennale-Kurator Hashim Sarkis wird die 1992 verstorbene italienisch-brasilianische Architektin, Designerin, Szenografin und Künstlerin Lina Bo Bardi mit dieser besonderen Auszeichnung gewürdigt.

Text: Bader, Vera Simone, München

    Ephemere Strukturen für das Belvedere zwischen Trianon-Park und Museu de Arte de São Paulo, dem bekanntesten Bau von Lina Bo Bardi.
    Zeichnung: © MASP Archive

    Ephemere Strukturen für das Belvedere zwischen Trianon-Park und Museu de Arte de São Paulo, dem bekanntesten Bau von Lina Bo Bardi.

    Zeichnung: © MASP Archive

    1977 bis 1986 baute Lina Bo Bardi ein ehemaliges Fabrikgelände in São Pau­lo für die Gewerkschaftsorganisation Serviçio Social do Comércio (SESC) zu einem Sport- und Kulturzentrum um. Die Skizze oben zeigt einen Essbereich.
    Zeichnung: © Instituto Bardi/Casa de Vidro; Foto der Zeichnung: Henrique Luz

    1977 bis 1986 baute Lina Bo Bardi ein ehemaliges Fabrikgelände in São Pau­lo für die Gewerkschaftsorganisation Serviçio Social do Comércio (SESC) zu einem Sport- und Kulturzentrum um. Die Skizze oben zeigt einen Essbereich.

    Zeichnung: © Instituto Bardi/Casa de Vidro; Foto der Zeichnung: Henrique Luz

    Beauftragt mit der Sanierung der Altstadt von Salvador de Bahia, plante Lina Bo Bardi ab 1986 einige kleinere Eingriffe und Projekte, etwa das Wasserrad und den Wasserfall für einen der dortigen Plätze.
    Zeichnung: © Instituto Bardi/Casa de Vidro; Foto der Zeichnung: Henrique Luz

    Beauftragt mit der Sanierung der Altstadt von Salvador de Bahia, plante Lina Bo Bardi ab 1986 einige kleinere Eingriffe und Projekte, etwa das Wasserrad und den Wasserfall für einen der dortigen Plätze.

    Zeichnung: © Instituto Bardi/Casa de Vidro; Foto der Zeichnung: Henrique Luz

Lina Bo Bardi: ein humanistischer Blick auf die Architektur

Die Architektin Lina Bo Bardi ist bekannt für soziale Wohnungsbauprojekte. Nun erhielt sie den Goldenen Löwe in memoriam für ihr Lebenswerk: Auf Vorschlag von Biennale-Kurator Hashim Sarkis wird die 1992 verstorbene italienisch-brasilianische Architektin, Designerin, Szenografin und Künstlerin Lina Bo Bardi mit dieser besonderen Auszeichnung gewürdigt.

Text: Bader, Vera Simone, München

Für die Zeitschrift „Attualità, Architettura, Abitazione, Arte“ berichtet Lina Bo Bardi 1946 von den vom Zweiten Weltkrieg am schwersten betroffenen Regionen Italiens. Die von ihr fotodokumentarisch festgehaltenen Zerstörungen dürften sie nachhaltig beeinflusst haben. Nur wenige Monate später zieht sie zusammen mit ihrem Ehemann Pietro Maria Bardi von Mailand nach Brasilien, das ihr zur Wahlheimat wird, und verlässt damit nicht nur physisch, sondern auch mental für immer die „alte“ Welt. Bei ihrer Ankunft in São Paulo kann sie sich auf Anhieb mit dem Antropo­fágo identifizieren, jener von Mario de Andrade geprägten Bewegung der 1920er Jahre, die mit volkstümlichen Quellen die verlorengegangene Identität zurückgewinnen möchte und die sich gegen das „Künstliche“ wendet – als Reaktion auf die Kolonisierung, aber auch auf die beginnenden, alles neutralisierenden Modernisierungsprozesse jener Jahre.
Die Nähe zur brasilianischen Künstleravantgarde wird besonders in Lina Bo Bardis Zeichnungen und Entwurfsskizzen deutlich. Charakterisiert noch ein präzis geführter Strich die lebendigen, farbenprächtigen Aquarelle der früheren Jahre, entwickelt sie in Brasilien einen lockeren, skizzenhaften, naiv wirkenden Duktus. Auch bevölkert Bo Bardi ihre visualisierten Räume nun mit Menschen, wie die vielen für das Museu de Arte de São Paulo (MASP) angefertigten Handzeichnungen zeigen. Es ist eines ihrer bekanntesten Bauprojekte; den Auftrag erhält sie 1957 dank ihres Ehemanns, der damals als Direktor des Kunstmuseums tätig war. Doch statt in den Darstellungen ihren architektonischen Entwurf zu zelebrieren, lässt sie den mit zartem Strich ausgeführten aufgeständerten Glaskasten in den Hintergrund treten vor dem Trianon-Park, dem einzigen Stück Urwald im Zentrum von São Paulo, das sich direkt gegenüber dem MASP erhalten hat. Das eigentliche Hauptmotiv ist der unter dem schwebenden Baukörper freigewordene Platz, der sich zur Hauptstraße hin öffnet, ein von Lina Bo Bardi entworfener Freiraum im ansonsten dichten Stadtgefüge. Sie kann sich vorstellen, wie dieser undefinierte, unbeschriebene Raum mit Volkskunst, mit Kindern oder informellen Veranstaltungen wie etwa einem Zirkus gefüllt wird. All diese Ideen, die in ihren Zeichnungen Gestalt erhalten, kommen nicht von ungefähr, sondern resultieren aus einer Beschäftigung mit dem Ursprünglichen, dem Unbeschriebenen.
Auf der Suche nach einem authentischen Ausdruck setzt sie sich auch in anderen Werken mit der Natur genauso wie mit der unverfälschten Volkskunst der afrobrasilianischen Kultur aus­ein­ander; und sie stellt immer wieder die Kinder in den Vordergrund, die in ihrer noch „primitiven“ Wildheit auf dem Weg zu einer eigenen Identität für sie ein kreatives Potenzial entfalten. Ein Potenzial, das sie anfangs ebenfalls in der neuen brasilianischen Architektur erkennt, wenn sie schreibt: „It [the architecture] is young, it hasn’t had much time to stop and reflect, but came into being all of a sudden, as a beautiful child.“¹
Dieser unkonventionelle Ansatz ist es auch, der sie zwischen den vermeintlich erstarrten Grenzen und Strukturen interagieren lässt, wie denen zwischen der Architektur und anderen Künsten oder zwischen Architektur und Handwerk, aber vor allem zwischen Architektur und Gesellschaft. Ihre im Laufe der Jahre entwickelten Ideen kann sie in ihrem wohl renommiertesten Werk, der SESC-Pompeia, zusammenfassen. Es handelt sich um eine ehemalige Lagerhalle, die sie für die Gewerkschaftsorganisation Serviçio Social do Comércio (SESC) in ein Sport- und Kulturzentrum umwandelt, mit Werkstätten, einer Bar, einer Bibliothek, einem temporären Ausstellungsraum und einem Theater. Sie tritt dort nicht nur als Architektin auf, sondern auch als Bühnenbildnerin und Kuratorin. Über zehn Jahre arbeitet sie zusammen mit Handwerkern an vielen Details, angefangen von der Möblierung über die Beschilderung bis hin zu den Uniformen der Angestellten. Sie schafft einen lebendigen Ort, an dem sich die Menschen wohlfühlen, auch weil sie Räume entwirft, die in ihrer Einfachheit spontane Reaktionen und Aneignungen zulassen. Damit erreicht sie eine Bescheidenheit, ohne auf die große Geste in der Architektur zu verzichten, von der die ebenfalls für die SESC entworfenen hohen Betontürme für die Sporthallen und der Wasserspeicher in Form eines Fabrikschornsteins zeugen. Mit ihrer Radikalität, Projekte über den architektonischen Entwurf hinaus zu denken, findet sie eine eigene, den Menschen zugewandte Position, die heute mehr als aktuell ist.
1 Lina Bo Bardi: Beautiful Child, in: Habitat 2, Jan–März 1951

Vera Simone Bader ist seit 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Architekturmuseum der TUM. Dort kuratierte die promovierte Kunsthistorikerin die Ausstellung „Lina Bo Bardi 100. Brasiliens alternativer Weg in die Moderne“. Die von Bader kuratierte Ausstellung „Experience in Action!“ zur Lehrmethode DesignBuild ist ab dem 23. Juni im AIT-Salon in Hamburg und ab dem 27. August im DAZ in Berlin zu sehen.
Zur Architektin Lina bo Bardi (1914–1992) (Ergänzung der Red.)
Lina Bo Bardi war eine in Italien geborene Architektin, die in den 1940er Jahren nach Brasilien zog. Sie ist vor allem für ihre Arbeit an sozialen Wohnungsbauprojekten und öffentlichen Räumen bekannt, die auf einer humanistischen Architekturauffassung beruhen, die die Bedürfnisse und Bestrebungen der Menschen berücksichtigt. Bo Bardi vertrat die Ansicht, dass gute Architektur für jeden zugänglich sein sollte, unabhängig von seinem wirtschaftlichen Status. Sie entwarf ihre Gebäude in diesem Sinne und schuf Räume, die nicht nur funktional, sondern auch schön und inspirierend waren.
Eines der berühmtesten Projekte von Lina Bo Bardi ist das SESC Pompéia, ein Zentrum für soziale Dienste in São Paulo. Das Gebäude wurde entworfen, um eine Vielzahl von Freizeit- und Bildungseinrichtungen für die örtliche Gemeinschaft bereitzustellen. Es umfasst unter anderem ein Theater, eine Bibliothek, ein Schwimmbad und eine Sporthalle. Die Arbeit von Lina Bo Bardi hat die brasilianische Architektur und Gesellschaft nachhaltig beeinflusst. Ihr Engagement für soziale Gerechtigkeit und ihr humanistischer Ansatz bei der Gestaltung inspirieren auch heute noch Architekten und Stadtplaner.
Die Karriere und das Lebenswerk von Lina Bo Bardi
Bo Bardi wurde 1914 als Tochter marxistischer Eltern in Rom geboren. Sie studierte Architektur an der dortigen Hochschule für Architektur, bevor sie nach Mailand ging, wo sie für Gio Ponti arbeitete und das einflussreiche Designkollektiv Comitato 8 + 1 mitbegründete. Im Jahr 1946 heiratete sie Pietro Maria Bardi, einen zehn Jahre älteren brasilianischen Kunsthistoriker. Das Paar zog im folgenden Jahr nach São Paulo, damit er die Leitung des Museu de Arte de São Paulo (MASP) übernehmen konnte. Lina Bo Bardi etablierte sich schnell als eine wichtige Figur in der brasilianischen Kulturszene. Im Jahr 1948 war sie Mitbegründerin einer experimentellen Theatergruppe, des Teatro Oficina, und entwarf deren ersten Theaterraum. Außerdem begann sie mit Pietro Maria Bardi an einer Reihe von Projekten zusammenzuarbeiten, darunter das MASP-Gebäude und eine Kunstschule in Salvadore, Bahia.
Lina Bo Bardis Arbeit zeichnet sich durch eine intensive Auseinandersetzung mit ihrer Umgebung und ein Engagement für soziale Gerechtigkeit aus. Ihre Gebäude sind oft ortsspezifisch und verwenden lokale Materialien und Bauweisen. Eines ihrer bekanntesten Projekte ist das Kunstmuseum von São Paulo (MASP), das sie zusammen mit ihrem Mann Pietro Maria Bardi entworfen hat. Das Museum schwebt über einem öffentlichen Platz und schafft einen offenen und einladenden Raum für die Menschen in São Paulo.
Bo Bardi interessierte sich auch sehr für die Volkskunst und Volkskultur und setzte sich für die Erhaltung und Förderung des traditionellen Handwerks ein. Sie half bei der Gründung des Museums für Volkskunst in São Paulo und entwarf das Bahia Art Museum, in dem die Arbeiten lokaler Kunsthandwerker ausgestellt werden. Lina Bo Bardi starb 1992, doch ihr Vermächtnis hat weiterhin Einfluss auf Architekten und Designer in aller Welt. Ihr Werk ist eine wichtige Erinnerung daran, dass Architektur eine Kraft für das Gute in der Gesellschaft sein kann. Das Werk von Lina Bo Bardi ist von großer Bedeutung, da es für eine Karriere und ein Leben steht, in dem sie sich für soziale Gerechtigkeit durch Design und Architektur einsetzte. Als gebürtige Italienerin, die 1947 mit ihrem Mann nach Brasilien zog, wurde Bo Bardi schnell ein einflussreiches Mitglied der brasilianischen Kulturszene.
Fakten
Architekten Bo Bardi, Lina (1914–1992)
aus Bauwelt 10.2021
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